Die Zeit der Störche 2

Und auch ein paar Tage später waren die Störche das wichtigste Thema.

“Meinst Du, sie kommt noch?”

Marcel interessierte sich nicht wirklich für Simones Frage. Es war Mai, es war warm draußen. Sie lagen auf einer Wiese vor dem Haus. Simone trug einen Bikini. Wenn ihre Mutter das gesehen hätte, sie gerade 15 geworden, mit ihrem ersten Freund im Frühling auf einer Wiese.

“Die ist halt wie alle Weiber. Sie lässt ihn zappeln …”

Simone kniepte die Augen zusammen und sendete etwas, das wie ein Lächeln aussehen sollte an Marcel. Der wollte sich gerade über sie beugen.

“Oder sie hat es nicht geschafft. Wie lange muss das Männchen warten? Zwei Wochen? Drei Wochen?”

Marcel sah sich genötigt, sich an sein Referat zu erinnern. Ein gutes Referat, keine Frage. Aber jetzt, war etwas anderes wichtig. Keine Zeit für Störche. Marcel kam ihr näher.

“Was macht er denn, wenn sie nicht kommt? Du hast doch gesagt, die Störche waren zusammen, seit Du denken kannst. Das wäre doch furchtbar.”

Marcel ging wieder auf Distanz. Das war vermutlich nur ein Test von ihr. So wie das Weibchen das Männchen warten ließ, so wurde er jetzt getestet.

In Wirklichkeit interessierte sich Simone tatsächlich für das Schicksal der Störche. Und sie hatte große Angst. Vor dem ersten Mal. Aber das sagte sie nicht. Irgendwie, aus einem nicht näher zu bestimmenden Grund dachte sie sich, die Angst geht weg, wenn sie das Storchenpaar beisammen weiß.

“Ich glaube, manche Storchmänner suchen sich ein neues Weibchen.”

Vor die Frühlingssonne schob sich eine Wolke. Simone stand auf und ging nach Hause. Sie liess einen völlig überforderten Marcel mit dem Satz zurück. “So einfach machst Du es Dir also …”

Marcel, gerademal 16, war drauf und dran die entscheidende Lektion im Umgang mit Frauen zu lernen. Aber jetzt musste er noch ein bisschen mehr recherchieren. Drei Wochen waren beinahe vorbei.

Er radelte ins Nachbardorf. Auch dort gab es ein paar alte Storchennester. Überall, wo er hinschaute, balzten klappernd Storchenpaare. Kein Männchen war allein. Er schaute in die Himmelsrichtung, aus der die Weibchen kamen. Kleine Gruppen schienen ein wenig Verspätung zu haben. Es bestand vielleicht noch ein wenig Hoffnung.

Wenn man doch irgendwo nachschauen könnte. Wie auf einem Wetterradar. Wenn man doch das Radio einschalten könnte und eine Nachricht bekäme, von einer Gruppe Storchladies, die eine Thermik über dem Felsen von Gibraltar verpasst hatten und die nur ein wenig Verspätung hatten. Wenn doch nur einer sagen könnte, dass sich — egal, wie es ausging — eine Panik nicht lohnte, dass er nichts machen konnte.

Ausser tiefergehenden Recherchen zu einem uralten Referat.

Ja, man muss schon eingehend zurückblicken, um erwachsen zu werden …