Die Freiheit der anderen ist meine Freiheit

Was ich in einer Genossenschaftssiedlung über das Zusammenleben gelernt habe.


Jahrelang habe ich in Mietwohnungen gelebt. Die gehörten einer Erbengemeinschaft, Architekten, einem reichen Ehepaar oder Unbekannten. Vermietet wurden sie meist von größeren und kleineren Verwaltungen. Sie schrieben Reglemente, hängten sie im Hauseingang auf und beauftragten Handwerkerinnen und Handwerker, wenn es was zu reparieren gab.

Die Reglemente (und das Mietrecht) legten fest, wo die Bedürfnisse der Mieterinnen und Mieter ernst genommen wurden und wo nicht. Sie definierten die Freiheit, die es für die Bewohnerinnen und Bewohner von Mehrfamilienhäusern gab und gibt. Haustiere, Lärm, Kinderwagen, Wäsche trocknen, grillen, parken, Hausrat verstauen, putzen — alles normiert. Fremde Menschen leben in solchen Häusern miteinander. Den Frieden verdanken sie einer externen Norm, zu der sie weder etwas beigetragen haben noch je beitragen können. Sie halten sich daran, weil sie sich sonst unter erschwerten Bedingungen eine neue Wohnung suchen müssen.


Seit fast einem Jahr lebe ich in einer selbstverwalteten Genossenschaftssiedlung. Selbstverwaltet bedeutet, dass sämtliche Aufgaben der Verwaltung von Bewohnerinnen und Bewohnern der Siedlung übernommen werden — von der Kontrolle die Mietzahlungen über die Abrechnung der Nebenkosten bis zur Instandhaltung der ganzen Siedlung. Jeder Konflikt muss ausgetragen werden, jeder Entscheid gemeinsam gefällt werden. Eine Abkürzung über eine hierarchisch übergeordnete Instanz gibt es nicht.

Das kann enorm befreiend sein, weil viele individuelle Vorstellungen vom Leben miteinander möglich sind. Die Nachbarschaft ist nicht eine zufällige, sondern eine gewollte. Das Zusammenleben nicht ein geregeltes, sondern ein gestaltetes. Die Bedürfnisse werden nicht wahrgenommen, weil eine missgestimmte Nachbarin die Verwaltung anrufen könnte, sondern weil das Zusammenleben ohne die anderen nicht denkbar wäre.

Selbstverwaltung ist aber auch sehr belastend. Raushalten kann sich niemand. Entscheide können nicht abstrakten Instanzen überlassen werden. Streit, Missgunst, Unzufriedenheit sind intensiv. Menschen und ihre Bedürfnisse ändern sich, gewählte Modelle bewähren sich phasenweise, dann wieder nicht mehr. Nicht alle sind bereit, unter den gleichen Umstanden dasselbe zu leisten.


Die selbstverwaltete Genossenschaftssiedlung ist für mich das Modell unserer Gesellschaft. Ich bin mir bewusst, dass ich sehr privilegiert bin, so wohnen zu können. Die anderen Menschen, die mit mir zusammenleben, sind ähnlich gut gebildet wie ich, sie profitieren von guten Arbeits- und Lebensbedingungen und wissen sich zu helfen. Niemand steht am Rand der Gesellschaft; alle profitieren von den günstigen Mieten und den tollen Wohnungen.

Und doch ist die Bandbreite groß. Einzelpersonen leben neben Familien, Teenager neben Babies, Professorinnen neben Handwerkern. Einge singen mitten in der Nacht auf dem Balkon, andere fahren unmögliche Autos oder verstellen den Eingangsbereich mit dem Fuhrpark ihrer Kinder. Alle sind auf Toleranz und Verständnis angewiesen. Und alle erhalten beides. Nicht immer im gewünschten Ausmass. Aber so, dass immer im Bewusstsein bleibt, dass die eigene Freiheit von der der anderen abhängt.

Die Genossenschaftsgesellschaft ist enorm demokratisch. Alles kann verhandelt werden. Geld kauft weder Einfluss noch Entlastung. Und doch gibt es Zwang: Das Interesse der Gemeinschaft steht in gewissen Fällen über dem von Einzelpersonen, denen dann Kompromisse aufgedrängt werden.

Eine Genossenschaft funktioniert unter bestimmten Bedingungen: Alle kennen einander, alle können miteinander sprechen. Alle wollen in einer selbstverwalteten Genossenschaft leben.

Einfache Lösungen entstehen nicht aus der Lebensweise der Genossenschaft. Aber sie zeigt, dass Menschen mit Freiheiten umgehen können, sie aber nicht unbegrenzt nutzen können. Freiheiten haben zwei Seiten: Sie markieren das Fehlen von Einschränkungen, aber auch das Bestehen von Möglichkeiten. Eine Genossenschaft setzt weite Schranken und bietet viel an: Einen Gemeinschaftsraum, eine Werkstatt, einen Spielplatz, einen Sportplatz. Solidarität, Unterstützung, Vertrauen, Sympathie.