Karl Renner — Der erste Präsident

von Claus Michl-Atzmüller

Am Denkmal Karl Renners wurde in den vergangenen Jahren heftig gekratzt. So wurde die Umbenennung des Dr. Karl Renner-Ringes in Parlamentsring gefordert. Diese kritischen Töne gehen auf ein Interview vom 3. April 1938 zurück, in dem Karl Renner im „Neuen Wiener Tagblatt“ sein Ja zum Anschluss an Hitler-Deutschland verkündete. Angesichts dieses „Fehltrittes“ geht aber oft die Gesamtsicht auf diesen sozialdemokratischen Jahrhundertpolitiker verloren. Es ist daher besonders verdienstvoll, dass sich der Berliner Politikwissenschaftler Richard Saage diesem sehr komplexen Thema angenommen hat. Er stützt sich dabei auf den Renner-Nachlass und das sehr umfangreich gedruckte Œuvre des Politikers. Welcher andere Politiker der Ersten oder der Zweiten Republik hat in vergleichbarem Ausmaß tausende Seiten an fachlich hoch qualifizierte, aber dennoch gut lesbare Schriften geschaffen? Hier mag man noch Otto Bauer nennen, aber als erfolgreicher Politiker in der Praxis bleibt nur noch Renner übrig, den Saage den „Ersten Präsidenten“ nennt.

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