Selbststörung

Sie hebt ihre Augenbrauen, öffnet die Lider ein wenig mehr und nickt kaum merklich, nach Verbindlichkeit suchend.

“Es wird ein ziemlicher Ritt, das kann ich Ihnen sagen.”

Manches zieht sich bei mir zusammen, als ich in diesem Stuhl sitze, zugleich Druck im Brustkorb, Kribbeln, als hätte jemand etwas aufgeschnürt, was sich jetzt in meinem Oberkörper verteilt; alles im Wechsel.

Eine Woche Bedenkzeit ist vorbei. Ich habe zugesagt, jetzt am Wochenende, der Therapeutin auf den Anrufbeantworter gesprochen. So kann ich mich schwerlich umentscheiden.

Danach wieder eine Verabredung aus dem Internet, fast mein Alter, aber unsicher und mädchenhaftes Aussehen. Ich nuschle und bemerke es immer bei neuen Bekanntschaften. Ich trete aus mir heraus und beobachte die Situation. Ich fühle mich von mir selbst gestört.

Zweifel darüber, wie ich auf andere wirke. Wo ist mein Verve verloren gegangen?


Die Tarantino-Liebhaberin aus den USA schreibt plötzlich aus Kambodscha. Ich habe das Bedürfnis, ihr alles zu erzählen, aber nicht zu schreiben. Schlechtes Gewissen: Ich benutze es halb bewusst als Lockmittel, damit wir uns wiedersehen.


Maria hat mir noch ein paar Nachrichten geschickt. Nachdem ich mich nicht uneingeschränkt begeistert von einem Video gezeigt habe (Relativ dümmlicher, hyperaktiver Cartoon über Brotlieferanten (!), die mit Hefe experimentieren und die Stadt mit ihrem Backwaren in einen Zombie-Moloch verwandeln; lustigster Moment: “the bad news is we’re on the lower yeast side”):

“Kritikus. Just me thinking of you.”

Ich kann ihren Tonfall nicht erraten. Ich vermute negativ. Oder bin ich vielmehr zu negativ, dass ich meinerseits davon ausgehe? Zugleich rätsele ich: Hat ihre Kontaktaufnahme mit meinem Brief aus Argentinien zu tun?

Ich versuche die Situation zu retten. Eine Antwort bekomme ich seit zweieinhalb Wochen nicht.

Ablenkung wäre gut, ich habe wieder geweint. Max Frisch auf der Parkbank, ich sehe Parallelen zu Faber. Sabeth, Hanna, Maria, Tränen in den Augen.


Ständig treibe ich mich auf einem Datingportal rum. Was bringt das?

Riesiges Verlangen nach Bestätigung.

Ich fühle mich einsam und deute es einer Freundin (mit Vorteilen) an. Sie hat sich in jemanden verguckt; lebenslustig, gut gebaut, in seinen frühen 20ern, hellblond. Ich kann verstehen, dass sie ihn mag.

Wie plump mein Sexleben ist.