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In Österreich werden endlich neue Geheimdienste tätig — zur Abwechslung österreichische.

Aaaaah, der Frühsommer — herrlich! Wie der sanfte, warme Wind die Bauchhaare streichelt! Wie angenehm das zarte, grüne Gras die vom Winter weißen Hinterbacken kitzelt! Wie die erstarkende Sonne den traditionell ersten Sonnenbrand des Jahres an Stellen hervorbeschwört, die monatelang unter dicken Kleidungsschichten dahinkümmern mussten wie muffelige Wintererdäpfel! Jawohl, hier bin ich, nackt wie Gott mich schuf — ich sag’s Ihnen: Ich hab nix zu verbergen!

Ich mein, das mit der Kleidung ist ja sowieso irgendwie verdächtig. Überall verschanzen sich die Mitmenschen heimtückisch hinter Textilien — da weiß ja keiner, ob die nicht irgendwo staatszersetzende Schriften in der Gesäßtasche eingesteckt haben, oder Schwarzgeldsparbücher zwischen den Speckröllchen horten, oder eine Kalashnikow unter der Burka! Ich mein, gut, es sind ja natürlich Experten aus dem In- und Ausland rund um die Uhr damit beschäftigt, unsere Gesellschaften skrupulös auf verdächtiges Verhalten zu durchleuchten, unsere möglicherweise für Terrorismus empfänglichen Facebook-Pinnwände zu sichten, Überwachungsvideos, Telefonate, Emails und SMS sorgfältig nach Unheilspotenzial zu katalogisieren und bald, Gottlob, auch die Konten unserer potenziell allesamt finanzverbrecherischen Gastronomiegomorrha — Wirten und Gäste, das ist ein Sumpf, sag ich Ihnen, ein Sumpf!!! — anständig auf Gefahren für das Gemeinwohl zu durchleuchten.

Drum: Ein frühsommerliches Hurra für den neuen Staatsschutz! Ja, gut, ich weiß, HNA, ASA, BVT, LVT sowie die internationalen Freunde, Verbündeten und Kollegen von NSA, CIA, NRO, INR, BND, MAD, BfV, GCHQ, MI5, MSS, DGSI, AISI, NSM, FSB, SVR, GRU, SIS, CNI, MUST, NDB, MGK, KDGM und Mossad, die allesamt zum unvergleichlichen Charme Wiens als wahrhaft internationale Metropole beitragen, decken schon ziemlich viel ab. Aber halt nicht alles. Vor allem die Tatsache, dass es bislang keine einfache Möglichkeit gegeben hat, all die verdächtigen Subjekte hierzulande — immerhin fast acht Millionen, das ist kein Bemmerl! — ohne bürokratischen Spießrutenlauf und lästige, den barocken Traditionen des “Rechtsstaates” geschuldete Formalitäten wie irgendeinen konkreten Verdacht abzuhorchen — ein Anachronismus, mein Lieber! Dass sowas so lang überhaupt gutgegangen ist! Naja, jetzt wird diese Lücke ja endlich geschlossen.

Und zwar nicht durch einen neuen Geheimdienst, mein Lieber! Ha! Wie sollte denn das gehen? Wenn der Bund einen kriegt, dann will natürlich der Erwin auch einen eigenen, und die Kollegen auch, völlig logisch, nachvollziehbar und verständlich! Na jedenfalls, eh wurscht, wenn wir schon dabei sind — für die Sicherheit seiner Bürger ist dem österreichischen Staat nix zu teuer! Und die Arbeitsplätze, die da geschaffen werden! Win-win, mein Lieber! Zehn neue Geheimdienste, gut, das klingt jetzt nach Übertreibung, aber: Das kann sich kein Satiriker ausdenken! Das ist gelebte Bürgernähe! Ich fühl mich auf jeden Fall schon viel sicherer. Nur ein bisserl frisch wird’s mir inzwischen. Untenrum.

Diese Satire erschien im April 2015 für Report(+)PLUS

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