E-Sport im Koalitionsvertrag — und ich blicke auf meine Jugend zurück

Ich sitze vor den E-Sport-Scherben meiner Kindheit. Vielmehr sitze ich vor den Scherben meiner Spät-Jugend. Eigentlich gucke ich das “ESL One” Finale aus dem Jahre 2015, aufgezeichnet auf Youtube. Das letzte Mal, als ich ein E-Sport Finale geguckt habe, war es schon auch so professionell, aber ich kann mich nicht daran erinnern, dass so viele Live-Zuschauer da waren. Das Experten-Team ist gekleidet wie in Amerika beim Super-Bowl Finale und ich kenne niemanden. Offensichtlich sind aber zwei vom Fach dabei, denn sie sehen sehr komisch aus im Anzug.

Sponsoren, Kommentatoren und Live-Übertragung

Ich gucke CSGO. Die Team-Member (5 + Trainer) tragen Trikots mit Sponsoren, von denen jeder Sportler auf der Welt träumen würde: Visa, AMD, Asus, BenQ. Die Teams haben ein eigenes Logo und einzelne Stars sogar Einzel-Sponsoren-Verträge z.B. von Monster-Drinks (wie passend). CSGO ist der Nachfolger von Counter-Strike. Ich denke, dass der Hersteller noch Valve ist, bin mir aber nicht sicher. Dieses Spiel habe ich meiner Jugend ab Beta 5.0 gespielt. Ich wette, dass 95% der Anwesenden in der riesigen Halle des CSGOs Finale noch nicht einmal wussten, dass es jemals eine CS Beta gab, noch das CS ursprünglich ein Mod von Half-Life war.

Ingame finde ich mich aber ganz gut zurecht: Der Hud hat sich kaum geändert, das Spielprinzip ist das Gleiche und die Maps haben noch die Wände an den gleichen Stellen. Sonst sieht aber alles anders aus. Ich denke, dass die Grafik natürlich etwas angerostet ist, für heutige Verhältnisse, aber für mich sieht das alles wie Hochglanz aus. Wir haben damals mit der Referenzauflösung 800x600px gespielt. Das ist noch nicht mal HD-Ready — wie man heuzutage sagen würde. Die AKs sind auf einmal bunt und die Models der Gegner haben sehr viel mehr Details und Texturen. Da es aber eine Live-Übertragung ist, sieht man das Spiel im Zuschauer-Modus. Und hier hat sich der Hersteller einiges einfallen lassen: Alle Gegner können durch die Wände oder durch Rauchgranaten durchgesehen werden. Man sieht auch zum Teil wohin ein Spieler zielt. Oben rechts wird die Zuschauer-Online-Anzahl angezeigt (1,3 Millionen) und unten links werden die Namen der Haupt-Caster (Kommentatoren) genannt. Oben links ist eine Karte eingeblendet, auf der Expertern sogar Strategien einzeichnen können. Der Caster, der die Kamera steuert macht einen guten Job, man bekommt alles mit und behält die Übersicht. Wenn man in einer First-Person-View ist, sieht man ein echtes Bild des Spielers im Trikot. Es gibt sogar Replays mit Slowmotions. HTLV (wie es damals hieß) hat sich echt weiterentwickelt! Überhaupt sieht alles ziemlich fancy aus. Jegliche Sportarten sollten sich alleim vom Intro des Finales (Emotion pur) eine Scheibe abschneiden. Der Crowd-Kommentator ist auch nicht zum fremdschämen, sondern sehr professionell. Die Kommentatoren sind begeistert, aber nicht zu nerdig und überemotional. Sie geben fachlich gute Infos — das kann man schon lange nicht mehr von allen Sport-Kommentatoren behaupten.

Psychological Warfare und Skill

Die Szenen, die ich auf dem Laptop per Video nachverfolge erwecken Erinnerungen. Sehr intensive Erinnerungen. Ich kann den Druck, das Glück, die Scham, die Aufgeregtheit der beiden Teams nachfühlen und erkenne auch alte Taktiken und Verhaltensweisen wieder. Ich bin seit einer Stunde gehooked und gucke dieses Finale. Das ich das letzte mal kompetitiv gespielt habe, muss Ewigkeiten her sein. Und trotzdem bin ich noch voll drin in der Materie. Ich denke über Team-Dynamik nach — die Kommentatoren sagen: “psychological Warfare”. Fnatic hat 6 Matchbälle auf der ersten Map gegen sich und wehrt alle ab, obwohl es für das andere Team doch so einfach sein müsste, den Sack zu zumachen. Aber ich kann es total nachvollziehen. Auf einmal hat das andere Team wieder Geld und einen Run. Und wenn jemand auf diesem Niveau einen Run hat, dann ist er eben 10ms früher dran, als sein Gegner und er macht den Punkt und der Gegner eben nicht. So schnell kanns gehen.

