Das Kleinbürgertum und sein Hang zum Rechtsextremismus

Die große Zeit des Nationalsozialismus beginnt nach den Inflationsjahren; da stellt sich gescheitertes Kleinbürgertum haufenweise ein. Es bringt Gefühle giftiger Vergeltungssucht mit: dieser Staat, der seine Bürger so bestahl, soll es noch büßen. Die Kleinbürger sind auf dem Wege der Rebellion gegen Staat und bürgerliche Gesellschaft; sie leisten Hitler Gesellschaft, weil sie ihn für einen Rebellen halten. Bisher sind sie immer harmlose Untertanen gewesen; ihnen imponiert bereits die bloße Gebärde des Revolutionärs. Revolutionärem Ernst würden sie sich entziehen; dazu wären sie doch nicht beherzt genug. Hitler, seine Haltung, seine Lehre: das alles ist auf diesen Kleinbürger zugeschnitten. Das ist Ballen der Fäuste, Rollen der Augen, donnernder Ingrimm ohne den Zwang, auf die Probe gestellt zu werden. Hinter den Gefühlsexplosionen verbirgt sich der Mangel der Tatentschlossenheit. Da bringt kein klar, scharf und herausfordernd hervorgekehrtes Ziel zum Bewußtsein, daß man sich auf eine lebensgefährliche Sache eingelassen habe. Die Nebelhaftigkeit der Zukunftsforderungen hindert niemanden zu glauben, daß die Bewegung zwar die bestehenden Zustände ändern werde, daß sie es jedoch auf eine Weise tue, bei der wenig Risiko liegt, daß sie förmlich über ein Geheimnis verfüge, das Dritte Reich ohne Einsatz zu erlisten.

Ernst Niekisch,1931, in seiner Studie »Hitler — ein deutsches Verhängnis«