Früher war alles besser — aber über welches “Früher” sprechen wir?

Was wir durch Streaming verloren haben.

Die Zukunft der Musik, vor allem die Zukunft des Musikgeschäfts, liegt im Streaming. Spotify, Tidal, Apple Music, Deezer, Napster und Co. haben alle vergleichbare Businessmodelle und bieten uns (potentiellen) Hörern zig Millionen von Songs. Streaming ist für Musikliebhaber also einerseits das Paradies, weil sich so sehr einfach in wirklich obskure Ecken vordringen lässt; andererseits sind ungehinderter Zugriff und sofortige Abrufbarkeit alles andere als spannend. Jagdfieber, eine der Hauptmotivationsquellen von Plattensammlern, kann sich da gar nicht einstellen, letztendlich verliert die Musik an Wert, eben weil man so leicht an sie herankommt.

“Back in the days”, also früher, war das anders und sehr viel besser, findet der US-Journalist und Musikproduzent Paul Cantor. Aber er meint damit nicht die glorreichen 70er, 80er oder 90er, er meint nicht die Zeit von Vinyl-Schallplatten (und erst recht nicht das CD-Zeitalter, Gott hab es selig!), sondern denkt nur sechs oder sieben Jahre zurück — die wohl beste Zeit für Musik-Blogs, die damals auf ihren Seiten jede Menge mp3s anboten. So konnte man dort noch einmal ganz andere Musik entdecken: Demos, Live-Aufnahmen, heimliche Mitschnitte, Bootlegs. Also all die Dinge, die nicht den offiziellen Segen von Plattenlabels hatten. Verbotenes, Halblegales wurde zwar schon immer getauscht, aber eher im kleinen Kreis, war eigentlich nur etwas für Eingeweihte. Dank der mp3s teilenden Blogs aber gab es nicht nur Musik in Hülle und Fülle zu entdecken, sondern man konnte auch noch etwas über den Hintergrund der Aufnahmen erfahren, sich in Kommentarspalten austauschen, Licht ins Dunkel bringen, Schwarmintelligenz, die den Namen verdiente. Ein Paradies für Musik-Nerds also, aber ein verlorenes. Denn viele dieser Blogs gibt es zwar noch, schreibt Cantor, nur finden sich da kaum noch dieses Schätze — nur kurz währte die Zeit, in der das Internet der Wilde Westen war und Musik überall frei erhältlich.

Zum Artikel: Here’s What We Lost with Streaming


Der piq “Früher war alles besser — aber über welches “Früher” sprechen wir?” von Martin Böttcher erschien zuerst auf piqd. Auf piqd empfehlen über 100 Kuratoren aus den Bereichen Journalismus, Politik und Wissenschaft einmal wöchentlich einen besonders herausragenden Inhalt. In Kurzkritiken wie der hier oben, beantworten sie die Frage “warum ist dieser Link die wertvolle Zeit der Leser wert?”