Gansers Quellen

Update Februar 2017: Diese Rezension des Nato-Buches von Ganser durch einen Fachmann arbeitet den problematischen Umgang mit wissenschaftlichen Quellen differenziert auf.

Weil diese Diskussion auf Facebook immer wieder auftaucht, schreibe ich nun an einem Beispiel kurz auf, warum ich die Argumentation von Daniele Ganser für unseriös und unwissenschaftlich halte, mehr noch: Warum sie unwissenschaftlich ist.

Damit sage ich nicht, seine Aussagen seien falsch. Das zu überprüfen fällt aber schwer, weil Ganser seine Arbeiten nicht zur wissenschaftlichen Prüfung anbietet und nicht mit wissenschaftlichem Quellenmaterial arbeitet. Auch unterstelle ich Ganser keine unehrenhafte Absichten: Sich für den Frieden einzusetzen, ist im allgemeinen Verständnis eine noble Sache. Nur: Geschieht das mit unseriösen Methoden, dann schadet es mehr als es nützt. Wären Gansers Argumente und Methoden solide, dann müssten sie auch eine wissenschaftliche Prüfung überstehen können.

Konkret gehe ich das 4. Kapitel von Gansers neuem Buch »Illegale Kriege« kursorisch durch und notiere Auffälligkeiten. Ich bin weder Jurist noch Historiker, aber ich bin mit wissenschaftlichen Quellen und Methoden vertraut. Über Ergänzungen und Kritik freue ich mich.

Das Kapitel trägt den Titel: »Die Gründung des Internationalen Strafgerichthofs 1998«. Dazu gibt es viel Fachliteratur, z.B. Satzger, Lagodny oder Leiß, um nur wenige Arbeiten zu nennen. Ausgewählt habe ich das Kapitel, weil es recht kurz ist — meine Analyse lässt sich aber auch auf andere Kapitel übertragen.

Ganser verwendet genau 20 Quellenangaben in diesem Kapitel. Sie entfallen auf folgende Kategorien:

  1. Buch (2)
    Todenhöfer: Warum tötest du, Zaid?
  2. Artikel aus Tageszeitungen (8)
    Toronto Star, Washington Post, Independent (on Sunday),
  3. UNO-Dokumente und Reden (7)
  4. Youtube-Film (1)
    RT Deutsch
  5. Blog (2)
    Friedenspolitische Mitteilungen

Darunter ist keine einzige Arbeit, die in einem wissenschaftlichen Verlag, von einer Wissenschaftlerin oder einem Wissenschaftler geschrieben wurde oder in einer wissenschaftlichen Zeitschrift erschienen wäre. Es gibt auch kein Quellenmaterial, das Ganser erschlossen hätte. Er verweist auch nicht auf Konferenzen oder selbst geführte Gespräche mit Fachpersonen.

Ganze Abschnitte (z.B. zur Auflösung der Kriegsverbrechertribunalen nach dem Zweiten Weltkrieg und zur Gründung eines Tribunals nach dem Genozid in Ruanda) kommen ohne Belege und Quellenangaben aus.

Das geschieht auch bei zahlreichen Behauptungen (die USA hätten sich gegen einen Internationalen Strafgerichtshof gewehrt, weil sie fürchteten, ihre imperialen Interessen würden beschnitten; sie hätten armen Ländern mit dem Verlust von Finanzhilfen gedroht, wenn sie für einen Strafgerichtshof votierten; der Internationale Gerichtshof wage sich nicht an NATO-Länder heran, weil diese zu mächtig seien).

So basierte die abschließende Schlussfolgerung des Kapitels, Blair und George W. Bush seien Kriegsverbrecher, auf einer Aussage von Willy Wimmer (konkret: Bush und Blair würden herumreisen und Vorträge halten, hätten aber Kriege geführt) sowie auf der Frage von Todenhöfer, was wohl geschehen würde, wenn Blair oder Bush vor einem Gericht stünden.

Kurz: Ganser stützt sich nicht auf wissenschaftliche Arbeiten, er wertet keine Quellen aus. Seine Argumente sind entweder trivial (klar könnte es sein, dass Bush oder Blair von einem Gericht verurteilt würden) oder spekulativ (wie kann man wissen, wie ein Urteil in einem hypothetischen Gerichtsfall ausfallen würde).

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