Danach

Wenn ich mir aussuchen könnte, was “danach” passieren soll, also nach dem Ende meiner Zeit auf dieser Welt, dann würde ich mir einen von Raum und Zeit unabhängigen Geist wünschen. Mit diesem würde ich die wichtigen Dinge aller Zeiten miterleben wollen.

Ich würde sie sehen, die ersten Höhlenmaler, die Keilschriftmacher und die Entdecker des Papyrus. Ich würde dabei sein wollen, wenn Sokrates Platon unterrichtet, dieser sein Wissen an Aristoteles weitergibt und danach würde ich mit Alexander dem Großen in die Schlacht ziehen wollen. Wie ein Spanner wäre ich in der ersten Liebesnacht von Cäsar und Kleopatra dabei. Ich würde Judas bei seinem Bruderkuss in die Augen schauen wollen, hinter ihm stehen, ihm zuzwinkern. Ich würde überhaupt große Sprünge machen wollen. Vom Blick hinter den Bretterzaun in Dallas, in die Werkstatt von Gutenberg, vor das Portal einer Kirche in Wittenberg, zu einem Arbeiter in Tschernobyl, wenn er den falschen Knopf drückt. Zu einem Monument in einer Stadt und dort eine Rede hören, eine Rede über einen Traum und dort erleben, wie aus dem Wirrwarr an Gedanken eine Vision wird. Zu einem Dichter in dieser Nation oder jener, welcher in wenigen, sich reimenden Sätzen all die Essenz der wirklichen wichtigen Dinge verpackt und spürbar macht. Und zu einem Denker in Königsberg, der genau dieser Gedanken wieder rational entwirrt und sie doch so schwer für uns alle beschrieben hat. Zu einem Platz in Wien, wo ein verhinderter Künstler seine Postkarten verkauft, hin zu einer letzten Stufe einer Treppe an einem Raumschiff am Ende der sechziger Jahre. Ich würde hören, welche Sätze die Menschen dann sprechen, die bekannten und die weniger bekannten Sätze, würde endlich den Kontext verstehen, in den diese Welt gehört.

Aber ich würde niemals einer dieser Menschen selbst sein wollen. Denn mein eigentlicher Wunsch wäre ja nicht die andere Perspektive einzunehmen. Für andere Perspektiven gibt es auf dieser Welt doch Bücher, Filme, Musik ja die Fähigkeit zur Fantasie.

Nein, ich würde einen roten Faden mitnehmen, durch alle Zeiten, durch alle Räume, diesen an all den Ereignissen festmachen und mich schliesslich einspinnen in einen Kokon aus Zeit und Leben, aus Erkenntnissen und Geschichten. So würde sich die Unendlichkeit um mich herum schliessen — als sich selbst endlich als etwas Endliches begreifbar machen.