Work In Progress 7

Abschluss der Recherchen

Worum wird es also in meinem neuen Buch gehen? Nun, das Thema ergibt sich beinahe zwangsläufig aus den Recherchen — es geht um die Macht hinter der Macht. Die Macht von sogenannten Geheimdiensten, ihren Marionetten, ihren Betrachtern, ihren Verschwörungstheoretikern. Das wichtigste Datum ist dabei der 2. Juni 1967, der Geburtsstunde eines Mythos, der benutzt, falsch interpretiert und nur teilweise verstanden wurde. Das Besondere dabei ist die Verwobenheit eines fiktiven Charakters mit den Fakten. Nahezu alle Fakten in meinem Buch werden real sein, manche Schlussfolgerungen die einzig logisch möglichen und alle Lücken, die wir als Nachgeborene oder Außenstehende in unseren Empfindungen haben mögen, werden belletristisch gefüllt. Das Ergebnis wird ein Episodenroman, aufgeteilt in zwei etwa gleich große Teile sein. Titel steht noch nicht fest.

Dank dieser ganzen Recherchen — und viele Rezensionen habe ich gar nicht erst geschrieben — steht jetzt eine umfangreiche Timeline mit Fakten, die ich nun mit der Biographie meines erfundenen Protagonisten verbinde. Eine sich daraus ergebende Liste mit den einzelnen Kapiteln, die immer mit Ortsangabe und Zeitpunkt versehen sein werden, entspricht den einzelnen Episoden. Diese Episoden werden weitestgehend unabhängig voneinander geschrieben. Am Ende schaue ich nach, wie ich diese Collage dann zusammensetze. Der rote Faden muss von mir nicht ausgedacht werden — er ergibt sich chronologisch und zwangsläufig aus dieser Timeline. Größte Herausforderung ist das Abwägen von relevanten oder weniger relevanten Fakten — ich ertappe mich dabei, wie ich die kleinen Fakten, die Nuancen, die man irgendwo in einem Nebensatz gelesen hat, in den Vordergrund stellen möchte. Das ist ein probates Mittel. Es ist der Mann, der einen Kinderwagen durch die Straßenschlacht am 4. Juni 1967 über die Straßen von Westberlin schiebt, es ist die in Rente gegangene Stasi-Agentin, die den Berichten im Fernsehen nicht trauen will oder es ist der Wächter in einem Hochsicherheitsgefängnis, der eine direkte Anweisung aus einem Ministerium erhält — damals, als es noch ganz exotisch „Fernkopie“ statt „Telefax“ hieß.

Das alles und viel mehr geht jetzt in Arbeit.

Zum Schluss möchte ich aber im Schnelldurchlauf die Bücher vorstellen, die ich ebenfalls gelesen habe und für die jetzt aber keine ausführliche Rezension mehr schreibe:

Charlotte Müller — Die Klempnerkolonne von Ravensbrück

Eine der bohrenden Fragen in meinen Recherchen ergibt sich aus dem Leben dieser Frau. Es wird mir in weiten Teilen ein Rätsel bleiben. Charlotte Müller, Widerstandskämpferin während der Nazizeit, überzeugte Kommunistin seit ihrer Jugend, später dann wertvoller Kurier der Stasi nach West-Berlin, ist die vermutlich wichtigste Bezugsperson von Karl-Heinz Kurras. Ich würde zu gerne wissen, was sie am 02. Juni 1967 gedacht hat. Ihre einzige Hinterlassenschaft ist dieses Buch und es beschreibt leider „nur“ ihre heldenhafte Arbeit im KZ Ravensbrück mit der sie vielen Menschen das Leben gerettet hat. Dieses Buch gibt es ab und an gebraucht zu kaufen oder findet sich in diversen Antiquariaten.

Der 2. Juni 1967

Uwe Soukup — Wie starb Benno Ohnesorg?

Dieses Buch ist die mit Abstand wichtigste Dokumentation zum 2. Juni 1967. Alle wichtigen Ereignisse, alle wichtigen Fotos, alle wichtigen Aussagen sind hier chronologisch lückenlos zusammengetragen. Absolute Pflichtlektüre für eine Auseinandersetzung mit dem Thema. (Amazon)

Marc Tschernitschek — Der Todessschütze Benno Ohnesorgs — Karl-Heinz Kurras, die Westberliner Polizei und die Stasi

Armin Fuhrer — Wer erschoss Benno Ohnesorg? — Der Fall Kurras und die Stasi

Sven Felix Kellerhoff — Die Stasi und der Westen -Der Kurras-Komplex

Diese drei Bücher sind eine perfekte Ergänzung zu dem Buch von Uwe Soukup. Sie fassen den aktuellen Kenntnisstand des Mordes an Benno Ohnesorg anhand der aktuellen Faktenlage zur Auswertung der Stasi-Akten des „IM Otto Bohl“ zusammen. Viele Fakten wiederholen sich natürlich — alle Bücher zusammen liefern ein ziemlich präzises Bild der Geschehnisse rund um den 2. Juni 1967.

Regine Igel — Terrorismuslügen: Wie die Stasi im Untergrund agierte

Das ist das Buch, das von allen hier vorgestellten am nächsten der Verschwörungstheorien zugeordnet werden muss. Igel, die schon über die Verstrickungen italienischer Geheimdienste und Terrorismus Werke verfasst hat, stellt interessante Fragen und leitet fragwürdige Zusammenhänge her. Für einen Dorfpoet leider nicht zu verifizieren. (Amazon)

Ingrid Gilcher-Holtey — Die 68er Bewegung

Dieses sehr wissenschaftlich gehaltene Buch untersucht die globale Ausdehnung der Studentenbewegung, ihren Ursprung und die jeweiligen Besonderheiten. Wichtig an diesem Buch ist die historische Einbettung — stellt man die Eskalation der Gewalt in einen historischen Kontext, ausgehend vom Kennedy Attentat, über den Vietnamkrieg bis hin zu den Attentaten auf Martin Luther King und einen weiteren Kennedy, dann erklärt sich einiges noch einleuchtender. Dieses Buch geht aber noch viel tiefer ins Detail. (Amazon)

Uwe Timm — Heißer Sommer

Uwe Timm war der Jugendfreund von Benno Ohnesorg. Er ist heute ein angesehener Autor und das Buch „Heißer Sommer“ ist eine der großen Romane der 68er Generation. Diese Lektüre habe ich gerade erst begonnen. Evtl. folgt hierzu noch eine ausführliche Rezension. (Amazon)