Hey Patricia

Keine Ahnung, ob sie wirklich so hieß. Ich nenne sie einfach mal so. Gracia als Name wäre zu grazil. Patricia ist auch überhöht, distanziert, aber irgendwie passend. Vermutlich hieß sie ganz anders. Ich weiß es nicht. Ich habe sie nicht gefragt.

Es war sowieso ziemlich hektisch. Ich musste den Anschlusszug zur Fähre bekommen. Umstiegzeit: 5 Minuten. Zwar auf dem Bahnsteig gegenüber — aber der erste Zug kam schon mit vier Minuten Verspätung an. Sicher würde der Anschlusszug warten — aber es war in jedem Fall sehr hektisch.

Die eine Minute nutzte ich neben dem Anschlusszug herzulaufen, um die korrekte Wagennummer, wo ich einen Platz reserviert hatte, zu finden. Wagen neun, Platz 57, 2. Klasse, im Gang. Ich reserviere immer den Platz am Gang. Nicht weil ich nicht gern aus dem Fenster schauen würde, aber man hat so etwas mehr Beinfreiheit. Ich bin recht groß und da kann es manchmal sehr angenehm sein, wenn man kurzzeitig die Beine in den Gang ausstrecken kann.

Ich habe den Platz schnell gefunden. Es war ein Platz direkt an der Tür des Wagens. Am Fenster, Platz 59 saß sie — die Frau, die ich Patricia nenne. Ich stand vor meinem reservierten Platz. Darauf der Mantel und der Rucksack von Patricia. Mit der Platzierung des Handgepäcks auf dem Nachbarsitz, signalisiert ein jeder im Zug, dass er niemanden neben sich sitzen lassen möchte. Aber ich hatte reserviert. Und der Zug würde sehr voll werden. Kein alternativer Platz in Sicht.

Also versuchte ich es mit einem Lächeln. Es gab nur einen kurzen Blickkontakt, aber nicht mal ansatzweise die Anstalten, den Rucksack und den Mantel zu entfernen. Dieser kurze Blick hat für die Gewissheit ausgereicht, dass ich mir zunächst vornahm, sie nie wieder anzulächeln. Das ist die tiefe innere Gewissheit, dass sie — und ich behaupte, dass es ihr größtes, vielleicht einziges Problem ist — Schwierigkeiten hat, den ersten Eindruck von sich, in die richtigen Bahnen zu lenken. Der erste Eindruck war negativ. Und das würde immer so bleiben.

Mit nur einem kurzen Satz wurde aus dem Kontakt, der noch keine zehn Sekunden dauerte, eine echte Kommunikation. “Ich habe reserviert.”

Dann nahm sie ihre Jacke. “Sie haben nichts dagegen, wenn ich ihren Rucksack auf die Ablage lege?”

Es gab als Antwort einen prüfenden Blick auf die Ablage ihrerseits. Dort war Platz genug. Ihre Anwort kam nicht. Sie wäre mir auch egal gewesen. Als kein Widerstand von ihrer Seite aus kam und ihr Blick sich wieder Richtung Fenster wand, da legte ich ihren Rucksack auf die Ablage und setzte mich.

Viereinhalb Stunden lang sagten wir kein Wort. Ich stand einmal auf und liess sie auf Toilette. Oder wo immer sie auch in den fünf Minuten hingegangen sein mag. Aber, wie so oft, all das nicht Gesagte, ist spannend. Ich stellte mir vor, ich könne ihre Gedanken hören. Sie reiste alleine, sie wirkte auf den ersten Eindruck selbstsicher. Sie war ein wenig älter.

Wenn man als Mann direkt neben einer Frau sitzt, kann man sie nicht genau ansehen. Nur im Augenwinkel sah ich ihre Hände, zarte gepflegte Hände. Wenn sie den Kopf etwas nach vorne beugte, sah ich ihre Haare, konnte sie riechen und ich spürte ihr krampfhaftes Unterfangen, bloß keine zufällige Berührung zu riskieren. Schließlich kannte sie mich nicht. Sie wagte es nicht, einzuschlafen. Die Spannung in den Beinen könnte sie verlieren und ihr Knie könnte mein Knie touchieren, ungewollt, aber ich könnte das womöglich so interpretieren, wie es ihre Mutter ihr vielleicht eingetrichtert hatte. Männer wollen alle, immer und jederzeit, überall nur das Eine.

Doch so ein Doppelsitz in einem Intercity ist einigermaßen unerotisch.

Ich konnte sie riechen. Ein leichter, verstreichender Geruch morgendlicher Seife. Kein Parfüm. Gepflegte Haare, schlicht, einfach, aber elegant. Selbstgefunden. Unübertrieben. Mit einem Wort: interessant. So ein bisschen wie Gracia Patricia, nur strikt weltfräuischer.

Nach viereinhalb Stunden fragte sie, ob ihr ihren Rucksack geben könne. Was ich gerne tat. Aber selbst das, war nur eine Reaktion. Ich hatte vorher aus meinem Rucksack das Brötchen von der Bäckerei aus dem Einstiegsbahnhof herausgeholt, einen Fruchtsaft und mein Frühstück nachgeholt. Ein bisschen verkrampft, zugegeben. Da war eine Wurst auf dem Brötchen, die richtig nach Wurst roch. Und Patricia war vielleicht ein wenig etepetete. Keine Ahnung, ich war mir nicht sicher. Aber ich machte den Anfang. Mit jedem Bissen wurde ich entspannter und das schien auf sie abzufärben. In ihrem Rucksack war auch ihr Frühstück. Ich habe ihr nicht beim Essen zugeschaut, aber ich hätte mir am liebsten ein ungewolltes Rülpsen ihrerseits gewünscht. Dann wäre es da echt abgegangen: “Mensch Patricia, alte Schnalle, ich bin´s, der dicke Pitter aus Kölle.”

