Der Wettkampf der Fassadenkletterer

Nur wenigen Menschen ist die Geschichte der Fassadenkletterer bekannt, die nachts auf der Rückseite eines unglaublich hohen Wolkenkratzers eine der größten Städte der Welt ihren Wettbewerb austrugen. In einem nächtlichen Zeitfenster von 3:00 bis 4:40 Uhr waren die Leuchtstrahler, die sonst den Fassaden der Skyline ihren Glanz gaben, ausgeschaltet — zum Abkühlen oder für Wartungsarbeiten.

Einige wenige Menschen wussten von diesem Wettbewerb, der sich jede Nacht ereignete. CARUSO und CHANSON hießen die beiden Kontrahenten — es waren ihre Künstlernamen. Die wirklichen Namen der beiden Ausnahmekletterer, kannte niemand.

Der Wettbewerb zwischen den beiden war nach vielen Wochen immer noch nicht entschieden. Mal war CARUSO vorn, mal CHANSON. Der Wettbewerb selbst war sehr einfach gehalten: es kam darauf an, wer zuerst auf dem Dach des großen Wolkenkratzer ankam. Die Zeit war durch die Vorgabe der Leuchtstrahler begrenzt. Weit über hundert Stockwerke in etwas mehr als eineinhalb Stunden. Je nach dem wie die Äußeren Umstände waren, kam es nicht selten vor, dass keiner der beiden in einer Nacht den Wettbewerb gewinnen konnte.

Es war zwar dunkel, aber die gut drei Dutzend regelmäßigen Zuschauer — es waren am Boden haftende Nachtschwärmer, einer von Ihnen war ich — hatten sich Brillen mit Restlichtverstärkung und Vergrösserungsfunktion gekauft. Sie konnten also immer sehen, wo sich die beiden Kontrahenten gerade befanden.

Es stand unentschieden zwischen beiden. Und es kursierte das Gerücht unter den Zuschauern, dass an diesem einen lauen Sommerabend der alles entscheidende Wettbewerb stattfinden sollte. Die beiden hatte sich noch nie persönlich getroffen, denn sie erklommen immer im Wechsel, der eine von rechts, der andere von links, den Wolkenkratzer. Es war also immer eine besondere Spannung zwischen den beiden, die auch von diesem Nicht-Kennen genährt wurde. Beide waren mit einem Seil gesichert. Natürlich hätten sie sich auch zugetraut, ohne Sicherung zu klettern. Es war nicht die Gefahr, die sie abhielt, sondern beide wollten aufrichtig nicht, dass der jeweils einzige würdige Konkurrent verloren gehe würde.

An diesem letzten Abend des Wettbewerbs schien alles perfekt zu sein. Es waren ein paar mehr Zuschauer zu gegen, die sich auf den Wiesen und Vorplätzen des Wolkenkratzers verteilt hatten. Mit diesen komischen Brillen sahen die Zuschauer aus wie Außerirdische. Wie bei einem Flashmob schienen alle gleichzeitig auf den Wolkenkratzer zu schauen — für nicht Eingeweihte ein bizarres Schauspiel ohne Mehrwert.

CHANSON auf der rechte Seite legte los. Er besaß eine Wahnsinnskraft in den Fingerspitzen und konnte sie mühelos mehrere Stockwerke hintereinander schnell heraufziehen. CARUSO hatte starke Zehenspitzen, die ihre Kraft auch auf den noch so kleinsten Vorsprung konzentrieren konnten. Beide waren klein und athletisch, leicht, ganz leicht …

CHANSON zog sich also gleich mehrere Stockwerke hinauf und hatte schnell eine Höhe erreicht, bei der ein jeder Zuschauer seinen schnellen Vorsprung sehen konnte. Aber das war keine neue Situation. Ein Sprint am Anfang kostet Kraft und der strategische Vorteil ist äußerst fraglich.

CARUSO hatte ihn schnell wieder eingeholt und so entwickelte sich über eine Stunde hinweg ein recht langweiliger Zweikampf, bei denen beide immer nahezu gleichzeitig ein Stockwerk nach dem anderen erklommen. Dann waren es noch etwa zehn Stockwerke. CHANSON, der vielleicht minimal über etwas mehr Kraftreserven zu verfügen schien, wurde von einer Windböe erfasst und rutschte ab. Da die Windböe von rechts kam, überraschend, konnte CARUSO auf der linken Seite von dem Missgeschick profitieren. Die kurze Zeit der Vorwarnung reichte aus, um die eigene Kraft auf den Halt zu konzentrieren und um dem Druck der Windböe standzuhalten. Für einen Moment wollte CARUSO jetzt richtig Gas geben, denn das war seine Chance, den großen Wettstreit für sich zu gewinnen. CHANSON war von der Sicherung zehn Stockwerke tiefer gefangen worden. Der Rückstand war also größer als die Anzahl der noch verbleibenden Stockwerke.

