Ich bin kein Aktivist

Kürzlich erhielt ich eine Nachricht, von einer mir völlig unbekannten Person, in der ich gefragt wurde, ob ich ein Aktivist sei. Die Kurzversion meiner Antwort: Nein, ich bin kein Aktivist. Die etwas längere lest ihr unten.

Public Muslim
Aug 30 · 4 min read

Als ich 2003 damit begann, auf meiner privaten Seite meine Meinung zu aktuellen Themen zu schreiben, war ich stark politisiert. Der 11. September und seine Folgen für das Ansehen des Islam und der Muslime in Europa hatten mich dazu bewogen, mehr aus meinem Alltag zu erzählen. Ich wollte, wenn auch ziemlich bescheiden und klein, einen Beitrag für ein besseres Islambild leisten. Ich wollte über meine Religion aufklären und zeigen: Der Islam ist anders.

Aktivismus lag mir in meinen damaligen Absichten fern. Islamverherrlichung war hingegen durchaus auf meinem Blog zu lesen. Eine Religion, die mich besser macht, meine Identität stärkt, mich Güte und Moral im Alltag leben lässt. Natürlich ist man als gläubiger Mensch von der Kraft und der Macht seiner Religion und seines Gottes überzeugt.

Entsprechend habe ich auch so geschrieben. Ich warb für mehr Verständnis, zeigte Wege, um mehr Empathie aufzubauen und zu verstehen, warum die vielen Muslim*innen in Deutschland und Europa diese miese Behandlung nicht verdient hatten, die ihnen nach einem Anschlag von Terroristen entgegenschlug. Dies machte mich zur Zielscheibe rechtsextremer Kreise. Ich bekam Morddrohungen und wurde im Netz tyrannisiert.

Muslim*innen haben mich mehr enttäuscht als rechtsextreme Morddrohungen

Was mich jedoch mehr als die erwartbaren Reaktionen dieser unsäglichen Gruppe von Menschen enttäuschte, war das Verhalten von Muslim*innen. Hat man eine Meinung, ist man ganz schön allein. Vor allem dann, wenn die Meinung eben nicht mit dem Konform geht, was man selbst für richtig hält. Ich durfte lernen, was es heißt, wenn Menschen dir hinter den Kulissen für deine Arbeit danken, dich aber bei der nächsten Gelegenheit auf eine schwarze Liste setzen.

Trotz all dieser Erfahrungen hörte ich nicht auf zu bloggen. Ich änderte sicherlich meinen Schwerpunkt. Teilweise war es schon Berichterstattung, bevor ich richtig als Journalist arbeitete. Größtenteils war es jedoch Meinung. Ich hielt mit meiner Meinung nicht vorm Berg und bewegte damit nicht nur Teile der Community, sondern fand auch Rezeption in den Schlagzeilen der Republik. Mir war es nie wichtig, namentlich genannt zu werden.

Selbst meine Pseudonyme, die ich mir aus Selbstschutz zugelegt habe, erreichten mehr Publikum, als das Original, dass hier heute schreibt. Ich erinnere mich noch, wie ich eine Einladung meiner Lieblingsmoderatorin und Entertainerin, Frau Katrin Bauerfeind, ablehnen musste. Sie wollten unbedingt ein Alter Ego von mir in ihrer Sendung. Ich verzichtete. Erst nach meinem Abschied aus dem “organisierten” Islam habe ich mich wieder öfter und regelmäßig persönlich zu Wort gemeldet.

Schreiben aus einer Notwendigkeit heraus oder aus Spaß an der Sache

Doch mit diesem Abschied war auch verbunden, dass ich keine politische Agenda mehr verfolgte. Es gab keinen Grund mehr für Aktivismus, keinen Grund mehr für andere einzustehen oder gar diese zu verteidigen. Die neue Freiheit, die mich viel gekostet hat, erlaubte mich nur noch auf das zu konzentrieren, was mir wichtig war. Die Agenda des “organisierten Islam” kam entsprechend auch immer wieder durch meine Zwischenrufe aus der Balance.

Ich schreibe nur noch, wenn ich eine Notwendigkeit sehe oder wenn ich Spaß daran habe etwas zu schreiben. So kommentiere ich nicht mehr jeden Müll, ich muss mich auch nicht zum Zeitgeschehen oder neuesten “News” über Muslim*innen äußern. Ich kann auswählen, wem ich ein Interview gebe und damit auch (eingeschränkt) steuern, was und wie über mich geschrieben wird. Ich bin insofern nüchtern bei der Betrachtung der Dinge. Und wenn mir nach Polemik ist, dann nutze ich auch die Chancen dafür.

Was ich aber schon lange nicht mehr bin: ein Aktivist. Ich habe keinerlei politische Forderungen. Die grundsätzlich wünschenswerte Teilhabe von Muslim*innen an dieser, unserer Gesellschaft, wird so oder so kommen. Die Forderungen nach Schutz vor Diskriminierung sind nichts Neues und werden so auch von unterschiedlichen Gruppen vorgenommen. Ich für meinen Teil, äußere mich über Themen, wo ich mir mehr Input wünsche und auch andere Sichtweisen fehlen.

Geradlinigkeit — Das zeichnet mich aus!

Meistens will ich nur noch sagen: “Stopp. So geht das nicht!” Denn die Debatten laufen aktuell aus dem Ruder. Es werden “Expert*innen” gehört, die keinerlei Relevanz für die Debatten und Themen haben. Und für mich ist es keine Agenda, irgendwie einen politischen Einfluss zu haben. Ich berate gern — aber auch nur die Personen, Institutionen und Organisationen, die eine Beratung wünschen. Ich dränge mich nicht auf. Weder mit meinem Blog, noch mit meiner Meinung.

Ich bin, wie man so schön sagt, in der Mitte meines Lebens angekommen. Für mich ist es nicht mehr wichtig, wie viele Follower*innen ich habe. Ich brauche nicht zu wissen, wie viele Leute meinen Beitrag gelesen haben. Mich stört es eher, wenn ein Beitrag überhaupt nicht gelesen wird. Und doch ist der Einfluss, den ich mit dieser bescheidenen, kleinen Arbeit leiste, da. Er ist nicht groß, aber dann doch an vielen Stellen entscheidend und relevant.

Ich brauche nicht laut zu werden, ich muss nicht auf irgendwelche Rassismus-Themen aufspringen oder mich gänzlich als Person neu erfinden. Ich bin stets im Wandel gewesen und werde mich auch weiterhin verändern. Aber meine Meinung und meine Haltung sind es, die vielen Menschen imponiert. Letztens schrieb mir ein Bekannter: “Ich bewundere deine stets vorhandene Geradlinigkeit.”

Und diese Geradlinigkeit will ich mir erhalten. Statt also in irgendwelchen Aktivismus zu verfallen, mich in Kampagnen, leeren Hülsen und Hüllen zu verstecken bevorzuge ich weiterhin das freie Wort. Das ist kein Aktivismus. Es ist die Freiheit eines Menschen, der seine Erfahrungen und Ansichten teilen möchte. Für diese Chance ist er täglich dankbar.

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