Ich bin dann mal OFFF.

Warum ich als UX Konzepter auf ein Designfestival fahre.

Das OFFF Theme 2017 stammt von Outro Studio.

Als ich heute nachgeschaut habe wie lange mein erster Besuch des OFFF Festivals genau her ist, bin ich echt etwas erschrocken: 6 Jahre sind inzwischen vergangen. Ich war damals noch recht am Anfang meiner Laufbahn und entsprechend beeindruckt von der geballten Kreativität, den inspirierenden Persönlichkeiten und der gesamten Atmosphäre.

Dass ich wieder mal hin muss war klar, aber dass ich ganze 6 Jahre brauche um mich aufzuraffen hätte ich jetzt nicht gedacht. Aber Schwamm drüber, denn jetzt habe ich es endlich geschafft und bin gerade zurück aus Barcelona. Was soll ich sagen, es war wieder ein Fest! Sicherlich war nicht alles perfekt, aber ich will mal versuchen zu erklären was es mir persönlich gebracht hat.

OFFF? WTFFF?

Ich musste ehrlich gesagt gerade selber schnell auf der Website nachschauen wie die offizielle Beschreibung denn überhaupt lautet: „International Festival for the Post-Digital Creation Culture“. Ah ja, genauer lässt es sich eigentlich auch wirklich nicht beschreiben. Genau darin liegt auch der Reiz und der Charakter des Events. Es geht um Design, (digitale) Kunst, Film, Kreativität und Inspiration ohne festgelegte Grenzen. Eine Möglichkeit für Kreative (und auch alle anderen) über den Tellerrand zu blicken, Büro und Kunden hinter sich zu lassen, Eindrücke aufzusaugen und Neues zu entdecken.

Jetzt bin ich aber weder Graphikdesigner noch Filmemacher oder ähnliches. Ich bin (freiberuflicher) UX Designer. Das klingt vielleicht auch super artsy & fancy, aber ich mache eigentlich nix visuelles (im künstlerischen Sinn), zumindest nicht beruflich. Ich arbeite an Strukturen, Prozessen & Strategien für digitale Produkte , ich tüftle an Interaktionen und Prototypen und führe Workshops oder Usertests durch. Mit Form und Farbe habe ich also konkret eher weniger zu tun, ich gestalte Nutzererlebnisse.

Als UX Designer zur OFFF?

Zum einen decken sich meine persönliche Interessen schlichtweg ganz gut mit dem Programm der OFFF. Ab und zu probiere ich mich privat auch an „visuellen“ Projekten jenseits von Wireframes, nur aus Spaß und ohne beruflichen Antrieb.

Zum anderen gibt es aber auch etliche Gründe die beruflich dafür sprechen. „User Experience“ ist ja schließlich auch ein medienübergreifender Faktor.

Letztendlich habe ich für mich wiederentdeckt, wie wichtig mir sowohl privat als auch beruflich eine kreative Auszeit mit einem Perspektivenwechsel ist.

In den 6 Jahren OFFF-Abstinenz war ich zwar alles andere als untätig und auf etlichen UX Events, Barcamps und Meetups unterwegs, aber was soll ich sagen… vielleicht liegt es daran, dass man durch die tägliche Arbeit in seiner eigenen Disziplin schon tief in der Materie ist, aber die Aha-Effekte wurden mit der Zeit immer seltener und meine Motivation für UX Events dadurch immer geringer. Die Einfachheit um die es beim Thema User Experience ja eigentlich gehen sollte, habe ich zunehmend vermisst. Die “Szene” wirkt auf mich ziemlich verkrampft und verkopft.

Mr. Kat nimmt sich nicht so wichtig.
Perspektivenwechsel vs. Betriebsblindheit.

Ein guter Speaker definiert sich nicht nur über seine Arbeiten oder den Erfolg seines Studios, sondern erzählt vorrangig über seinen Prozess, seine Inspiration und von seinen Fehlern. Das macht einen guten Vortrag genreübergreifend wertvoll. Viele Speaker auf der OFFF haben es hervorragend und sympathisch geschafft persönliche Einblicke in ihre Arbeits-, Denk- und Lebensweise zu liefern, jenseits von Showreel Show-Offs (die es aber auch gab). Die Vielfalt der individuellen Charaktere eröffnet hier ein wirklich breites Spektrum an Sichtweisen und Erfahrungen. Manchmal ist es auch einfach nur der Stil der Präsentation oder das Auftreten und Sprechen einer Person aus dem man etwas für sich selber gewinnen kann.

Ich werde es mir sparen hier zu schreiben welcher konkrete Speaker oder welches Studio am geilsten war. Ich maße mir nicht an das beurteilen zu können und darum geht es mir auch nicht. Jede Session hatte ihre Stärken, auch wenn man sie manchmal suchen musste oder es erst später klick gemacht hat. Ein paar Punkte sind mir besonders hängengeblieben:

1) Wenig ist besser als gar nichts.

Bei einigen Artists wurden aus ursprünglich kleinen Pieces und Momentaufnahmen unerwartet große und erfolgreiche Projekte. Aus einzelnen Sketches wurden Bücher, aus Tumblr Memes wurde eine Merchandise Kollektion und einzelne Fotos ergaben am Ende doch eine Serie. Ich denke oft gleich an das große Ganze mit allen Möglichkeiten und Auswüchsen, und stehe dann direkt vor einem riesigen Berg und fange gar nicht erst an. Einfach mal was starten, schauen was passiert und daraus lernen. Nicht gleich den großen Wurf erwarten.

