Gibt es ein post-faktisches Zeitalter?

In einer Auslegeordnung hat Philipp Sarasin, Historiker an der Uni Zürich, dafür argumentiert, einen postmodernen Begriff von Fakten zu bewahren. Fakten seien zwar kontingent, weil sie nicht »ausserhalb von Theorien, Konzepten, Modellen und Experimentalsystemen gedacht werden können«. Darüber hinaus müssen sie als gemacht bezeichnet werden, sie werden als wissenschaftliche Tatsachen von Menschen hergestellt.

Das heisst allerdings nicht, sie seien deshalb beliebig, blosse Erfindungen, Meinungen oder gar von Lügen nicht zu unterscheiden. […] Argumente und Behauptungen über die Wirklichkeit müssen nachvollziehbar und überprüfbar sein, sie müssen andere Diskussionsteilnehmer_innen überzeugen, und sie müssen an bisherige Diskussionen und Erklärungsmodelle anschliessen können.

Sarasin bezeichnet es deshalb als einen Fehlschluss, von der Kontingenz und Gemachtheit von Fakten darauf zu schließen, es gäbe keine Fakten mehr oder sie spielten keine Rolle. Darüber hinaus grenzt er sich vom »Zynismus« rechter Bewegungen ab:

Weil Wissenschaft, Experten und tendenziell komplizierte Erklärungen der Welt in weiten Teilen der politischen Öffentlichkeit merkwürdigerweise als „links“ oder „elitär“ gelten, wird in ziemlich dreister Weise die postmoderne Epistemologie dazu missbraucht, die Unterscheidung zwischen Lüge und Wahrheit einzuebnen. Das hat mit der Postmoderne nichts zu tun, sondern enthüllt nur, wie wenig diese Leute von Wissenschaft, Argumentation, Überprüfbarkeit und Rationalität halten.

Hier scheint mir eine entscheidende Verwechslung stattzufinden: Man kann zwar sagen, die postmodernen Geisteswissenschaften hätten dem postfaktischen Zeitalter den Weg geebnet: Aber es sollte aus meiner Sicht nicht als epistemologische Haltung definiert werden (»es gibt keine Fakten« bzw. »gefühlte Wahrheiten sind auch Wahrheiten«), sondern als Wirkung: Post-faktische Politik bedeutet so gesehen, dass Akteur:innen Diskurse prägen können, ohne auf Fakten Bezug nehmen zu müssen oder an Fakten gemessen zu werden. Teile des CO2-, des 9/11-, des Impfdiskurses (um drei Beispiele zu nehmen) haben eigene Pseudofakten geschaffen, mit denen sie sich und die davon ausgehenden politischen Handlungen legitimieren. »Pseudofakten« meint nicht in einem positivistischen Sinne etwas Unwahres, sondern die Weigerung, an wissenschaftliche Diskussionen und Erklärmodelle anzuschließen. So sind entsprechende Arbeiten kaum je peer-reviewed, werden nicht von Personen in einer akademischen Karriere erstellt oder in etablierten Journals publiziert; mehr noch: Sie legitimieren sich gerade dadurch. Zudem entwickeln diese Diskurse Immunisierungsstrategien gegenüber Methoden, einen wissenschaftlichen Umgang mit Fakten zu betreiben: Abwegige Theorien zu 9/11 werden als Fragen verkauft, um sie nicht in überprüfbarer Weise begründen zu müssen; Statistiken werden mit Cherry-Picking-Methoden verzerrt; anekdotische Evidenz stärker gewichtet als methodisch saubere Untersuchungen; Verterter:innen der wissenschaftlichen Sicht pauschal als gekauft und Teil einer Verschwörung diskreditiert.

Ob man nun von einem zynischen oder einem post-faktischen Zeitalter spricht: Entscheidend ist, dass es nicht um verschiedene Theorien oder Deutungen derselben Fakten geht, sondern dass recht breite Teile der Bevölkerung und auch der politischen Player bereit sind, Fakten durch Pseudofakten zu ersetzen — und sich dessen oft auch bewusst sind. Messen lässt sich das daran, dass sie durch keine Art der Argumentation von einer anderen Haltung zu überzeugen sind. Werden ihnen Fakten — wiederum: in einem postmodernen Sinne verstanden — präsentiert, dann suchen sie als Reaktion nach weiteren Pseudofakten, um darauf zu antworten.

Im post-faktischen Zeitalter feiern Menschen ihren Confirmation Bias, statt ihn zu bekämpfen. Fakten gibt es weiterhin: Aber sie interessieren viele nicht mehr. (Ob das besonders schlimm ist, ob Social Media die Ursache dieser Entwicklung (oder ihr Symptom) sind, ob der Unkenruf des Post-Faktischen zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung wird oder ob einheitliche, an starken Fakten orientierte Diskurse nicht problematischer sind — all das lässt sich meiner Meinung nach heute schwer beurteilen.)

XKCD