Mein erstes Lernentwicklungsgespräch

Als Vater erlebt man viele erste Male. Vor ein paar Tagen war es dann auch das erste Mal für mich, an einem Lernentwicklungsgespräch teilzunehmen. Zwar nur Remote, aber hey: Ich war das erste Mal bei solch einem Termin. Eindrücke und Überraschungen eines leidgeplagten Menschen.

Die Schulbehörde in Hamburg tickt mal wieder nicht ganz richtig. Ich bekam einen gelben Brief, in dem mir mitgeteilt wurde, dass meine Tochter schulpflichtig sei und deshalb eine Schule besuchen müsse. Lustigerweise geht meine Tochter schon seit Schuljahresanfang in die erste Klasse einer hier in der Nähe angesiedelten Schule. Davor war sie auch in der Vorschule dieser Schule angemeldet. Irgendwie scheint das mit dem Datenaustausch nicht so gut zu funktionieren. Das bestätigten mir später die Lehrkräfte.

Abgesehen davon hatten wir interessante Wochen hinter uns. Meine Tochter wurde in Corona-Zeiten eingeschult und lernt aktuell eine ganze Menge in der Schule. Wir unterstützen sie dabei so gut wie wir können. Einen ersten Stimmungstest hatte ich bereits bei meinem ersten Elternabend, an dem ich mich gefragt habe, wieso sich manche Deutsche und Ausländer wie Almans benehmen… Und ich habe verstanden, warum meine Frau an solchen Terminen in diesem Jahr nicht teilnehmen möchte.

Elternabende sind wirklich schrecklich

Das Gequatsche von Helikopter-Eltern (ja, es gibt sie wirklich) geht einem echt auf die Nerven. Eltern, die nicht auf den Punkt kommen können und Lehrkräfte, die natürlich auf Prinzipien bestehen möchten. All das sind keine guten Mischungen für einen Familienvater, der eigentlich keine Lust auf lange Diskussionen und unnötiges Gerede hat. Ich habe Eltern, die meinten, Elternabende seien Zeitverschwendung nie verstanden. Jetzt kann ich es nachvollziehen. Manche Dinge muss man wirklich selbst erlebt haben, um mitreden zu können. Pädagogische Ratschläge sollte man sich wirklich sparen.

Doch kommen wir zurück auf unsere Tochter und das Lernentwicklungsgespräch. Weil das Gespräch kurz nach meine Arbeitszeit fiel, habe ich Remote daran teilgenommen. Meine Frau schaltete mich, nach Einverständnis der Lehrkräfte, einfach per WhatsApp-Anruf dazu. Ich grüßte kurz und hörte mir dann an, was die Lehrkräfte zu erzählen hatten. Und vieles war für mich nicht neu. Meine Tochter und ich sprechen halt auch über ihren Schultag, wenn wir die Zeit dafür finden und sie erzählt und erzählt.

Nur Lobenswertes zu unserer Tochter

Ähnlich berichteten es auch die Lehrkräfte. Unsere Tochter sei sehr aufgeweckt, sehr fleißig, sehr gut in ihrer Lernentwicklung, dürfe schon einige besondere Themen schneller lernen als der Rest der Klasse. Im Großen und Ganzen schwärmten die Lehrkräfte von unserer Tochter. Sie entwickelt sich super, hat viel Spaß in der Schule und ist sehr diszipliniert und hält sich an die Regeln. Sie ist beliebt und zeigt viel Solidarität. Besser kann es eigentlich nicht laufen, für Eltern, wenn sie so mitgenommen werden.

Also habe ich nachgefragt, wie wir unsere Tochter weiter unterstützen können und auch die Lehrkräfte, damit sie noch besser wird. Letztlich erklärte man uns, alles sei gut, wir sollten das Niveau halten und weiter machen. Es gäbe aktuell nichts zu verbessern. Das hört sich nach Überflieger-Kind an, aber im Grunde haben uns die Lehrkräfte nur gesagt, dass unsere Tochter einfacher Durchschnitt ist und das von ihr erwartete bringt. Mehr kann und sollte man aktuell auch nicht von ihr erwarten.