2) Eigene Projekte starten nicht von selbst.

Vermutlich die Achillessehne eines jeden kreativen Menschen. Vor allem Freelancer, die ihre Auftragslage ja zumindest theoretisch halbwegs beeinflussen können, würden gerne auch mal Projekte realisieren die mehr dem Spaß als dem Kommerz dienen. Diese Themen rutschen in der Praxis aber oft hinten runter. Anton & Irene haben sich daher z.B. ein konkretes für sie passendes Verhältnis zwischen “Fun Projects” und “Money Projects” festgelegt, um sich auch konkret Zeit dafür einzuplanen. Finanzielle Einbußen nimmt man leichter in Kauf, wenn man sich den persönlichen Mehrwert eigener Projekte bewusst macht. Und das nächste Just-for-the-money Projekt fällt mit dem richtigen Ausgleich sicher auch leichter.

3) “Get your ass off the computer and work with your hands”

Das Statement stammt ebenfalls von Anton & Irene. Wenn ich an eigene Projekte und Sideprojects denke, versuche ich mich meistens an irgendwelchen Web-Dingen. Dass ich eigentlich auch immer gerne fotografiert habe, auch mal nähen lernen wollte oder etwas aus Beton gießen hatte ich ganz vergessen. Meine nächsten Spaßprojekte werden sich wieder auf reale Dinge konzentrieren.

Zum Thema “eigene Projekte realisieren” gibt es übrigens hier auch einen guten Post von Alex.

3) Fehler sind interessanter als polierte Ergebnisse.

Zuzugeben dass dein Projekt eigentlich eine totale Katastrophe war, die Arbeit mit dem Kunden gar nicht so entspannt war, oder Du ein Projekt einfach nur fürs Geld gut war macht dich nicht unsympathisch oder mindert deine Glaubwürdigkeit als Profi. Im Gegenteil, sei einfach ehrlich. Wir wissen alle, dass die wenigsten Projekte glatt laufen und nahtlos in ein perfektes Ergebnis übergehen. Versuche das also nicht vorzutäuschen, sondern erzähle von den Fehlern und deinen Learnings.

Festival?

Festival … Konferenz, beides trifft irgendwie zu. Ab einer gewissen Größe bleibt eine gewisse Struktur und ein damit verbundener Konferenzcharakter halt einfach nicht aus. Dafür gibt es aber auch internationale Speaker, gute Technik und eine gute Location. Das Event findet im “Museu del Disseny” statt, eine recht entspannte und offene Location, relativ zentral gelegen. Drinnen gibt es einen kleinen Markt von überwiegend lokalen Designern. Draußen Foodtrucks, Kaffee und Bier. Es lässt sich also aushalten, und der Rest von Barcelona ist ja auch noch da. Ein Abstecher zum Stadtstrand ist immer locker drin.

Leider habe ich verpennt selber Bilder zu machen, daher habe ich diese aus2016 der OFFF Facebook Page geklaut.
Jetzt im Ernst, klingt schon etwas nach Urlaub oder?

Das Motto war dieses Jahr „A sensory overload experience“. Damit hat man den Nagel auch auf den Kopf getroffen. Die drei Tage waren physisch (Diese Stühle ey…) und auch geistig extrem anstrengend (viel Bewegtbild, viel Sound, viele Menschen). Obwohl ich mir getreu dem Sinn und Zweck der OFFF wirklich kaum Stress gemacht habe und beliebig nach Lust und Laune Vorträge besuchte, war ich sowas von durch am Ende des dritten Tages. Es sind einfach unfassbar viele Eindrücke, Sonne, Cervezas und Barcelona erledigen dann noch den Rest. Ich würde nächstes Mal ein paar freie Tage dranhängen, um alles zu verarbeiten oder um vielleicht direkt die frische Motivation für ein kleines Projekt zu nutzen.

Hitze im “Open Room” (links). Audiovisueller Overflow im “Roots” Auditorium. Geht aber klar.
Fazit? Gönn dir! (mal was Neues)

Egal ob Du Designer, Developer, Stratege, Projektmanager oder was auch immer bist. Wenn dir dein Job Spaß macht, dann bildest Du dich doch eh ständig laufend weiter und bleibst fachlich doch quasi automatisch am Ball oder? Du hast vermutlich eh den neuesten Kram in deinen Social Feeds oder Bücherregal und einige deiner Freunde machen vermutlich auch etwas ähnliches oder? Warum also immer im eigenen Sandkasten buddeln? Probier doch mal was Neues und schaue bei den anderen Disziplinen rein, kann sich lohnen.

Nächstes Mal wieder?

In jedem Fall werde ich mich weiter auf eher “experimentellere” und kreative Konferenzen fokussieren. Ob es wieder das OFFF Festival wird (gibt es in Zukunft übrigens auch in London und Tel Aviv), oder vielleicht die Resonate Conference, oder das Usbynight Festival, oder oder… keine Ahnung. Aber 6 Jahre Pause mache ich diesmal nicht.


Wenn Du es bis hier geschafft hast, vielen Dank fürs lesen :)

Rainer

www.rainerroesing.de

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