Warum »Eigenverantwortung« ein Euphemismus ist

Eigenverantwortung ist das politische Schlagwort schlechthin. Es scheint auf eine Universallösung hinzudeuten: Wären doch alle einfach nur verantwortlich für sich selbst, dann verschwänden so viele Probleme.

Zum Beispiel im Schwimmbad in Wettingen: Dort gibt es große Schilder, die Eltern auf ihre »Eigenverantwortung« aufmerksam machen. Gemeint ist damit, sie sollen auf ihre Kinder aufpassen, weil die Angestellten des Bades das nur eingeschränkt können, weil es nicht genug von ihnen gibt und sie noch viele andere Pflichten zu erfüllen haben.

Nun mag der Appell, doch bitte nicht im Restaurant Bier zu trinken oder selber einen Kilometer zu schwimmen, während die eigenen Kinder zum ersten Mal auf den Sprungturm steigen, durchaus sinnvoll sein. Aber der Hinweis auf die »Eigenverantwortung« als Signal, dass eine bestimmte Leistung der Öffentlichkeit nicht zu Verfügung steht, ist ein Euphemismus, eine Beschönigung. Auch beim Einstellen der Kehrichtabfuhr, der Abschaffung des Kindergartens oder der Sistierung der Flugsicherheitsaufsicht könnte man sehr gut auf die »Eigenverantwortung« verweisen, mit der sich solche Probleme doch hinlänglich lösen ließen.

Ich werde zynisch. Zunächst ist »Eigenverantwortung« ja nur ein Pleonasmus: Bedeutet Verantwortung die »Verpflichtung, für Geschehenes einzustehen« oder »dafür zu sorgen, dass alles einen möglichst guten Verlauf nimmt« (Duden), dann bezieht sich das ja immer auf den eigenen Wirkungskreis. »Fremdverantwortung« ist kaum denkbar.

Hinzu kommt, dass in den relevanten Fragen »Eigenverantwortung« oft bestimmte Privilegien voraussetzt. Der unten stehende Tweet war auf eine Diskussion über die Finanzierung von Gesundheitskosten bezogen. Wer kann für die eigene Krankheit (oder Gesundheit) die Verantwortung übernehmen? Die Personen, die entweder gesund sind oder genügend Geld haben, um sich die Versorgung zu leisten.

Nun ist die Grenze selbstverständlich fließend: Wie sehr kann man die eigene Gesundheit beeinflussen, wie stark auf die Kosten einer Krankheit Einfluss nehmen (oder auf den eigenen Wohlstand)? Das ist zumindest umstritten.

In diesen Fällen wäre es sprachlich vernünftig, schlicht von Verantwortung zu sprechen, und inhaltlich fair, die Leistung zu benennen, die man auf Individuen abwälzen will. Letztlich haben Gemeinschaften und Solidarität Grenzen, was ihre Funktion, ihre Logistik, ihre Psychologie und ihre Ressourcen anbelangen. Diese Grenzen zu debattieren gehört zum Kern der politischen Arbeit. »Eigenverantwortung« meint in dieser Debatte, die Aufgaben der Gemeinschaft einzuschränken, Solidarität zu schmälern und stattdessen Einzelnen mehr Aufgaben aufzubürden — im Wissen darum, dass einige die übernehmen können, andere nicht.

Verantwortung für sein eigenes Handeln übernehmen zu können, ist ein Privileg. Schon nur deshalb, weil man dazu Optionen haben muss.