Wann wird man je verstehen?
Faschisten sind das Ergebnis einer entfremdeten Gesellschaft. Lass uns das Problem bekämpfen, nicht Menschen.

„Wann wird man je verstehen?“ fragte Marlene Dietrich mit ihrer kräftigen Stimme und mit einem melancholischen, todernsten und tränenfeuchten Blick. Sag mir, wo die Blumen sind ist ein zugleich starkes und feinfühliges Lied — wie die Sängerin auch. Die Textstruktur entwirft mit ganz einfachen Mitteln ein prägnantes Bild: Die Strophen fangen mit einer Frage an und hören mit einer anderen auf. Die erste Frage bezieht sich immer auf das, was gerade fehlt bzw. gegangen ist; die letzte ist ein bedauernder, trauernder Frustrationsausdruck. Zusammen bilden sie einen Zyklus, jede stellt einen Schritt Richtung Krieg dar und am Ende auch die Unfähigkeit der Beteiligten, aus diesem Zyklus rauszukommen bzw. daraus (aus dem kollektiven und individuellen Verlust, aus der Trauer) das Notwendige zu lernen.
Meine Bewunderung basiert aber vor allem auf die bedauerliche Aktualität der Botschaft des Liedtextes: Die „empörten Bürger“ in Chemnitz ähneln zu sehr den Deutschen, die Juden in den 1930er Jahren als Sündenbock annahmen, hetzten und jagen bzw. ermorden ließen. Dass zwei Menschen, die einen anderen umgebracht haben, nicht für alle Ausländer — ja, nicht mal für alle Straftäter — in Deutschland stehen können; dass man Menschen, die nichts damit zu tun hatten, nicht beschimpfen, angreifen oder hassen darf, und dass diese Reaktion selbst ein Verbrechen ist, ist nicht schwer zu begreifen. Sowie dass diejenige, die sich von Hitlergruß, Parolen wie „Ausländer raus“ und „Wir sind das Volk“ nicht distanzieren, ein schweigendes Einverständnis ausdrücken.
In Chemnitz schien das alles, an jenen Tagen kein Tabu, kein Verbrechen mehr zu sein. Die Empörung sollte alles rechtfertigen und den empörten Bürgern in ihrer Wut Recht geben, egal was. Man merkt schnell, dass diese Menschen weder diskussionswillig noch -fähig sind. Irgendwas ist sehr schief gelaufen bei ihnen und das Ganze ist furchterregend und auch peinlich. Kennen diese Menschen die Geschichte des 20. Jahrhunderts nicht? Doch… Sie haben das alles schon mehrmals gehört, aber haben sie es verstanden?
Erkannte Alfred Döblin das Problem schon 1949, als er schrieb: „Es wird viel leichter sein, ihre Städte wieder aufzubauen, als sie dazu zu bringen, zu erfahren, was sie erfahren haben und zu verstehen, wie es kam.“ (Schicksalsreise. Walter-Verlag 1980, S. 322)? „Verstehen“, schreibt er. Leider schlägt Döblin keine Lösung vor. Keiner schlägt eine sinnvolle Lösung vor, eigentlich. Wir wissen nur, dass etwas gerade sehr schief läuft. Aber was genau? Wie bekämpft man Hass? Wie vermeidet man Krieg? Wie bewahrt man Frieden? Was können wir tun, bevor es zu einer Gegendemo kommen muss?
Die Frage im Liedtext und bei Döblin ist nicht ganz präzis formuliert: Es geht vielmehr um ‚nachempfinden‘, um ‚lieben‘ zu können [← das ist ein Link zu einer externen Seite], lieben auch im Sinne von Menschenliebe, Brüderlichkeit, fraternité, Respekt vor dem Leben. Liebe. Beiderseits. Allerseits. Dafür muss man respektiert und geliebt worden sein. Um lieben zu können, muss man sich selbst akzeptieren und selbst lieben können. Auch als Kollektivität bzw. als… „Volk“. (Schweres Wort, zugegeben, aber hauptsächlich aufgrund dessen, was man aus ihm gemacht hat.) Kein Volk ist (nur) seine Vergangenheit. Man kann es ab sofort (wann immer es auch sei) ganz anders machen. Es fängt mit einem Selbsterkenntnisprozess an. Man kann sich selbst lieben, auch wenn man seine Vergangenheit nicht lieben kann. Arroganz ist ein Schutzmechanismus: Lieber soll man Mitleid mit sich selbst üben — auch wenn es nicht leicht fällt. Auch das kennt man von kleinen Kindern: Gewalt ist ein getarnter Hilferuf. Rechte Gewalt sind mehrere, jahrelang erstickte Hilferufe. Faschisten sind Opfer ihrer eigenen emotionalen Beschränktheit. Sie brauchen Streit, Polemik, Konflikt, um ihre innere Unruhe auszuleben. Sie wollen sich schlagen und sich weiterhin als Kämpfer/Opfer, als knallhart beweisen. Sie zu boxen oder weiter auszugrenzen, löst das Problem nicht, sondern bringt einem zu ihrem Level (vgl. das “Hufeisenschema”).