“Ich will mal in den Top 10 spielen”

Ich denke daran, wie ich zu meinem Papa sagte: “Eines Tages, will ich mal in der Top 10 in Deutschland spielen”. Vor ein paar Jahren, hat er mir erzählt, dass er diesen Satz immer noch im Kopf hat und damals sehr schockiert darüber war. Ich habe ihn zu diesem Zeitpunkt komplett ernst gemeint. Und ich denke, ich sollte diese Aussage aus heutigem Standpunkt lächerlicher finden. Tu ich aber nicht. Ich bin einmal in einem Team nicht aufgenommen worden, weil ich in E-Sport nicht so gut war, sondern weil ich die Webseite fürs Team hätte bauen können. Dies war ein kleiner Wendepunkt in meiner E-Sport Karriere. Ab da habe ich nicht mehr meine ganze Zeit darin investiert in einem Computer-Spiel besser zu werden, sondern habe mich aufs Programmieren konzentriert. Jede freie Minute… Und dabei bin ich ganz schön gut geworden. Ich habe das während des Diplom-Studiums weiterverfolgt und nie wieder aus den Augen gelassen. So wurd ich Web-Entwickler mit einem eigenen Startup, statt Pro-Gamer in Korea, oder frustriert mit 30, weil ich keine Ausbildung gehabt hätte, sondern jediglich ein paar 2x1 Meter Schecks in der Besenkammer, die bereits eingelöst wären. Um einer der Pro-Gamer-Stars der Welt zu werden, hätte mir dann doch Einiges an Talent gefehlt. Es gibt immer Freaks, die einfach jedes Mal eine Millisekunde vor dir drücken können — und das reicht schon.

Ich habe zwar das Zocken nicht gleich fallen gelassen. Schließlich war ich Student. Da hatte man den Ruf, dass man noch mal so richtig auflebt als Zocker (nachdem man das Abitur geschafft hat). Somit haben wir einige Samstage mit dem Sixpack, übers Internet verbunden, damit verbracht, uns in einem Strategiespiel in der 2er-Team-Liga nach oben zu arbeiten. Wohlgemerkt mein damals bester Freund und ich, haben uns dabei über Monate nicht gesehen, sondern nur über Internettelefonie unterhalten.

Das Pro-Gamer-Gen

Ich habe dieses Pro-Gamer-Gen nie abgelegt. Ein anderer Kollege lud mich zum Playstation spielen ein. Wir spielten Tennis, er gewann — haushoch. Ich hatte erst kürzlich eine Playstation gekauft, kaufte mir dann auch das Tennis-Spiel und fing an, alleine zu Spielen. Ab dem Zeitpunkt hat er nicht mehr gewonnen und konnte es kaum glauben. Meine alten Zockerkollegen meinten nur: “oh, ja da ist der Pro in dir wieder durchgekommen, das war schon immer so. Wenn du dich einmal in ein Spiel verliebt hattest, dann wars für alle sehr schwer mitzuhalten”. Das hat mich stolzer gemacht, als ich das jemals zugeben würde.

Ich glaube, ich bin ein so guter Programmierer geworden, weil ich mich in die kleinsten Details verbeißen kann. Ich übe so lange, bis ich entweder eine geistreiche Lösung gefunden habe, oder einfach durch tausendmalige Wiederholung besser geworden bin. Ich bin geschickter und kann mich länger konzentrieren als viele meiner Freunde. Das alles führe ich aufs Zocken zurück.

Eine Generation zu früh geboren worden?

Deshalb bin ich dem Zocken sehr dankbar. Und überhaupt, es könnte in meinem Leben nicht besser laufen. Trotzdem schaue ich diese Szenario an und erinnere mich gerne zurück: “was wäre wenn…” Das macht Spaß darüber nachzudenken. Heute ist es kein Traum mehr von mir Pro-Gamer zu werden, aber irgendwas hat mich erinnert, berührt und gepackt. Deshalb behalte ich den Gedanken bei mir: “Jetzt, wo Computerspiele im Koalitionsvertrag stehen, was wäre wenn ich jetzt erst 20 wäre. Was wäre, wenn ich jetzt erst in der Studentenzeit wäre? Was wäre, wenn ich in einer anderen Generation geboren wäre? Was wäre, wenn ich damals das Internet von jetzt gehabt hätte?” — zum Glück darf man noch nostalgisch sein.

Ich gucke das Video zu Ende und öffne dann wieder meine Entwicklungsumgebung.. weiter gehts!