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Unsolidarisch — Mein neuer Weg in der Corona-Krise

Als die erste Corona-Welle in Deutschland ankam, habe ich mich sehr solidarisch gezeigt. Doch diese Gesellschaft ist unsolidarisch geprägt. Alle, die sich Mühe geben, haben das Nachsehen. Ein paar Gedanken zur zweiten Corona-Welle und warum ich es diesmal lockerer angehe.

Zu Beginn der ersten Corona-Welle war ich gerade Interimsweise mit der Teamleitung in einer Organisation betreut. Eine Arbeitskollegin kam auf mich zu und erklärte mir, sie müsse womöglich in diesen Tagen eine Dienstreise antreten. Ich erklärte ihr, dass ich sie auf keinen Fall zu dieser Dienstreise, noch dazu eine öffentliche Messe, fahren lasse. Es war ihr nicht klar, aber sie gehörte zur sog. Risikogruppe, nach Definition des Robert Koch Instituts. Zu dieser Gruppe gehöre ich übrigens auch.

Ein paar Tage später stellte sich bereits deutlich heraus, dass wir alle ins HomeOffice wechseln mussten. Entsprechend wurden Kommunikationswege und Grundlagen für das Arbeiten von Zuhause geprüft. Neben Anmeldungen an Rechnern, Geräten und Servern musste auch eine Kommunikation zwischen allen Beteiligten geklärt werden. Ich wechselte dann ins verhasste HomeOffice und hielt mich weitestgehend nur noch Zuhause auf. Es war eine sehr intensive und interessante Zeit, die ich dann Zuhause verbracht habe. Man lernt die wichtigsten Dinge und Menschen im Leben besser schätzen.

Corona-Virus schränkt unsere Freiheiten ein.
Corona-Virus schränkt unsere Freiheiten ein.
Virus-Visualisierung. Photo by Fusion Medical Animation on Unsplash

Keine unnötigen Risiken — Einschränkungen im Alltag

Einmal bin ich wegen eines Todesfalls von Zuhause raus und das auch nur für 30 Minuten. Ansonsten fanden kein Urlaub, keine Reisen, keine Nutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln und schon gar nicht irgendwelche Treffen mit Freunden statt. Die AHA-Regeln (Abstand, Hygiene, Atemmaske) waren jetzt Teil meines Alltags. Ich bin, wenn ich vorsichtig zurückblicke, sehr vorbildlich beim Thema gewesen und habe auch immer versucht keine unnötigen Risiken auf mich zu nehmen.

In dieser Phase des sog. “Lockdowns” war ich auch auf Jobsuche. Ich habe nur noch Online-Bewerbungsgespräche geführt und selbst hier keine Kompromisse geschlossen. Isolation war für mich wichtig, sowohl zum eigenen Schutz, als auch dem Schutz meiner Familie und meines Umfelds. Selbst meine Eltern habe ich 3Monate lang nicht gesehen. Sie sind dann auch direkt in die Türkei geflogen, ohne dass ich sie richtig besuchen konnte. Das hat weh getan, aber es war in der Folge erst einmal richtig. Der Kontakt war nur online und über Videomeetings möglich.

Selbst die Besuche in den Moscheen fielen aus. Fast alle Gemeinden hielten sich vorbildlich, ohne das es extra Maßnahmen bedurfte, an die Hygiene-Regeln und schlossen auch für mehrere Wochen ihre Türen. Viele Gemeinden kämpfen seither auch um ihre Existenz, während andere von der Corona-Krise kaum getroffen wurden. Für einen gläubigen Menschen, der auch praktizierend ist, sind solche Dinge schwierig und nicht einfach umzusetzen.

