“Wieviel Tote dürfen’s denn sein?”

Eher wir als Gesellschaft müssten bei Anschlägen mit Toten erleuchtet werden als das Brandenburger Tor

Kommentar und Mahnrede an unsere Gesellschaft

Eine Welle der Entrüstung zeigt sich, warum denn nach den Anschlägen in St. Petersburg das Brandenburger Tor nicht mit einer russischen Flagge illuminiert wird. Gekrönt wird das dann noch von “Chef-Kommentatoren” der großen Verlage wie der WELT (Link bewusst unterschlagen, da nicht wert zu lesen). Abgesehen von der unwichtigen Diskussion um die Beleuchtungs-Richtlinie des Berliner Senats fürs Brandenburger Tor stellt sich eine wichtigere Frage:

Warum regt uns das als Gesellschaft nicht schon früher zu anderen Anlässen auf?

Zum Beispiel wäre der 20. März 2017 ein passender Tag gewesen. 
Ein schrecklicher Anschlag mit mindestens 23 Toten. Wie? Davon haben sie nichts mitbekommen? Wie auch? Spiegel Online und einige andere Medien erwähnten die Explosion einer Autobombe in Bagdad nur kurz am Rande.

Aber sonst?

  • Keine Eilmeldung als hochpoppende Notification auf meinem Smartphone
  • Keine Unterbrechung des laufenden Programms, nicht einmal bei n-tv oder N24
  • Keine Liveticker, auf denen man alle Vermutungen der Welt verdichtet
  • Kein Special nach “heute” und kein Brennpunkt nach der “Tagesschau”
  • Keine Diskussions- oder Talkrunden
  • Kein extra Hashtag auf Twitter
  • Keine Trauergemeinde vor der irakischen Botschaft
  • Keine Anteilnahme oder Stellungnahme von Politikern
  • Kein schwarzer Balken auf Titelseiten der großen Zeitungen am nächsten Morgen oder “je suis Iraqi”
  • UND: Keine Beleuchtung des Brandenburger Tors mit irakischer Flagge

Skandal, weil all dies fehlte? Weit gefehlt! Es interessiert schlicht scheinbar kaum einen Menschen in Deutschland.


Sind uns Anschlagstote im Irak so egal? Wären sie es nicht, wenn sie Christen wären? Oder sind Autobomben in dieser Region so häufig, dass es für uns unter “Alltag” oder “allgemeine Risiken der Verkehrsteilnahme” fällt? 
A propos: warum trauert niemand über die weltweit jährlich 1 Million Verkehrstoten? Wie wäre es mit einer Million schwarzer Kreuze auf dem Brandenburger Tor? Oder satirisch übertrieben: Vielleicht sollten wir in Zukunft bei schweren Autobahn-Unfällen Schilder aufstellen, dass hier “nur Iraker” ums Leben gekommen sind, damit es keine Gaffer und Staus gibt?

Arg sarkastisch? Nicht sarkastischer als unsere unterschiedliche Anteilnahme mit den Todes-Nachrichten je nach Anzahl und Herkunft der Toten sowie deren Todesart.

“ Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.”
Grundgesetz §3 Art. 1

Leider nur vor unserem Gesetz, aber scheinbar nicht vor uns als Gesellschaft. Oder trifft das nicht zu, weil Tote ja quasi Ex-Menschen sind?


Mal ehrlich: Uns als Individuum gehen manchmal gleiche Dinge unterschiedlich nah. Das ist nun einmal so. Daran ist auch nichts Schlechtes. Nur dann sollten wir auch nicht mehr daraus machen als das. Wir sollten aus individuell verschieden intensiver Anteilnahme auch keinen Anspruch auf öffentliche Trauer oder Schaustellung der Anteilnahme ableiten.

Schwieriger wird es wie wir als Gesellschaft und Nation auf Tote von Anschlägen in aller Welt reagieren? Wollen wir als Nation anders auf zehn Anschlagstote in St. Petersburg reagieren als auf 23 Anschlagstote im Irak? Wenn ja: Wieviel Tote braucht es denn? Was sind die Regeln für den Grad der nationalen Trauer und Anteilnahme? Wollen wir es typisch deutsch regeln? Zum Beispiel: Bei Anschlägen in Nachbarländern und EU sowie nah Assoziierten in Europa spricht der Bundeskanzler (gemeint ist das Amt)? Ansonsten spricht der Außenminister außer bei Flugzeugabstürzen der Verkehrsminister?


Trauer und Anteilnahme einer Nation an solchen Taten lassen sich nicht regeln. Der eigentliche Skandal zum Umgang mit St.Petersburg ist also nicht, dass das Brandenburger Tor dunkel blieb. Und erst recht nicht — wie einige es in Kommentaren schreiben — müssen wir uns dafür schämen. Doch schämen sollten wir uns als Gesellschaft und insbesondere diejenigen, die hier die Stimme erhoben, für diesen unterschiedlichen Umgang mit der Anteilnahme am Tod von Opfern in anderen Ländern. Das ist unfassbar diskriminierend und dermaßen selbstverständlich, dass sich keiner in Deutschland auch nur daran stört oder schon gar nicht mehr darüber aufregt. Das ist der eigentliche Skandal.

Angesichts dieses gesellschaftlichen Zustands fände ich es richtig, wenn das Brandenburger Tor dauerhaft aus Gründen der Trauer und Anteilnahme gar nicht illuminiert wird. Die Erleuchtung von uns allen als Gesellschaft sollte vor der Erleuchtung eines unserer Bauwerke stehen.