Frankreichs großer Selbstbetrug

Die Straßen in Flammen, und sogar die Köche wandern aus: Frankreichs Stern sinkt, weil die einstige Weltmacht an ihren heroischen Illusionen festhält.

Es war ein Nein wie ein Gongschlag, als am Abend des 29. Mai 2005 die Stimmen in Frankreich ausgezählt wurden. Die Franzosen hatten der europäischen Konstitution den Todesstoß versetzt. Die Leitartikler der großen Zeitungen des Kontinents waren entsetzt und suchten verzweifelt
nach Gründen, am ratlosesten aber waren die französischen Kommentatoren selbst. Sie hatten doch stets für ein klares Ja votiert, die Altlinken von Liberation, die Halblinken von Le Monde, die Rechten des Figaro. Alle in der Nationalversammlung vertretenen Formationen, sogar die Grünen, hatten zum Ja aufgerufen.

Auch das Fernsehen war unzweideutig auf der Seite des Ja, von den Philosophen, den Schauspielern und berühmten Sportlern ganz zu schweigen. Selbst Zinedine Zidane, der unwiderlegbare Beweis dafür, dass es einen Gott gibt und dass er in Frankreich Fußball spielt, rief zu einem Ja für Europa auf. Alles umsonst. Frankreich stimmte mit Nein, und doch hatte nur eine bizarre Koalition von Splittergruppen, ein Konglomerat von Kommunisten und Faschisten, von Jägern und Fischern, von Souveränisten« und Altgaullisten, die um Frankreichs Weltgeltung zitterten, fürs Nein geworben.

Benjamin Korn, Die Zeit 2005

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