Ich GesmbH & Co KG

Mehr privat, weniger fad: Jeder übernimmt ab jetzt sofort die volle Verantwortung. Ich selbst gehe mit gutem Beispiel voran, denn ein neuer Trend ist unübersehbar: Insourcing.

Die Zeiten sind hart. Die Konjunktur springt nicht an, der Konsum kommt nicht auf Touren und die Arbeitsmoral ist auch nicht mehr dieselbe wie vor fünfzig Jahren. Da hilft nur eines: die Ärmel hochkrempeln und selbst Verantwortung übernehmen. Die „Ich AG“ war höchstens der Anfang, denn inzwischen vereint man als effizienter Selbstständiger bereits alle Arbeitsbereiche einer Firma in sich selbst — Insourcing ist der Megatrend der kommenden Jahre.

Und eins muss gesagt werden: Egal, was ich als mein Arbeitnehmer von mir als meinem Chef behaupten mag: Ich bin hart, aber gerecht. Und endlich, endlich kann ich nachvollziehen, welch hartes Los jene haben, die die Last der Entscheidungen tragen, denn, im Vertrauen gesagt, die Arbeitsmoral meiner Belegschaft lässt zu wünschen übrig. Wenn ich morgens in meiner Funktion als Putztrupp mein Büro aufräume, sehe ich, was ich als mein Mitarbeiter gestern alles wieder liegen gelassen habe. Als Buchhaltungsabteilung muss ich mich mit meinen schlampigen Honorarnoten und Abrechnungen herumärgern und in meiner Funktion als Betriebsrat — ja, ich weiß, da bin ich vielleicht etwas Traditionalist — weiß ich nicht, wie lange ich als Belegschaft mir noch die Kapriolen meines Chefs gefallen lasse.

Zur besseren Organisation meiner Firma habe ich natürlich einen fixen Stundenplan. Ab sechs bin ich wie gesagt als Firmenputztrupp unterwegs, ab sieben gehe ich als Chefsekretär die Post und Emails durch, damit ich ab neun als Chef alles schön geordnet bearbeiten kann. Ab zehn wird richtig geackert. Natürlich schaue ich dabei auch hin und wieder in meiner Funktion als Chef überraschend auf Kontrolle bei mir vorbei, denn neulich habe ich mich während der Arbeitszeit in flagranti beim Lesen der Sportnachrichten erwischt — na, da hat’s gekracht, kann ich Ihnen sagen!

Mittags bereite ich mir als Kantine mein Mittagessen zu, und ab eins geht’s wieder an die Arbeit. Nach fünf überprüfe ich als Buchhaltung meine Bilanzen, und die Abende bis neun sind für strategische Meetings mit mir als meiner PR-Abteilung reserviert — Selbstmarketing ist das Zauberwort, und ich bin immer wieder überrascht, mit welch pfiffigen Ideen ich mich selbst von mir überzeuge.

Wie gesagt, die Moral der Belegschaft ist trotzdem nicht gerade rosig; manchmal habe ich den Eindruck, dass mich meine Mitarbeiter absichtlich sabotieren. Zum Beispiel letzte Woche, als ich ausgerechnet in der heißen Phase eines Projektes in den Krankenstand gehen wollte. Aber mit mir nicht, kann ich Ihnen sagen, 39,5 Grad Fieber sind keine Ausrede, ich als Chef kann mir das schließlich auch nicht erlauben!

Außerdem, so habe ich mit Missfallen bemerkt, habe ich als mein Angestellter wohl ein kleines Alkoholproblem. Ich meine, muss ich mir wirklich jeden Abend vor dem Fernseher solche Mengen Alkohol einflößen? Mir als Chef bereitet die Sache jeden Morgen Kopfschmerzen, und falls die Firma weiter darunter leidet, werde ich wohl oder übel eine härtere Gangart mir selbst gegenüber einlegen müssen. Ich würde ja mit Entlassung drohen, aber in meiner Funktion als Betriebsrat habe ich erst vor wenigen Tagen ein ernstes Gespräch mit mir als Chef über die Unmöglichkeit von Personalkürzungen führen müssen. Als letzten Ausweg kann ich mich ja immer noch als freien Mitarbeiter bei mir anstellen lassen, dann wird der direkte Vergleich ja zeigen, wer mehr arbeitet!

Wie gesagt, die Zeiten sind hart. Auch in meiner Rolle als mein Angestellter bin ich ziemlich unzufrieden, denn als Chef bin ich — unter uns gesagt — wirklich ein unangenehmer Zeitgenosse. Vor allem diese ständige Angst, ich könnte plötzlich auf Kontrolle vorbeikommen, lässt mich noch völlig wahnsinnig werden. Denken Sie etwa, ich würde anklopfen? Nein! Urplötzlich und mit einem triumphalen „Ahaaaaa!“ habe ich mich neulich als Chef in einer zusätzlichen Zigarettenpause ertappt, also ehrlich, mir wäre fast das Herz stehen geblieben.

Am wenigsten komme ich als Angestellter allerdings mit mir als PR-Chef zurecht. Wenn ich wüsste, wie doof ich mit der Designerkrawatte aussehe, die ich als PR-Chef so toll finde! Und das saublöde Grinsen, mit dem mich der Typ jeden Morgen und Abend beim Zähneputzen anglotzt! Naja, zu Mittag stehe ich dann ohnehin mit dem Putztrupp in der Kantine und lästere nach Herzenslust hinter meinem eigenen Rücken. Neulich, hihi, habe ich mir sogar selbst in den Kaffee gespuckt, jaja, Rache ist süß. Denn eins ist klar, ich muss mich vielleicht nach Strich und Faden von mir selbst ausbeuten lassen, aber irgendwann ist Schluss. Dann schmeiße ich den ganzen Mist hin und geige mir mal so richtig die Meinung. Und bei dem Frust, der sich da bei mir aufgestaut hat, muss ich als Chef dann geradezu dankbar sein, wenn ich mir nicht noch ordentlich eins in die Fresse haue, verdient hätte ich’s!

Und dann? Dann verschwinde ich auf Nimmerwiedersehen. Vermutlich in einem Sanatorium.

Erschienen 2005 in Report(+)PLUS

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