Wie armselig wäre der Ruhm für CARUSO also ausgefallen, wenn er diesen Vorteil genutzt hätte. Er überlegte also einen kurzen Moment. Er könnte warten, aber auch das wäre nicht fair gewesen. Denn durch das Warten hätte er ebenfalls einen Vorteil, konnte er sich doch ausruhen, während CHANSON doppelt Kräfte verbrauchte. Nein, er wählte den einzig fairen Weg, um wieder einen Gleichstand zu erzielen: er ließ sich ebenfalls zehn Stockwerke fallen. Was nicht ganz Risikolos war, denn diese Sicherung ist ja eigentlich nur für den Notfall gedacht — ihre Tragfähigkeit sollte nicht über die Maßen unnötig strapaziert werden.

So war also wieder ein Gleichstand hergestellt, der sich aber schnell zu Gunsten von CHANSON änderte. Denn nach fünf weiteren Stockwerken schien der Wind gedreht zu haben. Diesmal wurde die linke Seite von einer Windböe erfasst. Da die Sicherung noch nicht wieder die voll Spannkraft erreicht hatte, fiel CHANSON beinahe fünfzig Stockwerke nach unten, bevor er aufgefangen wurde.

Jetzt witterte für einen kurzen Moment CARUSO seine Chance und kletterte tatsächlich weiter. Aber auch diesen stolzen Sportsmann überkam schnell die Frage nach dem Ruhm, den er sich erarbeitete und der ohne eine deutlich sportliche Überlegenheit nichts wert war. Also ließ auch er sich nochmal fallen. Beide waren jetzt wieder am Ende des ersten Drittels der Stockwerke angekommen. Die Zeit war jetzt längst der entscheidende Faktor geworden. In den noch verbleibenden zwanzig Minuten bis zur erneuten Einschaltung der Fassadenbeleuchtung und bis zum kurz darauf auftretenden Eintreffen der Polizei und der Feuerwehr, war es nicht mehr möglich, den Wettkampf zu Ende zu führen.

Nun, beiden hätten sich, wenn sie sich über solche Dinge mal abgesprochen hätten, auf den Boden abseilen lassen können und am kommenden Tag den Wettbewerb neu starten können, aber weil eben genau diese Absprache fehlte, war das nicht möglich.

So gab es nur noch einen einzigen Weg, den Wettkampf zu entscheiden. Wer von beiden würde es schaffen, die Stockwerke am schnellsten nach unten zu klettern. Sicher war der Wettbewerb dadurch ein wenig ad absurdum gebracht, so als würden die Mannschaften gegenseitig versuchen, möglichst viele Eigentore zu schiessen. Wenn sich die Mannschaften aber gegenseitig daran zu hindern versuchen, in dem sie beide eben genau dieses Ziel verfolgen, dann wird das Spiel schon wieder interessant.

Aber — zur Überraschung aller: keiner der beiden kletterte auch nur ein einziges Stockwerk nach unten. Weil sie es nicht konnten. Keiner von beiden. Mehr noch — es kursierte später das Gerücht, beide seien Höhenkrank und völlig unfähig, einen Abstieg körperlich umzusetzen. Die Argumente für dieses Gerücht waren naheliegend. Sie mussten zum ersten Mal nach unten schauen, sie mussten die Kraft in den Beinen auf untrainierte Muskeln verlagern und sie mussten ihre Kraft nutzen, um der Erdanziehung eben nicht vollends entgegenzuarbeiten, sondern nur so viel, das einzelne kleine Schritte möglich waren.

Die großen Helden CHANSON und CARUSO verkümmerten so in den Stockwerken des Hochhauses als Verrückte, lebensmüde Möchtegern-Artisten — die Bewunderung für sie wich in Unverständnis; niemand der später von der Polizei befragten Zeugen gab zu, diesem Wettkampf schon länger in den vergangenen Wochen beigewohnt zu haben. Mehr noch: ohne meine Aufzeichnungen hier, wäre das Treiben der beiden besten Fassadenkletterer aller Zeiten unerkannt geblieben.

CARUSO klettert jetzt irgendwo auf einem anderen Kontinent, wann immer er kann, in mittelgroßen Felswänden, schaut immer noch nicht nach unten. CHANSON ist jetzt Fallschirmspringer. Kein Mensch auf der Welt kennt sie aber mit ihren Künstlernamen als Fassadenkletterer.

Sie haben sich selbst nie wieder gesehen. Nachahmer gibt es keine — und die Frage, ob das für das Publikum der beiden gut oder schlecht ist, lassen wir genauso unbeantwortet, wie den Wettkampf der beiden.