Verantwortungseigentum

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Nov 22, 2019 · 3 min read

Eine Idee für die Wirtschaft des 21. Jahrhunderts

Verantwortungseigentum ist eine Alternative zu herkömmlichen Eigentümerstrukturen. Es ermöglicht, die Unabhängigkeit und Werteorientierung eines Unternehmens rechtlich bindend in der DNA –
dem Eigentum — zu verankern. Unternehmen in Verantwortungseigentum beweisen seit vielen Jahren, dass sie erfolgreich sind. So übertreffen sie zum Beispiel traditionelle, gewinnorientierte Unternehmen nicht
nur bezüglich ihrer langfristig höheren Gewinnmargen, sondern sind außerdem weniger anfällig für politische und wirtschaftliche Krisen.

Weitere statistische Unterschiede im Vergleich zu herkömmlichen Eigentümerstrukturen sind zum Beispiel, dass sie durchschnittlich höhere
Löhne und Zusatzleistungen für Mitarbeiter zahlen, und eine außerordentlich hohe Mitarbeiterbindung bzw. eine um 40 Prozent niedrigere Fluktuation bei Führungskräften aufweisen. (Viele weitere statistische Unterschiede sind in einer guten Zusammenfassung der Evidenz zu finden bei: Steen Thomsen, “The Danish Industrial Foundations”, 2017)

Weltweit haben Unternehmer seit vielen Generationen verschiedenste rechtliche Lösungen gefunden, um Verantwortungseigentum umzusetzen. Diese Pioniere neuen Eigentums haben innovative Wege entwickelt, um rechtlich bindend zwei Grundsätze im Unternehmen zu verankern:

  1. die Stimmrechte, das Steuerrad des Unternehmens, liegt bei aktiven Unternehmern;
  2. die Gewinne sind Mittel zum Zweck und nicht Selbstzweck.

Während der Zweck der Unternehmung von der ökonomischen Theorie traditionell in der Gewinnmaximierung und der Steigerung ihres Unternehmenswerts gesehen wird, wollen Unternehmen in Verantwortungseigentum einem bestimmten Sinn dienen und sehen Gewinn als Mittel zu diesem Zweck.

Worin genau dieser Sinn liegt, hängt vom jeweiligen Unternehmen ab. Für manche ist die Antwort auf das „Wofür“ eine gesellschaftliche Aufgabe, wie zum Beispiel die Förderung nachhaltiger Landwirtschaft oder ein Beitrag zur Sicherstellung eines freien und für alle zugänglichen Internets (wie z.B. für die Mozilla-Stiftung mit ihrem Firefox-Browser). Für andere Unternehmen liegt der Sinn in ihren hochwertigen Produkten, ganz egal, ob es sich dabei um Technologie, Konsumgüter oder Dienstleistungen handelt. Wieder andere Unternehmen verstehen ihn als etwas, das die inneren Strukturen der Organisation betrifft. Für sie geht es darum, wie ein Unternehmen organisiert und geführt werden soll. Dies kann bedeuten, dass Unternehmen auf Eigenverantwortung und Selbstorganisation setzen, dass Mitarbeiter am Unternehmensgewinn beteiligt werden oder dass sie einfach frei entscheiden können, von wo aus sie arbeiten.

Alle Unternehmen in Verantwortungseigentum haben jedoch eine Gemeinsamkeit: die Uberzeugung, dass Gewinne kein reiner Selbstzweck sind, sondern Saat für die Zukunft, ein Mittel, mit dessen Hilfe der eigentliche Sinn des Unternehmens vorangetrieben wird.

Um den Werten des Unternehmens treu bleiben zu können, bleibt bei Unternehmen in Verantwortungseigentum das „Steuerrad“ — die Kontrolle über das Management und strategischen Entscheidungen — in Händen von Menschen, die im Unternehmen tätig oder eng mit demselben verbunden sind. Für andere Unternehmen ist das eher unüblich, da diese hauptsächlich von externen Eigentümern kontrolliert werden. Hier geben Aktionäre, Private-Equity-Gesellschaften oder Konzernstrukturen die Unternehmensstrategie und Entscheidungen vor, mit dem primären Ziel, Gewinne zu maximieren. Solche „Fremdeigentümer“ (englisch: “Absentee owners”) haben keine eine echte Verbindung zum Tagesgeschäft des Unternehmens. Sie sind nicht im direkten Kontakt mit den Bedürfnissen der Kunden, der Partner oder der Mitarbeiter und können daher nur anhand von Zahlen und nicht auf der Grundlage ihres Gewissens entscheiden. Verantwortungsgefühl ist für Fremdeigentümer nicht möglich. Sie erleben nicht, wie sich gewinnmaximierende Entscheidungen zu Lasten von Mitarbeitern, Partnern oder Kunden auswirken.

Fremdeigentümer entscheiden aus Tausenden Kilometern Entfernung, aber fühlen die Konsequenzen ihrer Entscheidungen nicht. Ein solches System erzeugt strukturelle Verantwortungslosigkeit und schafft Unternehmen ohne soziale Verantwortung. Die Akteure eines solchen Systems brauchen staatliche Regulierung, weil keine unternehmerische Verantwortung vorhanden ist. Es ist genau das Bild, das libertäre Ökonomen wie Milton Friedman von Unternehmen haben: „Unternehmen haben nur eine einzige gesellschaftliche Verantwortung … die Steigerung ihrer Gewinne.”

“Die Verantwortung ist „outgesourct“ an den Staat, der mit immer mehr bürokratischen Regulierungen versuchen soll, die von ihrer DNA her nach maximaler Gewinnmaximierung ausgelegten Unternehmen zu „zähmen“. Warum nicht einfach die DNA ändern und Verantwortung „insourcen“?

Die Idee einer sinnorientierten Wirtschaft setzt auf volle Verantwortung. Die Menschen in den Organisationen sollten die volle Verantwortung für
das Handeln des Unternehmens tragen. Im Gegensatz zu kapitalmarktorientierten Unternehmen fühlt sich bei Unternehmen in Verantwortungseigentum jeder Einzelne, der mit am Steuerrad des Unternehmens steht, dem Unternehmenszweck verpflichtet und muss jede Entscheidung vor seinem Gewissen rechtfertigen. Er hat keine Entschuldigung, kann keine Fremdeigentümer und Gewinnvorgaben vorschieben, die ihn zu etwas drängen.

Eigentum bedeutet hier also die Verantwortung, frei entscheiden zu können, was langfristig das Beste ist, um den Unternehmenssinn zu verwirklichen. Das Steuerrat dieser „sich selbst gehörenden Unternehmen“, also die Mehrheit der Stimmrechte, kann deshalb auch nicht verkauft werden, sondern wird treuhänderisch von Verantwortungseigentümern auf Zeit gehalten. Dieser Ansatz ermöglicht den Unternehmen, ihre Unabhängigkeit und Sinnorientierung langfristig zu bewahren.

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