Eine unsolidarische Gesellschaft ist um uns herum

Ich habe all das getan, weil ich an die solidarische Gemeinschaft geglaubt habe. Doch ich wurde eines Besseren belehrt. Ein Blick in die Regale in den Supermärkten reichte aus. Es war ein Umstand, den ich so nicht kannte. Menschen kauften Klopapier in Masse, sodass in den Regalen kein Nachschub zu finden war. Masken und Toilettenpapier wurden für Wucherpreise online angeboten. Hygiene-Artikel waren oft ausverkauft. Selbst die geliebte Handcreme konnte nur mit Lieferverzögerungen geliefert werden.

Als ich mal Milch für die Kinder kaufen wollte, wurde ich an der Kasse von der REWE-Mitarbeiterin gemaßregelt, warum ich drei Liter Milch kaufe, statt zwei. Das war für mich neu. Essensrationierungen kannte ich eigentlich von anderen Regimen und Diktaturen. Hier sollte ich nun Verzicht üben, weil Milch anscheinend ausverkauft war. Für einen Haushalt mit vier Personen sind zwei Liter die Woche ein Witz. Doch die Singles hatten schon ihre Speisekammer bis zum Rand voll, während wir als Kleinfamilie immer nur das Nötigste einkauften. Dabei immer irgendwelche Ignoranten im Nacken, die nicht mal 1,5 m Abstand halten können.

Coronaleugner und Party-People

Viel schmerzhafter war für mich, in meinem Umfeld immer wieder skeptische Stimmen bezüglich Corona und seiner Gefahren zu hören. Ich bin die Diskussionen über die Gefahren einfach nur leid. Wie können Menschen einfach nur dermaßen mit Verschwörungstheorien vollgemüllt sein? Und diese Idiotie findet sich über alle Schichten hinweg überall wieder. Ich war nur erschrocken, dass der KZF-Mechaniker genau so ticken kann, wie der promovierte Hausarzt. Dabei soll letzterer eigentlich Leben retten und bewahren.

Die letzte Enttäuschung war die Urlaubssaison. Ab da habe ich eingesehen, dass Verzicht zu nichts führt. Es wird missbraucht, dass wir, eine kleine große Gruppe, uns in Verzicht üben. Andere gehen Feiern, reisen und leben ihr Leben, während wir uns einschränken und als Dank dafür einen baldigen zweiten “Lockdown”, besser gesagt neue Beschränkungen in unserem Leben erhalten. Wir hatten noch keinen Lockdown, aber bei dieser Gesellschaft, würde mich das nicht wundern, wenn ein echter Lockdown am Ende doch kommt.

An die Regeln halten: ja — solidarisch sein: nein!

Ich für meinen Teil halte mich weiter an die wichtigsten Regeln, zum eigenen Schutz. Aber ich habe aufgehört so zu tun, als würde es diesmal gelingen, wenn wir alle solidarisch sind. Ich kann nicht erwarten, dass ein anderes Ergebnis herauskommt, wenn ich mich erneut solidarisch zeige. Und deshalb habe ich diesmal vorgesorgt und werde mich nicht einschränken.

Ein Auto (nach vier Jahren ohne) steht jetzt vor meiner Haustür, die Schränke sind voll mit Essen, Knabberzeug, Hygiene-Artikel, Putzmittel und Desinfektionsmittel. Wir haben genügend Masken und alles andere, was wir brauchen, um die kommenden zwei-drei Monate zu überstehen. Wir haben gehamstert und sind nicht die dummen, die sich jetzt über leere Regale in Supermärkten ärgern.

Wir nutzen jetzt das gesparte Geld, um viel zu reisen, und auch kommendes Jahr wieder zu reisen. Die zweite Welle gehen wir lockerer an und tun nur das Nötigste. Und ich werde mich nicht mehr dumm fühlen, weil ich mich solidarisch zeige, während der Rest der Nation sich darüber lustig macht und sagt: “Hey, alles halb so wild.” Mal sehen, wie es diesmal läuft.

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Das muslimische Subjekt ist öffentlich. Einsichten, Aussichten und Islamisches. #Islam #Muslim #Hamburg. Impressum: https://www.akifsahin.de/impressum/

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