»guilty pleasure« — die Abgründe meiner Unterhaltung

The algorithms know you better than you know yourself. 
— Xavier Amatriain, ehemaliger Datenwissenschaftler Netflix

In seinem Buch Everbody Lies fasst Seth Stephens-Davidowitz Erkenntnisse zusammen, die eine Differenz zwischen dem Handeln von Menschen und ihren Angaben darüber aufzeigen. Menschen geben etwa an, deutlich mehr Kondome zu verwenden als tatsächlich verkauft werden. Ein weiteres einleuchtendes Beispiel: Menschen nehmen sich vor, auf Netflix Filme mit künstlerischem Anspruch oder berührende Dokuserien zu schauen. Die merken sie dann vor — was sie aber wirklich schauen, sind harmlose Komödien und Soaps.

Sie geben sich einem »guilty pleasure« hin: Schuldig fühlen Sie sich, weil sie ihre Zeit nicht so einsetzen, wie sie sich das vorgenommen haben. Gleichwohl genießen sie ihre Unterhaltung. Die Kategorie des »guilty pleasure« ist für mich hilfreich, um einen Teil meiner Unterhaltung zu beschreiben, den ich mit meinen Überzeugungen nicht vereinbaren kann.

Die früheste Erinnerung daran sind bestimmte Comics. Während ich heute noch von Asterix, Lucky Luke oder Tim und Struppi begeistert bin und die in meiner Kindheit gesammelten Bände mit Genuss lese, kann ich nicht nachvollziehen, wie ich jemals Lustige Taschenbücher habe verschlingen können. Gesammelt habe ich sie nicht, ich empfand sie schon als Kind als Schund, als eine Form von Zeitverschwendung, der ich dennoch nicht widerstehen konnte. Heute kenne ich einige kluge Denker, die mit gewissen Duck-Panels clevere Überlegungen illustrieren (Frauen gibt es darunter keine) — ich selbst empfinde Zeichnungen, Sprache und Storytelling immer noch als etwas, was meine Aufmerksamkeit nicht verdient.

Sport ist ein weiterer Bereich, in dem »guilty pleasures« zu finden sind. In den Jahren meines Studiums habe ich während ganzen Nachmittagen die langweiligsten Tour-de-France-Etappen geschaut, auf denen das Moderatoren-Duo (Frauen gab es darunter keine) entweder die Namen von Schlössern diskutierte oder Geschichten erzählten, die mich in den Schlaf gelullt hätten, wäre ich nicht so stolz gewesen, gerade der Ereignislosigkeit halber diese Etappe zu schauen. Dieser Stolz stieg noch, als mir bewusst wurde, dass alle Radfahrer gedopt waren und ihren Körper dafür schinden, dass ich auf dem Sofa die Werbung zur Kenntnis nehme, die sie durch die Pyrenäen fahren. Irrational und gegen alle meine Überzeugungen — aber gleichwohl eine Form von Genuss.

Heute konsumiere ich primär die NFL und die NBA als Profisport. Das Gefühl, zu viel Zeit damit zu verbringen, Namen von Spielen, Details von Spielzügen und historische Ereignisse in den Sportarten zu lernen, ist vernachlässigbar im Vergleich zu dem, durch den Konsum gesellschaftliche Strukturen zu stützen, die längst überwunden sein sollten. Die Sportarten festigen Hierarchien zwischen Reichen und Armen, Weißen und Nicht-Weißen, Männern und Frauen und viele mehr. Sie verlangen jungen schwarzen Männern für Geld Gehorsam und Gesundheit ab — wofür sie aber dankbar sein sollen. Schaue ich zu, mache ich mich schuldig am Leiden vieler Menschen. (In besseren Momenten kann der Sport auch zum Schaufenster für Emanzipation werden— gerade weil amerikanischer Sportjournalismus auch politisch ist, mag ich ihn viel besser als europäischen.)

Eines meiner »guilty pleasures«: Shaqtin’ a Fool

Abschließend seien zwei weitere Spielarten meiner Unterhaltung erwähnt:

Das Facebook-Forum »Rechtsberatung Schweiz« führt mich in eine Welt, die in meinem Alltag kaum eine Rolle spielt. Menschen erkundigen sich nach Hilfe bei der Auseinandersetzung mit Nachbarinnen und Nachbarn, Verwaltungen; sie beklagen sich über Abzüge bei der Sozialhilfe, wehren sich gegen ungerechte Verkehrsbussen. Ich schaue ihnen dabei zu, ohne wirklich helfen zu können, weil ich mich juristisch nicht auskenne. Schuldig fühle ich mich doppelt: Für meinen untätigen Voyeurismus und für meine Privilegien, die es mir erlauben, mein Leben souverän zu führen, Streit konstruktiv lösen zu können und mich unabhängiger zu fühlen, als ich es bin.

Die norwegische Serie »Skam« zeigt mit soapigem Storytelling einigermaßen authentische Figuren (oder zumindest so authentisch, wie man sich von Zürich aus norwegische Teenager halt so vorstellen kann). Skam fühlt sich an wie ein Fjällräven-Rucksack: Cool, weil es aus dem Norden kommt, total individuell, weil alle anderen Netflix schauen und Skam mit englischen Untertiteln in halb-legalen Google-Drive-Ordnern zu finden ist, aber dann doch eher wie eine Uniform, weil alle anderen aus der eigenen Bubble Skam natürlich längst auch kennen. Auch diese Unterhaltung ist aus zwei verschiedenen Gründen mit leichter Schuld verbunden: Als Zuschauer sehe ich erstens Jugendlichen bei intimen Gesprächen und Gedanken zu — ich sehe inszenierte Gefühle, die es aber real ganz ähnlich geben mag, und nutze sie für meine Unterhaltung. Diesen Eindruck löst Skam bei mir viel stärker aus als ähnliche Hollywood-Produktionen. Und zweitens verbrate ich wieder Stunden mit Geschichten, die mich zu keinen neuen Erkenntnissen führen.

Schlimm sind sie nicht, meine »guilty pleasures«. Die unschuldige Unterhaltung gibt es wohl so wenig wie den unschuldigen Konsum, das unschuldige Leben. Vielleicht trägt ein leicht schlechtes Gewissen gerade zur Unterhaltung bei, oder zu einer emotionalen Entlastung.