Die Raucherin und der Veganer

Zu den Polen unserer Gesellschaft. 


Der Mensch ist ein denkender Körper. Das Denken schafft eine Distanz zur Biologie, aus der Möglichkeiten entstehen. Freiheit, will man ein abgenutztes Wort verwenden.

Denken schafft aber auch die Verpflichtungen, Einsichten anzugehen. Das können Menschen notorisch schlecht. Sie sind schwach. Sie streben nach Unabhängigkeit, wirkungsvollem Handeln und Liebe — und rutschen ständig ab in Abhängigkeiten, Trägheit und Hass.

Das Leben, wie es uns auferlegt ist, ist zu schwer für uns, es bringt uns zuviel Schmerzen, Enttäuschungen, unlösbare Aufgaben. Um es zu ertragen, können wir Linderungsmittel nicht entbehren. — Sigmund Freud

Diese Sätze aus das Unbehagen der Kultur sind zeitlos. »Linderungsmittel« sind oft Diskurse, Gespräche, die Menschen in einer Gesellschaft immer und immer wieder führen.

Zwei dieser mächtigen Konversationen kreisen um Figuren: Die Raucherin und den Veganer. Sie zeigen, wie Denken und Körper prototypisch zusammenhängen könnten.

Die Raucherin weiß, dass ihr das Rauchen schadet. Sie tut es trotzdem. Aus Schwäche und aus Lust. Sie zerstört ihren Körper mit ihrer Sucht. Gleichzeitig öffnet sie sich: Für das hierarchielose Gespräch am Aschenbecher und die Wirkung des Nikotins in ihrer Lunge. (Die Gegenfigur zur Raucherin ist die Joggerin: Sie tut ihrem Körper ständig Gutes, indem sie ihn quält. Sie öffnet ihre Lunge für die wohltuende Waldluft, entzieht sich ihren Mitmenschen aber mit den Stöpseln im Ohr.)

Der Veganer weiß, dass er anderen Lebewesen schadet. Und tut etwas dagegen. Er folgt seinem Denken und handelt konsequent. Wer weiß, dass er Leiden verursacht, sollte das vermeiden — diese ethische Einsicht ist so hart, dass sie jeden argumentativen Widerstand aushält. Der Veganer bildet sich ein, die ethische Lebensweise sei auch die gesunde — obwohl er seinen Körper hinter den anderer Lebewesen stellt. (Die Gegenfigur zum Veganer ist der Gourmand: Er weiß, dass er zu viel isst — gleichwohl isst er alles und viel, weil es ihm schmeckt. Was andere denken oder wie das andere betrifft, ist ihm egal.)

Die gesellschaftliche Schlucht zwischen veganer Lebensweise und genussvollem Rauchen ist aussagekräftig. Warum wird die Raucherin heute mehr bemitleidet, der Veganer aber als moralische Provokation betrachtet? Wie grenzen sich Menschen gegen die beiden Figuren ab? Mit welchen Argumenten und Bildern werden sie präsentiert? Welche Elemente können zu einem Lifestyle werden?

Weder die Raucherin noch der Veganer lösen das Problem menschlicher Schwäche. Sie gehen nur anders damit um. So sind sie ein Spiegel der gesellschaftlichen Bemühungen, das Miteinander der denkenden Körper zu organisieren.