Auch ich bin ein Helikoptervater, aber nicht so wie die anderen

Wäre ich ein normaler Vater, hätte ich das einfach so hingenommen. Bin ich aber nicht. Ich habe den Lehrkräften zugestimmt, dennoch klargemacht, dass wir weiter an den Fähigkeiten und Kenntnissen meiner Tochter arbeiten werden. Das wird nicht so sein, dass wir sie langweilen oder überfordern. Es wird aber so sein, dass sie immer fleißig sein wird und ihren Spaß und ihre Leidenschaft für das Lernen und mittlerweile auch bald das Lesen nicht verlieren wird. Es ist schön, dass sie insgesamt auf einem guten Niveau und weg ist, aber das darf jetzt auch nicht durch Nachlässigkeit kaputtgehen.

Was mich aber dann doch überraschte, war eine Erzählung der Lehrkräfte im Anschluss, die neu für mich war. Anscheinend hat unsere Tochter eine eigene Türkisch-Klasse für die Pausen gegründet. Unsere liebe Erstklässlerin hat in der Pause nichts Besseres zu tun, als eine Tafel zu zeichnen und ihren Mitschüler*innen türkische Begriffe und das deutsche Pendant dazu beizubringen. Dabei haben wir unsere Tochter gezielt nicht für den muttersprachlichen Unterricht in diesem Jahr angemeldet.

Türkisch-Unterricht in den Pausen

Die Türkisch-Lehrerin ist eine Pädagogin, die ich noch von einer anderen Schule kenne, die ich sehr gut kenne. Ich möchte nicht, dass unsere Tochter von ihr Unterrichtet wird. Also haben wir unsere Tochter für den zusätzlichen Sport-Unterricht und den Kurs für Ji-Jitsu angemeldet, aber nicht für den muttersprachlichen Unterricht. Da ist sie dann auch immer sehr froh darüber, weil sie sich austoben kann und auch Strategien und Kampfkünste zur Selbstverteidigung lernt, statt noch intensiver als ohnehin türkisch pauken zu müssen.

Der Türkisch-Unterricht in den Pausen war uns dann tatsächlich als Eltern neu. Wir wussten zwar, dass sie ein ähnliches Spiel mit ihren deutschen Cousins spielt, aber nicht, dass sie das auch in den Pausen mit ihren deutschen Freunden spielt. Die deutschen Familienangehörigen möchten auch etwas Türkisch lernen, damit sie z. B. Oma und Opa überraschen können. Mich hat aber nicht überrascht, dass unsere Tochter so einen Unterricht macht. Mich hat die Reaktion der Lehrkräfte überrascht. Die nehmen das Ganze mit sehr viel Humor und Leichtigkeit.

O-Ton: “Wir finden es toll, wie sich ihre Tochter einbringt und alle zum Lachen, spielen und lernen begeistert. Auch im Türkisch-Unterricht.” Als jemand, der noch in seinem letzten Schuljahr einem Lehrkörper fluchend erklärt hat, dass er sich sonst wohin scheren kann und mir mein Türkisch auf dem Pausenhof nicht verbieten darf und kann, war ich über die Reaktion überrascht.

Eine kostbare Rarität: Pädagogen die Herkunft als Bereicherung sehen

Es stellt an dieser Schule anscheinend kein Problem dar, dass unsere Tochter Türkisch als Muttersprache nutzen kann. Das finde ich lobenswert, weil noch im vergangenen Jahr in der Vorschule ein kleiner unschöner Vorfall mich dazu genötigt hat ein ernstes Wort mit der Vorschullehrerin zu wechseln, weil diese unserer Tochter Türkisch verbieten wollte. Dass sich nun Pädagogen positiv dazu äußern, wie unsere Tochter ihre Sprache nutzt und diese auch anderen beibringt, hat mich einfach überrascht.

An der anderen Schule im Stadtteil wäre das sicherlich nicht so gelaufen. Ich erhalte aktuell Horrormeldungen von Eltern, die von Mobbing, Ausgrenzung und harten Sanktionen berichten. Ich bin froh, dass meine Tochter anscheinend in ihrem ersten Schuljahr eine gute Schülerin ist, sie viel Potenzial zeigt und ihre Lust am Lernen nicht verloren hat. Und ich bin froh und dankbar, dass sie anscheinend Pädagoginnen abbekommen hat, die ihre Herkunft nicht als etwas Negatives begreifen und ihr kulturelles Erbe mit fördern und gut finden.

Es ist im Übrigen das erste Mal, dass ich in Hamburg solchen Pädagogen persönlich begegne. Durch meine Arbeit, gerade auch in früheren Zeiten, weiß ich wie selten und kostbar so etwas sein kann. Ich hatte sonst immer mit der anderen Sorte zu tun.

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