Montage Of Heck

Eine Rezension

Es sind in den vergangenen Monaten mehrere Dokumentationen zu einem der wichtigsten Musiker der letzten Jahrzehnte erschienen: Kurt Cobain. Eine Dokumentation ragt dabei heraus — „Montage Of Heck“. In dieser HBO Doku von Brett Morgan wird ein hochinteressantes Bild dieses Ausnahmemusikers gezeichnet. Es ist ein sehr intimes Portait von Cobain, mit Filmen aus dem Familienarchiv und Interviews mit den Eltern von Cobain, der Schwester, Chris Novoselic und natürlich Courtney Love.

Für das Wort „Heck“ gibt es keine eindeutige Übersetzung. Am ehesten passt vielleicht noch „Hölle auf Erden“. Diese Bezeichnung findet sich in den Tagebüchern Kurt Cobains und lieferte den Titel für diese einmalige Dokumentation. Sehenswert für alle, die die Explosion von Grunge Anfang der 90er Jahre miterlebt haben und noch einmal nachempfinden wollen.

Kurt Cobain war eine hochsensible, verletzliche Persönlichkeit. Das kann man erahnen, wenn man die Texte seiner Songs aufmerksam liest oder sich mit seinem Tagebuch — eine lose Sammlung vollgekritzelter Ringheft — beschäftigt. Vieles davon ist Müll, vieles hat nur einen dokumentarischen Wert. Aus dieser Fülle an Informationen das herauszupicken, was letztendlich essentiell ist, ist Brett Morgen extrem gut gelungen. Diverse Künstler lösen die Zeichnungen Cobains aus seinen Notizen heraus und haben daraus Animationen gemacht. Sie illustrieren die Zerrissenheit dieses Menschen nachdrücklich. Und es sind nicht nur Cobains Eltern, seine Stiefmutter oder seine Schwester, die diese Zerrissenheit erläutern. Es ist vor allem auch sein Freund Chris Novoselic, der Bassist von Nirvana, von dem man in den letzten zwanzig Jahren nur sporadisch etwas gehört hat — er hat Tränen in den Augen, wenn er von diesem sensiblen Charakter spricht. Negative Kritik, Ungerechtigkeit und ganz besonders die Angst davor, abgewiesen zu werden, so wie es der kleine Kurt so oft erlebt hat — das ist die Wurzel dieser wütenden Kreativität, die ein ganz eigenes musikalisches Genre hervorgebracht hat.

Schlüsselfigur ist — wie könnte es anders sein — Kurt´s Frau Courtney Love. Brett Morgan geht aber nicht der Frage nach, ob Courtney Love eine Mörderin ist. Das machen andere Filme. Das Ende Cobains wird auch gar nicht thematisiert. Vielmehr wird gezeigt, wie sehr Cobain darunter gelitten hat, als sämtliche Medien seine Heroinsucht und die seiner Frau, offenkundig auch während der Schwangerschaft, ausgeschlachtet haben. „In Utero“, der Name des zweiten Nirvana Albums, macht Sinn, wenn man begreift, dass seine Texte genau in diese Zeit fallen. Cobain begreift nicht, dass Behörden und Regenbogenpresse aus seiner Sucht ableiten, dass er ein schlechter Mensch ist, ein schlechter Vater sein muss. Der Song „I Hate Myself And I Want To Die“ fliegt schließlich von dem Album „In Utero“. Wie könnte so ein Mensch jemals Verantwortung für einen anderen Menschen übernehmen?

Intime Aufnahmen aus dem Privatleben von Cobain und Love und der kleinen Francis Bean, die vollkommen gesund zur Welt kommt, zeigen diese Abgründe. Cobain, völlig high und apathisch, spielt mit seiner Tochter. Da ist viel Liebe zu sehen und genauso viel Selbstzerstörung. Ein bizarres Bild — das Ende kennen wir und es erscheint zwangsläufig. Francis Bean Cobain ist übrigens als Co-Produzentin an dieser Dokumentation entscheidend beteiligt.

Der ganze Film ist nicht untertitelt. Man sollte schon recht gut Englisch können, um dem Film und seiner Intention folgen zu können. Neben der eigentlichen Dokumentation kommt die Musik nicht zu kurz. Es existieren beeindruckende Aufnahmen, besonders auch aus der Zeit vor „Smells Like Teen Spirit“. Die Fans kennen diese Aufnahmen bereits aus der DVD der grandiosen Werkschau „With The Lights Out“. Man kann über diese Zeit sagen, was man will. Man kann die Weltanschauung Cobains im Nachhinein zu Kotzen finden (so geht es mir) — die Musik ist zeitlos und genial.

Eine Person scheint in dieser Dokumentation komplett zu fehlen: Dave Grohl, der Schlagzeuger von Nirvana. Brett Morgan erklärt in einem Interview den Grund dafür. Dave Grohl, der nach Nirvana als Sänger und Gitarrist der Foo Fighters eine zweite große Karriere erlebt, stand erst zu einem Zeitpunkt für Interviews bereit, als die Deadline für den fertigen Film schon abgelaufen war. Es gibt also keine tiefergehen Erklärung für das Fehlen seiner Statements.

Bemerkenswert ist auch, dass Brett Morgan während seiner Recherchen auf Audiomaterial gestossen ist, dass in absehbarer Zeit als eine Art Solo-Album von Cobain veröffentlicht wird. Die Fans wird es freuen, die objektive Beurteilung dürfte so etwas wie „Leichenfledderei“ vermuten. Egal, denn wenn diese Leichenfledderei einen so hohen dokumentarischen Wert hat, wie „Montage Of Heck“, dann dürfen sich alle Kinder des Grunge darauf freuen.

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