Die Zeit der Störche 3

Simone würde ihn eh erstmal warten lassen. Marcel fand, dank des Internets, jemanden in der Nähe, der sich mit Störchen auskannte. Er beobachtete sie seit Jahren und konnte vielleicht sagen, ob ein kleiner Schwarm weiblicher Störche noch unterwegs war.

“Unwahrscheinlich … “, sagte dieser Experte.

“Aber man kann nie wissen.”

Wenn man wartet, dann stirbt nicht die Hoffnung zuletzt — sie stirbt dann, wenn man sich entschließt, das Warten zu beenden.

“Also wenn in den kommenden fünf Tagen nichts passiert, dann wird der Storchenmann alleine bleiben.”

Vier Tage lang schlief Marcel nicht richtig. Alle paar Minuten wachte er auf und schaute mit einem Nachtsichtgerät, welches ihm sein Großvater vererbt hatte, auf das Dach des Hauses mit dem Storchennest. Dort stand regungslos ein männlicher Storch und wartete. Er wartete.

Am morgen des vierten Tages schlief Marcel während des Unterrichts ein. Der Lehrer bemerkte dies und machte irgendwelche verächtlichen Bemerkungen darüber, dass man nachts besser schlafen sollte. Marcel wurde ausgelacht, als er davon erzählte, dass er ein Storchennest beobachtete und dass er momentan von der Ungewissheit geplagt sei, ob der Storchenmann zum ersten Mal in seinem Leben allein bleiben sollte. Der Lehrer machte noch weitere abfällige Bemerkungen. Der Lehrer mochte es, wenn er Lacher platzieren konnte.

Simone ging in die Parallelklasse und hörte nebenbei, wie man über den Storchen-Spanner Marcel lachte.

“Mit was für einer Scheiße der sich beschäftigt.”

Die, die über Marcel lachten, schickten sich Videos auf ihre Smartphone. Sie zeigten den schlafenden, übermüdeten Marcel, wie er von seinem Mitschülern traktiert wurde. Bespuckt mit Papierkugeln.

Simone sah an diesem Tag, wie Marcel alleine nach Hause ging. Sie wäre ihm am liebsten um den Hals gefallen, hätte aufhören wollen, ihn zappeln zu lassen.

Sie tat, es als am fünften Tag abends aufgeregt vor ihrem Haus stand, von seinem Fahrrad noch bevor er zum Stillstand gekommen war, abgesprungen war und sie aufforderte, mitzukommen …

— -

Und jetzt? Sie wollen wissen, ob es die Storchenlady geschafft hat? Ob Marcel und Simone …?

Ja, alles OK, alles im grünen Bereich. Die beiden passen gut zusammen — sehen sie selbst. Das Klappern ist das, was das Umarmen, die Freude, ersetzt.