Brillant orchestriert aus dem Ex-Puff

Quelle: republik.ch

Polemik vom Tagi

In diese stimmen die klassischen Medien natürlich nicht ein. In der 700 m südlich gelegenen Redaktion des Tages-Anzeigers, bis vor kurzem Arbeitgeber von Seibt, beschrieb Ruedi Baumann, gemäss Twitter-Bio «Journalist beim Tages-Anzeiger seit 25 Jahren», die Ereignisse naserümpfend als «Rudel-Euphorie». Unter dem eher schlecht sitzenden Deckmäntelchen, er gebe nur Facebook-Zitate anderer Journalisten wieder, teilte er aus: «Man kann das ja gut finden und spenden, ohne gleich zum Jünger zu werden», «Ich will Taten, nicht Pathos», oder «Schon fast sektenartig.»

https://twitter.com/ClassVera/status/858355379847254020

It’s the attention economy, stupid!

Im Republik-Video wird aus dem Off ein O-Ton eingespielt: «Ob eine Geschichte wahr oder nicht wahr ist, ist in der Logik der Aufmerksamkeit bedeutungslos.»

  • Der Spender ist Seibt-Fanboy.
  • Die Spenderin findet Tamedia doof. Etwa weil sie Journalistin ist und selbst gern den Schritt wagen würde; oder weil er schon längst in einem anderen Job in der PR ist, aber im Herzen Journalist geblieben.
  • Der Spender ist im Internet zuhaus und findet Crowdfunding toll – und wenn man für innovative 3D-Scanner spendet, wieso nicht auch für innovative Medien. Bonusfeature: Vielleicht steht damit auch Internet-Illiterat Christoph Blocher etwas doof da, der offenbar vor kurzem noch nicht wusste, was Crowdfunding ist, wie aus einem Streitgespräch mit Flavia Kleiner im Migros-Magazin hervorgeht, das auf Facebook herumgereicht wurde.
  • Die Spenderin kauft vor allem Zugehörigkeit: bei etwas Coolem live dabei zu sein. Die Republik-Gründung als das neue AC/DC-Konzert, mit Seibt und Moser als Frontleuten. Deswegen sind sie auch richtigerweise nicht im Virtuellen geblieben (das Spenden selbst vollzieht ja jede allein auf dem Laptop oder Smartphone), sondern machen immer wieder Vor-Ort-Termine, sogar – krass! – ausserhalb von Zürich. Zum Symbolbild für die eigentlich abstrakte Online-Sammelaktion wurden Menschen, die morgens um 7 Uhr mit bunten Regenschirmen inmitten von Luftballons vor dem Hotel Rothaus anstanden. Campaignerin Andrea Arezina oder wer auch immer sich diese Dramaturgie ausgedacht hat – das war zweifellos brillant orchestriert.

Leere Leinwand für 10'000 Hoffnungen

Für einen der wichtigsten Punkte halte ich den Zeitpunkt des Crowdfundings. Ich muss zugeben, dass ich zunächst überrascht war vom Zeitplan, den sich das Projekt gesteckt hat: Eineinhalb Jahre von der ersten Ankündigung im Oktober 2016 bis zum Launch Anfang 2018. Wir Internetleute sind geprägt von der Denkschule des «Minimum Viable Product», bei dem man mal etwas bastelt, damit rausgeht und dann anhand des Feedbacks schaut, wie man es verbessern kann. Das Mantra dieser Philosophie stammt von LinkedIn-Gründer Reid Hoffman: «If you are not embarrassed by the first version of your product, you’ve launched too late.»

Mein Abo-Verhalten: Ich zahle, ich lade runter – ich vergesse.

Die Republik will nach heutigem Stand «ein bis drei Artikel pro Tag» veröffentlichen und dafür «einen Hauch mehr» verlangen als die nun aufgerufenen CHF 240 pro Jahr. Ich will gar nicht behaupten, dass man für drei Artikel pro Tag nicht willens wäre, ein paar hundert Franken pro Jahr zu zahlen – wenn man denn diese drei wirklich liest.

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Scope. Vorher: NZZ, Blogwerk, Zeix, HSG.

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