Smart Home

Die Zukunft wird smart — und mit der Vernetzung unser gesamten Umwelt auch ziemlich kommunikativ.

Mal ehrlich: Ist Technologie nicht super? Ich bin ja sowas wie ein Early Adopter, auch wenn mir die Irmi immer noch vorhält, dass wir um das Geld auch dieses popelige Grundstück in Klosterneuburg, aber lassen wir das.

Weil als jetzt endlich die Chance bestand, unsere Wohnung smart zu machen, hab ich sofort gesagt: Irmi, es muss sein — wir haben eine Verantwortung gegenüber der Wirtschaft, und außerdem spart uns das im Endeffekt Zeit und Geld und überhaupt, es läutet an der Tür, der Techniker ist schon da. Und jetzt: Schauen Sie sich um! Na? Na? Okay, gut, man sieht nix, aber die Intelligenz ist da, mein Lieber, sie ist überall, nur eben eingebaut! Jawohl, willkommen im Internet der Dinge, Smart Home, Wohnen 4.0, mein Lieber!

Ja, klar, der Kühlschrank auch. Herrgott, immer reiten alle auf dem Kühlschrank rum, natürlich, der ist intelligent, schaut nach, was fehlt, und bestellt’s im Internet, zeigt Kalorien und Ablaufdaten an, pipapo. Banal, oder? Aber jetzt kommen S’, hierher, ins stille Örtchen — na? Nein, das ist kein simples Porzellan, mein Lieber, das ist die Zukunft des Häusls! Analysiert Ihr Geschäftchen aufs Penibelste, berechnet alle Laborwerte, schickt Daten an den Hausarzt, an die Apotheke, macht Prognosen, gibt Ernährungstipps, kommuniziert mit dem Kühlschrank, der wiederum mit der Krankenversicherung, die schreibt dann dem Kühlschrank, was er lieber nicht einkaufen soll, schlägt ein Fitnessprogramm vor, warnt mich stündlich auf dem Handy wegen meinem Cholesterin und … ja, zugegeben, es ist ein aufdringliches Teil. Ich mein, wenn ich auswärts jetzt, was weiß ich, zwei, drei Bier und ein Schnitzel bestellt hab, dann pisch ich halt jetzt immer vorher an die Garage, weil sonst muss ich mir das vom Porzellan wieder stundenlang vorhalten lassen. Ich mein, die Zahnbürste merkt’s dann ja sowieso erst recht. Gut, ja, das ist ein kleiner Nachteil, meinetwegen.

Aber sonst! Die Couch, mein Lieber, die Couch! Analysiert meine Liegehaltung, meine Körpertemperatur, Gewichtszu- und -abnahme, den Entspannungsgrad, kommuniziert mit dem TV, mit der Stereoanlage, mit meinem Kalender, studiert meine Fernsehgewohnheiten, analysiert meine Stimmungslage, plaudert ein wenig mit mir, schlägt Filme oder Psychopharmaka vor — das ist die Zukunft! So entspannt waren Sie noch nie!

Und alles fingerabdruckgesichert! Und stimmgesteuert! Und aufmerksam — frage nicht! Die Haustechnik scannt laufend per Kamera mein Gesicht und wenn ich blinzle, schaltet sich automatisch für die Dauer der geschlossenen Augen das Licht ab, jawoll, damit spar ich locker Stromkosten im einstelligen Eurobereich pro Jahr! Jaha, das sind Synergieffekte, weil eben alles sich austauscht, vor Informationen nur so sprudelt! Ach ja, es ist ein fröhliches Geschnattere zwischen all den smarten Dingen hier im Äther!

Gut, es ist jetzt schon trotzdem ein bisschen ruhiger, seit die Irmi nimmer da ist. Aber die Couch sagt, die kommt wieder.

Diese Satire erschien im März 2015 in Report(+)PLUS.

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