Als der Torsten der Moni die Mütze geklaut hat — Fortsetzung

Der Tragödie zweiter Teil

Jetzt habe ich ein kleines Problem. Als ich gestern so für mich den Winter 1978 habe Revue passieren lassen — das mache ich nicht oft, aber wenn dann gründlich — da war ich mir plötzlich nicht mehr sicher, ob der Gestörte wirklich Torsten hiess. Es kann auch sein, dass er Stefan hiess oder es war sein großer Bruder Michael — ich bin mir da nicht sicher. Jetzt taucht der Name aber auch schon in der Überschrift auf. Egal. Das Böse hat eh keinen Namen. Bleiben wir also bei Torsten.

Ich war wütend. Von Minute zu Minute steigerte sich diese Wut bis ich mir nicht mehr erklären konnte, warum ich nicht einfach sofort eingegriffen und meine Moni beschützt hatte. Ich fasste den Entschluss, dass Torsten zu leiden hatte. Was niemand für möglich halten wird: in mir steckt ein Sadist.

“Der Sadist” Winter 1978 auf besagtem Garagenvorplatz

In der Siedlung, wo ich wohnte, gab es eine Wiese mit einer Teppichklopfstange, Nachbarn, die das Verbot des Fussballspielens vehement durchsetzen wollten und 10 Garagen mit einem asphaltierten Vorplatz. Dieser war geradezu prädestiniert für meine Rache. Jemandem auf einer Wiese ein Bein zu stellen, mag weh tun. Auf Asphalt lohnt sich das richtig.

Ich gab Torsten das Gefühl, mein liebster Spielkamerad zu sein. Fussball spielten wir nicht mehr auf der Wiese. Sondern auf dem Asphalt. Gegen die Nachbarn verbündeten wir uns und die Teppichklopfstange war das Tor. Ich spielte so dämlich vor dem Tor, nahe an einer Kante, die die Wiese und den Asphalt voneinander trennte, dass Torsten immer nahe an dieser Kante entlang lief. Mein Sadismus ging so weit, dass ich Torsten nicht einfach auf dem Asphalt ein Beinchen stellen wollte, nein es sollte möglichst in der Nähe dieser Kante sein. Ich stellte mir vor, wie er in vollem Lauf, die Beine von mir regelrecht weggetreten, voll auf die Schnauze fliegt, beide Knie blutig und damit es sich lohnt mit der Nase auf diese Kante. Opfer. Es sollte ein Opfer sein. Mein Timing war nicht perfekt, aber dennoch erstaunlich effektiv.

Drei Tage nach unserem Fussballspiel — es war ein sadistischer Erfolg erster Güte, leider war seine Nase heil geblieben, dafür war das eine Knie blutig und eine tiefe Wunde wegen der Kante im Oberschenkel — besuchte uns Torstens Mutter. “Nächste Woche kann er wieder in den Kindergarten. Er ist mit fünf Stichen genäht worden. Da wird wohl eine Narbe zurückbleiben.”

Ich ging in mein Zimmer und freute mich still. Immer noch das schmerzerfüllte Schreien von Torsten drei Tage zuvor in den Ohren. Blutend und niedergetreten war er von dannen gezogen. Hach, war das toll.

Kommen wir jetzt aber zu dem sadistischen Teil. Seine Mutter sagte meiner Mutter, ich solle demnächst besser aufpassen. Wenn Torsten unbedingt Fussballspielen will, dann demnächst besser auf der Wiese. Ich sei ja der Vernünftigere von beiden. Zwei Vierjährige, die in Sichtweite der Mutter auf dem Hof Fussball spielten. Und ich war damals schon der Vernünftigere. Aber sicher. Torstens Mama hält heute noch große Stücke auf mich. Wie naiv die Menschen doch sind.

Wirklich sadistisch war aber, dass Torsten gar nicht kapiert hatte, dass ich ihm die Beine weggetreten hatte. Er hatte wohl gedacht, er sei irgendwie “hingefallen.”

Ich liess ihn in dem Glauben. Bis heute. Er blieb mein Spielkamerad. Und wenn ich heute noch mit ihm Fussballspielen würde — der Asphalt wäre meine erste Wahl. Die Versuchung wäre nach wie vor groß. Ich musste mich damals immer wieder zurückhalten, meine Rache zu wiederholen. Aber das tat ich nie. Dafür gab es einen Grund.

Eine Woche nach meiner Rache fuhr ich mit einem Roller über den asphaltierten Garagevorplatz, fiel auf die Schnauze, mit der Nase auf den Lenker und habe seit dem eine kleine Narbe an der Nasenspitze. Ich habe geblutet wie Sau — mein Sturz geschah ohne Fremdeinwirkung. Torsten, der meinen Roller eventuell hätte manipuliert haben können, war weit und breit nicht zu sehen. Ich musste ein großes Pflaster auf der Nase tragen und meine Kindergartengruppe lachte sich halb tot.

Und raten sie mal, wer am lautesten gelacht hat? Torsten?

Nein. Moni.

Mir kann keiner mehr was. Ich habe am eigenen Leib die Gerechtigkeit erfahren.