Frauen beherrschen sich. Das ist auch gut so. Ich hatte mal zur Schulzeit eine Freundin, die konnte derart rülpsen, dass es mir Angst machte. Die Beziehung hatte keine Zukunft.

So saßen wir weiter auf unseren Plätzen. Nichtssagend. Zwei interessante Menschen. Nichtssagend. Da läuft irgendwie etwas schief. Das war der erste Eindruck. Ich bin nicht besonders von mir selbst eingenommen. Aber mein Lächeln hätte ausreichen müssen, Jacke und Rucksack — ebenfalls lächelnd — zu räumen.

Jedenfalls waren die letzten 1 1/2 Stunden der Reise entspannter. Sie drehte sich auf ihrem Sitz ein wenig mehr zum Fenster hin, der Rücken zu mir. Und in ihren Gedanken glaubte ich zu hören, wie angenehm die Vorstellung wohl wäre, wenn sie sich hätte an mich lehnen können, statt krampfhaft die Spannung zu halten, um ja nicht über die trennende Barriere zwischen den beiden Sitzen hinauszuragen.

Der Zug näherte sich dem Zielbahnhof. Dort geschah etwas, das für sie unerwartet war. Der Wagen wurde abgekoppelt und an einen anderen Zug, der die Reisenden zur Mole und damit zur Fähre brachte, angekoppelt. Ich kannte diesen Vorgang schon, denn ich fuhr nicht das erste Mal mit diesem Zug. Für sie schien das neu zu sein. “Fahren Sie auch nach Amrum?”, fragte sie mich plötzlich.

In mir leichte Überraschung — sie konnte sprechen! Mein instinktives Lächeln, das sich trotz des miserablen ersten Eindrucks seinen Weg bahnen wollte, unterdrückend, gab ich Antwort und kam dem eigentlichen Zweck ihrer Frage entgegen. Ich erklärte ihr, was mit dem Zug passierte und wie es an der Mole weitergeht. Dass die Fähre noch nicht da sein wird, man sich ein Ticket dort direkt neben dem Bahnsteig kaufen kann. Ich sagte das freundlich, ruhig und bestimmt. Der einzige Weg für sie, die Konversation weiterzuführen, wäre eine Art Revidieren ihres ersten Eindrucks gewesen. Aber dazu hätte ich ihre Lebensgeschichte kennen müssen. Den Grund, warum sie alleine reiste, warum sie vermutlich von vornherein reserviert war. Mir gegenüber und jedem anderen männlichen Wesen wahrscheinlich auch. Oder vielleicht doch nur mir gegenüber? Ich weiß es nicht.

Ich bin ein Dorfpoet. Ich fahre alleine auf eine Insel, um dem Tumult des Jahreswechsels zu entgehen und um in Ruhe schreiben zu können. Aber eine Frau alleine? Eine reservierte Frau mit Hang zum Hinterlassen eines schlechten ersten Eindrucks? Da steckte etwas dahinter. Etwas tragisches, semi-tragisches, etwas, vor dem so eine Frau auf der Flucht war.

Sicher, vielleicht spinne ich mir das auch zurecht und auf der Insel wartete ihr Ehemann, ihr Lover, in einem Penthouse. Nein, ich bildete mir ein, ihre Gedanken hören zu können, ja sogar den Widerhall der Gedanken _vor_ diesen Gedanken. Wahrscheinlich gab es da nichts Hintergründiges. Sie wurde erwartet oder auch nicht. Meine Gedanken sind dabei auch nicht wichtig.

Als wir ausstiegen gab ich ihr den Rest. Ob sie noch mehr Gepäck habe und ob ich helfen könne. Konnte ich. Tat ich. Diesmal wieder mit Lächeln. Ich war mir sicher, dass sie in diesem Moment bereute, niemals mehr über mich zu erfahren. Vielleicht nicht wirklich in diesem Moment. Aber später, wenn sie an diesen Moment zurückdenken würde.

Es war kalt an der Mole. Die Fähre war noch nicht da. Alle Fahrgäste gingen in das Bistro zwischen den Fähranlegern. Zum Aufwärmen. Da stand sie. Ich schaute sie etwas länger an. Es waren ca. 5 Meter zwischen uns. Eine schöne Frau. Eine interessante Frau. Und wieder ein Lächeln von mir. Aber sie konnte oder wollte es nicht erwidern.

Hey, Patricia — schade. Jetzt, spätestens jetzt, hätte mehr daraus werden können. Normalerweise gibt es für den ersten Eindruck keine zweite Chance. Ich habe Dir gleich mehrere gegeben. Ohne viele Worte. Hey, Patricia — Du darfst mich ruhig vergessen. Aber mach es beim nächsten Mal besser. Denn trotz des schlechten ersten Eindrucks hast Du in mir mit dieser Geschichten und 1448 Worten, 9077 Buchstaben, einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Und das gelingt nur wenigen Frauen. Und ich bin ein Dorfpoet zwar, aber auch nur ein ganz normaler Mann. Nein, nicht so einer, vor dem Dich einst Deine Mama gewarnt hat oder der, der Dir den Eindruck vermittelt hat, Dich verschliessen zu müssen. Ich bin ein ganz normaler Mann, lediglich eingebildet genug, mehr in eine kurze Begegnung hineinzuinterpretieren, als es ihr, Dir vielleicht zusteht.