Berlin 1919
So fuhr ich Anfang März nach Berlin. Den Eindruck der er-
sten Tage in Berlin, mit dem drohenden politischen Chaos, dem
dumpfen, unerschütterlichen Lebenswillen der hungernden Be-
völkerung, den infolge des dauernden Streiks der Müllkutscher
unsauberen Straßen, dem Luxusleben der Kriegsgewinnler und
internationalen Spekulanten und den sprühenden Diskussionen
über neue Wirtschaftsformen und über eine Synthese zwischen
Bolschewismus und Demokratie auch nur einigermaßen leben-
dig wiederzugeben, würde die Gaben eines Balzac übersteigen.
Das Bild eines völligen moralischen Chaos erlebte ich am zwei-
ten Abend nach meiner Ankunft, als mich Freunde in den Win-
tergarten führten, um mir einen Einblick in das »internationale«
Berlin zu geben. Der Abschaum aller europäischen Nationen
schien sich zusammengefunden zu haben. Hoffnungslosigkeit
überkam mich zum ersten Male.
Heinrich Brüning, ehemaliger Reichskanzler

