Was genau ist “civic” an Civic Tech?

Der Begriff “Civic Tech” ist umstritten, denn “civic” (staatsbürgerlich) kann vieles bedeuten. Während manche jede Form bürgerlichen Engagements im IT-Bereich in Civic Tech anlegen, sehen andere vor allem die Schaffung von mehr Demokratie und Offenheit in Politik und Verwaltung als Ziel. Ihnen zufolge gelten gemeinnützige Wissensplattformen wie Wikipedia oder Rechtsberatung wie Flightright nicht als Civic Tech.

Andere wiederum finden es irrelevant, ob die Anwendungen und Werkzeuge von Bürger*innen kreiert werden, solange sie Bürger*innen dienen. Für sie zählen auch kommerzielle Werkzeuge wie IT-Produkte für die Verwaltung als Civic Tech, oder die Arbeit der inzwischen berühmten Presidential Innovation Fellows des Weißen Hauses, die die größten IT-Herausforderungen des Landes angehen. Civic Tech heißt hier: mehr Effizienz in den Verwaltungen, bessere Kommunikation zwischen Staat und Bürger*innen und innovative Werkzeuge für Partizipation.

Doch Civic Tech ist mehr als nur ein kostenloser IT-Service für die Regierung. Bei Civic Tech stellt sich immer auch die Machtfrage: Wie kann ein digitales Werkzeug, eine Anwendung oder eine Plattform Bürger*innen ermächtigen? Politisch gesehen gibt es darauf zwei Antworten: Einerseits wird durch Bürgerbeteiligungstools mehr politische Teilhabe möglich, andererseits schaffen offene Daten und deren Nutzung mehr Transparenz und damit mehr Rechenschaftspflicht vom Staat. Radikal gedacht ist der Staat der Zukunft eine neutrale Plattform, die Informationen verarbeitet und an seine Bürger*innen weiterleitet.

In a sense, the dream of civic technology envisions a central role for government as an value-neutral aggregator, disseminator and processor of information. Government as I/O.
Emily Shaw
Der Hansen Writing Ball (1865) — Civic Tech aus dem 19. Jahrhundert?

Civic Tech aber beschäftigt sich nicht nur mit politischer Macht, sondern auch mit digitaler Mündigkeit, also der Fähigkeit, Digitales zu verstehen, zu bedienen und zu entwickeln. Der gängige Begriff hierfür ist ebenfalls ein Anglizismus: Digital Literacy. Civic-Tech-Initiativen wie die School of Data oder DiscoTechs zeigen in Workshops und Online-Kursen, wie bestimmte IT-Prozesse funktionieren und wie man mit Daten und Technologien umgehen kann. Sie befähigen Bürger*innen dazu, digitale Tools für ihre Ziele und Interessen einzusetzen. Digital Literacy ist also Alphabetisierung im 21. Jahrhundert.

Ein weiterer Aspekt der Machtfrage liegt in der Art, wie und wo diese Werkzeuge vorliegen. Wenn die Tools von der Zivilgesellschaft gebaut werden und als Open Source der Öffentlichkeit zur Verfügung stehen, können andere die Tools nutzen und weiterentwickeln, ohne dass sie Bedingungen von Regierungen oder Unternehmen unterliegen. Die Zivilgesellschaft ist und bleibt damit ein wichtiger Bereich, der unabhängig, gemeinnützig und partizipatorisch geprägt ist.

Ob Kommunikation zwischen Staat und Bürger*innen, Teilhabe am politischen Prozess, Aufbereitung und Visualisierung von Daten: Es gibt viele Projekte unter dem Namen “Civic Tech”. Das, was sie gemeinsam haben, ist der Einsatz von Technologie für die Ermächtigung der Bürger*innen.


Dies ist der 3. Teil einer Serie, die den Begriff “Civic Tech” im Rahmen des Prototype Fund näher bringen möchte. Das Programm unterstützt Civic-Tech-Projekte mit einer Fördersumme von bis zu 30.000€ über sechs Monate. Bewerbungsschluss für die zweite Runde ist der 31. März 2017.