Die Bloggerin

Auf den ersten Blick ist die Dame sehr stereotyp. Jemand, der erleben, statt nur leben will. Großstadt, vermutlich eine Altbauwohnung, Spartanismus (bin mir nicht sicher, ob das das Substantiv zu spartanisch ist), der gewollt und zwangsläufig ist. Sie ist eine Frau, der man das Prädikat “stilecht” anheften mag. Sie isst keinen Kuchen. Sie ist Muffins. Fairtrade ist ihr zu trendy. Ein Auto braucht sie nicht, da wo sie wohnt. Sie fährt ein Rennrad. Oder ein Mountainbike. Den Hype um die ganzen Probleme der Internetüberwachung teilt sie nicht, kennt aber viele Macher von den Piraten.

GTD (“Getting Things Done”) in Form digitaler ToDo Listen und Bucket-Lists mit profanen Dingen, wie “Backup machen” und einer Bucket-List mit allem zwischen “Schornsteinfeger küssen” und sich auf dem Mountain Bike mal auf die “el camino a los Yungas” in Bolivien herunterstürzen — überall, auf allen Devices synchron. Wenn letzteres nicht dazu gehört, dann habe ich sie möglicherweise jetzt erst auf die Idee gebracht.

Durch die Welt geht sie mit iPod Knöpfen in den Ohren, selbst dann, wenn keine Musik läuft. MP3 Player schwächen das Sozialverhalten ab. Knöpfe in den Ohren sind eine natürliche Barriere gegen männliches Balzverhalten. Da wo sie verkehrt, mit ihrem Studentenausweis und dem integrierten Fahrausweis im ganzen Netz der Großstadt — da kann sie schon mal Opfer von Balzverhalten werden. Feminismus kotzt sie zwar an, aber sie hält ihn gerade wegen dieses Balzverhaltens für zwingend notwendig. Noch mindestens ein Jahrhundert lang. Sie liest Breat Easton Ellis und Douglas Coupland. Als Schlafbekleidung trägt sie ein großes weites T-Shirt mit einem Tweetie aus der Bugs Bunny Show.

Keine Schokolade. Vanille. Der Kühlschrank ist immer leer. Asiatisches Fastfood ja, Sushi ist bäh. Sie hatte mal einen Stecker in der Nase. Ein Tattoo käme vielleicht in Frage. Aber sie ist zu schlau für den Glauben an Ewigkeit. Oder zumindest für den naiven Glauben an ein Leben lang anhaltendes, gleichbleibendes, ästhetisches Empfinden ihr selbst gegenüber.

Vermutlich ist das wirklich Wichtige in ihrem Leben dokumentiert in der Cloud, auf dem Macbook, dem iPod. Nur einen eBookReader gibt es nicht. Wegen der Haptik von einem Buch. Sie ist sehr hübsch, platziert mal die roten Lippen, dann wieder das Laszive ab und an bei Instagram. Verehrer im Web 2.0 wird sie haben, noch und nöcher. Und ein Mann der Augen im Kopf hat wird sie gerne auch in der Realität anschauen.

So auf den ersten Eindruck hin, kann man sie leicht mit den Damen verwechseln, die Rezensionen über hunderte Bücher schreiben, die sie angeblich gelesen haben, über alles Intellektuelle mitreden wollen und selten können. Aber das ist nicht so. Sie ist schon schlau. Sie kann sich tatsächlich mit einem Buch mehrere Stunden beschäftigen.

Sie ist Gegenstück, Prototyp, Stereotyp zur Tussi, die Schminktipps bei YouTube gibt. Aber sie ist nicht besser. Sie inszeniert sich nur besser. Sie und das Bild, das sie abgibt, ist inszeniert. So wie Frauen ihre kleinen “Fehler” wegschminken, so lässt sie es wohl dosiert bleiben. Sie inszeniert sich. Ich bin Betrachter dieser Szene.

Sie ist eine Bloggerin. Sie verteilt die Szenen ihres Lebens an die breite Masse. Ich kenne ihr Bild. Ich kenne alles, womit sie sich in Szene setzt. Ich kenne alle ihre inszenierten Plattitüden und damit ihre einzige Wesentlichkeit: Sie ist langweilig. Sie ist so langweilig, dass sogar ein selbst auf Instagram gepostetes Foto ihrer morgendlichen Kaffeetasse mit einem in die “Crema” gemalten Herzen interessant ist, so dass sie es mitteilen muss. Und einmal pro Woche übersteigt die Langeweile die Welt an sich. Dann macht sie ein Foto von sich. Mit einer Mütze, einem Hut, einem Schal — wichtig, mit einem Accessoire, das niemals wiederkehren darf.

Ich glaube, es ist kein Vorurteil zu sagen: Frauen haben sich noch nie erfunden. Und dafür muss sie sich selbst herhalten.