Die Eselsbrücke

Bei mir verlagert sich seit längerer Zeit alles von dem Engel zur Maus. Und ich weiß nicht, was schlimmer ist. Frauen wollen ja nicht als Engel idealisiert werden und einige nicht als Mäuse verniedlicht. Beides ist auch nur bedingt männlich. Männer mit Nehmerqualitäten, echte Kerle quasi, idealisieren nicht, verniedlichen schon mal gar nicht. Und erst recht überhaupt gar nicht werden echte Kerle eine Frau auch nur irgendwie betiteln.

Angeblich — das habe ich neulich auf der Internetseite eines Boulevardmagazins mit tiefgründigem Lebenshilfe-Ressort gelesen — finden Frauen ja die Männer interessant, die sie ignorieren.

Wie, frage ich mich, hat die Menschheit dann bis heute überlebt?

Nun, weil sie nicht nach Klischees funktioniert und weil es sicherlich einen Moment gibt, wo dann mal Schluss ist, mit dem Ignorieren. Also doch … quasi. Engel werden dann zu Mäusen. Mäuse werden dann zu Engeln.

Dazu braucht es nur eines: eine Eselsbrücke.

Und um gleich alle Missverständnisse auszuräumen:

Der Esel bin ich.

Hier die Grundlagen zum Überschreiten der Eselsbrücke — abstrakt formuliert, so dass sie losgelöst von mir von allen Männern, die in ihrem Gemüt ähnlich veranlagt sind, wie meiner einer, genutzt werden können.

Grundlagen des Mausefangs

Mäuse sind niedlich. Und können so manchen Zeitgenossen erschrecken. Nur die einzelne Maus fällt auf. In Massen sind sie langweilig. Die Eigenart der Maus ist es, auf Ihre Eigenart aufmerksam zu machen. Eine Eigenart ist das, was eine Maus von anderen abhebt — gegen die Klischees, gegen das Schlechte des Zeitgeistes. Das, was sie vom Volk der Mäuse unterscheidet.

Mausefallen müssen sanft sein. Der Kopf muss dran bleiben. Die Maus bleibt Maus. Die Maus muss auch in Gefangenschaft weiterhin eine Maus sein wollen. Alle Mäuse, die sich nur verniedlicht fühlen, sollten die Eselsbrücke nicht betreten. Für den Mausefänger muss es hingegen klar sein, dass Mausefallen immer nur individuell für Mäuse konstruiert werden können. Die Anpassung an die eine, bestimmte Maus, ist die große Kunst (und muss in einer mehrbändigen Werkausgabe zu diesem Thema gesondert erklärt werden). Die Mausefalle trägt der Individualität der Maus Rechnung, denn sie ist Mittel und Metapher für die wichtigste Erkenntnis: mit einer Mausefalle fängt man gar nicht die Maus. Nein, man hält für sich selbst das zusammen, was den Mausefänger zum Mäusefänger macht.

Metaphorische Einordnung des Engelswesens

Der Engel ist das stärkste Wesen, das den Wunsch in die Realität transformieren kann. Der Himmel ist das Ergebnis dieser Transformation. Dass Engel fliegen können, ist freilich unstrittig. Ebenso der Wunsch, der Engel möge uns mitnehmen, in den Himmel.

Engel verstecken sich sehr gerne. Viele Engel wissen gar nicht, dass sie Engel sind. Viele Engel denken auch, sie seien nur Engel in den Augen desjenigen, von dem sie glauben er wolle den Engel in ihr sehen. Der Engel ist dann ein Engel, wenn er ein Engel sein will. Er ist Sinnbild der Verbindung unserer Welt, in der wir nach Liebe streben und der Welt der Phantasie, in der wir diese Liebe bereits gefunden haben. Der Engel schlägt die Brücke. Vom Wunsch zur Erfüllung. Von der Sehnsucht zur Erfüllung. Von dem Drang nach Liebe zu ihrer Erfüllung. Der Engel erfüllt den Menschen, der ihn liebt. Er transformiert den Menschen zur Erfüllung.

Einschätzung des Realitätsgehaltes

Nun, Mäuse und Engel haben eine besondere Eigenart. Es gibt sie — so wir hier beschrieben — nun wirklich nicht. Darum gibt es ja phantastische Geschichten dieser besonderen Art. Wir lesen diese Geschichten, weil es diese Wesen nicht gibt. Wer nun die Quelle dieser Geschichten — irgendwoher kommen ja diese Gedanken — als dumme, naive Träumerei abtut, sie zu Lesen als pure Zeitverschwendung einschätzt, ihren Autor belächelt, naja so jemand hat den Realitätsgehalt verstanden.

Für so jemanden gibt es aber auch keine Eselsbrücke. So jemand erfindet keine fabelhaften Wesen und macht tief in sich die Wünsche, die wir alle in uns haben, für sich selbst greifbar. Solche Menschen werden sich auch nicht die Frage stellen, von wo nach wo die Eselsbrücke führen mag und welchen tieferen Zusammenhang man sich dank ihr merken mag.

Je naiver eine Träumerei, desto ehrlicher. Je weniger Realitätsgehalt eine Träumerei hat, desto wichtiger ist sie für den Einzelnen. Sie ist nicht Ersatz für die Erfüllung unserer Wünsche. Sie ist der Wunsch selbst. Naive Träumerei ist die Eselsbrücke in mir, die mein Ich, wie es in der Welt erscheint mit dem im Einklang hält, was mein Ich auch wirklich sein kann.