Dies wird neulich von dem Motto “Herz statt Hetze” des am 1. September 2018 gegen Rechtsextremismus und Ausländerfeindlichkeit demonstrierenden Bündnisses ausgedrückt. Das heißt natürlich nicht, dass Straftäter unbestraft bleiben sollten, aber auch nicht, dass Gewalt als politisches Mittel gelten kann. Sozial schwache, dysfunktionale oder psychisch labile Menschen sind eine nicht zu unterschätzende ernste, kollektive Angelegenheit. Sie warten auf die nächste Krise, um wieder ihr apokalyptisches Schauspielstück auf die Straße zu bringen. Sie wollen Publikum, aber was sie brauchen, ist Hilfe, ganz im Sinne eines Integrationskurses. Faschisten sind wie Flüchtlinge im eigenen Land. Dies drückt sehr treffend der Ausruf: “Das ist nicht (mehr) mein Deutschland”. Es geht vielen so, die der negativen Folgen der Globalisierung ausgesetzt sind. Wir können die “Heimat” nicht retten, weil es sie nie wirklich gab, außer in den Köpfen der Menschen: Nationen sind ein Konstrukt, eine Geschichte. Menschen sollen daher nicht in ein Land integriert werden, sondern in eine kulturelle Kollektivität, die ihrerseits einer weiteren Oberkategorie gehört: derjenige der Menschheit.
Das Gegenteil von Rassismus und Ausländerfeindlichkeit ist nicht Xenophilie oder positive Diskriminierung, sondern Liebe zur Menschheit als verbindende Gattung. Das wird in der heutigen entfremdeten Wettbewerb- und Konsumgesellschaft nicht gefördert. Man sollte nicht (er)warten, dass die Politik diese Umstände verändern wird bzw. kann. Es liegt an uns allen; an unsere Fähigkeit zu lieben, zu verstehen, zu empfinden und (last but not least) zu handeln. Hören. Denken. Helfen.
Damit Extremisten aus ihrem Kult aussteigen brauchen sie zuverlässige Strukturen, die sie wahrscheinlich nie hatten. Oft haben diese Menschen das Wesentliche an Materielles, aber nicht an Emotionales und Intellektuelles. Sie fühlen sich aus dieser Gesellschaft ausgeschlossen, deswegen wollen sie “das Volk” sein. Um auszusteigen müssen sie zuerst anständig und angemessen behandelt werden — auch wenn sie sich nicht entsprechend verhalten. Die Untersuchung der kollektiven Forderungen und ihren Ursachen könnte zu einem besseren Verständnis dieser Gruppen führen: Was wollen sie wirklich und warum? Warum besser oder “das Volk” sein wollen? Aus Angst? Wovor genau? Wie viele von ihnen sind nicht psychisch oder psychologisch labil (und daher leicht manipulierbar)? Wie viele wurden nicht von Knappheit von Ressourcen, kultureller bzw. sozialer Ausgrenzung verdummt, abgestumpft worden?
Solange wir das nicht verstehen, können wir das Problem nicht effektiv bekämpfen. Es gab (und gibt) schon Versuche, das Problem zu bekämpfen, die leider nicht so erfolgreich wie erwartet, waren, aber dies ist eher ein Grund mehr, weiter daran zu arbeiten. Denn eins ist klar: die Prävention bzw. vorbeugende Maßnahmen sind viel effektiver als eine spätere Behandlung oder eine späte (nächtliche) Konfrontation auf einer schlecht beleuchteten Straße. Da in einem Rechtsstaat Ausländerfeindlichkeit keine vertretbare politische Meinung ist, sollte die Situation als ein gemeinsames, globales Problem betrachtet und behandelt werden. Und man soll das Problem, die Idee, die Ursache bekämpfen, nicht die Menschen. Man müsste die Betroffenen und ihre (womöglich schon überforderte) Familie begleiten und unterstützen, sobald man die Tendenz zum Extremismus bei ihnen entdeckt; ihnen eine Arbeitsstelle, etwa bei der Entwicklungshilfe, im Ausland besorgen (Alexander von Humboldt schlug es indirekt vor: „Die gefährlichste Weltanschauung ist die Weltanschauung der Leute, welche die Welt nie angeschaut haben.“). Helfen, da, wo man selbst Ausländer ist und auch Hilfe braucht.
Man muss nicht alle Menschen lieben, aber muss sie alle als Menschen respektieren. Alle.
Die größten Deutsche waren, wie Goethe, Humboldt oder Einstein, Weltbürger. Sie haben es verstanden: Wir alle sind ein Volk.
Feuer bekämpft man mit Wasser — oder eben mit dem geeignetsten Löschmittel.
Wasser vor dem Feuer lässt auch Blumen wachsen.
Wo sind sie geblieben, Deutschland, sag mir, deine Blumen?
