Ein Blick in den Rückspiegel — 2016/3
*Vom 11. Februar bis 1. März*
Oder Wie man es auch sehen kann

Brexit or not Brexit
Nach einem 2tägigen Spektakel ist es bei dem fast schon zur Routine gewordenen EU-Gipfel so gelaufen wie es anders nicht laufen konnte. Wohlwissend, welches negative Signal ein Austritt Grossbritanniens aus der EU senden würde und wie viel diese EU durch einen solchen Schritt an Einfluss und Gehör weltweit verlieren würde, haben 27 Staats- und Regierungschefs dem britischen Premierminister weitestgehend das zugestanden was er reklamiert hat. Entgegen dem, was manche glauben, hoffen oder befürchten, ist damit noch keine endgültige Entscheidung diesbezüglich gefallen. Zu dieser Thematik wird eine solche auch weder in Brüssel, noch in Paris, Berlin oder sonst wo wo auf dem Kontinent getroffen, sie fällt auch nicht in den Kompetenzbereich von Cameron, Tusk, Juncker, Hollande oder Merkel. Die Frage wird allein vom britischen Wähler entschieden werden. Und das ist auch gut und richtig so. Vielleicht darf die Frage erlaubt sein ob nicht die Wähler eines jeden der anderen 27 Länder sich auch hierzu äussern müssten oder sollten, angesichts der Implikationen die die getroffenen Vereinbarungen gegebenenfalls auf die gesamte EU haben werden. Um auf ein Luxemburger Exempel zurückzugreifen, es kann doch eigentlich nicht sein, dass der Wähler direkt über die maximale Mandatsdauer von Regierungsmitgliedern entscheiden kann und bei echt wichtigen Fragen wie einer EU-Mitgliedschaft oder dem Inhalt von EU-Verträgen soll er überfordert sein. In diesem Falle hier und jetzt wird man allerdings manchmal den Eindruck nicht los, dass, absichtlich oder nicht, die Diskussion auf Nebenschauplätzen geführt wird, nur um die, für beide Seiten, sowohl in Grossbritannien als auch in den anderen 27 Ländern, entscheidende Problematik nicht thematisieren zu müssen: Wie viel europäische Integration einerseits, wie viel nationale Souveränität andererseits ist, angesichts der Historie, der Kulturen, der Sprachen, der wirtschaftlichen und sozialen Gegebenheiten und der Vorstellungen der Bevölkerungen, wünschenswert und vermittelbar? Was ist der gemeinsame Nenner auf den sich sowohl die “Eliten” als auch der “gewöhnliche” Wähler einigen können? Im Endeffekt wird beim anstehenden britischen Referendum (am Luxemburger Nationalfeiertag!), der über den Verbleib in oder den Austritt aus der EU entscheiden wird, die an sich einfache, in Wahrheit aber sehr komplexe Alternative zwischen mehr oder weniger europäischer Integration und mehr oder weniger nationaler Souveränität innerhalb der EU eine, direkt oder indirekt, herausragende Rolle spielen. So ist es im Übrigen bei den meisten anstehenden, echt wichtigen Fragen, die in der EU auf der Tagesordnung stehen.
Eine Trumpfkarte und ein Duell
- Ob Donald Trump die Gelegenheit bekommen wird, zu zeigen ob er, entsprechend der Bedeutung seines Namens, bei den US amerikanischen Präsidentschaftswahlen im November wie eine Trumpfkarte stechen wird, kann auch nach dem Super-Dienstag am 1. März noch nicht mit endgültiger Sicherheit vorausgesagt werden. Bei den bisherigen republikanischen Vorwahlen ist Trump jedenfalls seinem Namen gerecht geworden, trotz steigender Opposition seitens des Partei-Establishments. Für seine Gegner wird es immer schwieriger, ihn noch zu aufzuhalten. Andere Vorentscheidungen sind aber schon gefallen. War das Teilnehmerfeld bei den Republikanern bis vor Kurzem noch geradezu plethorisch besetzt, so ist es innerhalb weniger Wochen auf bestenfalls drei ernst zu nehmende Kandidaten zusammen geschrumpft. Zu denen, die sich verabschiedet haben, gehört auch der neueste Vertreter der Bush-Dynastie. Sohn und Bruder vergangener, aber noch ziemlich rezenter Präsidenten zu sein, war in einem von Anti-Establishment Einstellungen geprägter Wahlkampf für ihn nicht wirklich hilfreich. Das anfänglich als sehr ungleich eingestufte Duell bei den Demokraten zwischen Hillary Clinton und Bernie Sanders, mit neuerdings Vorteilen für Clinton nach zwischenzeitlichen Problemen deren Wiederkehr angesichts ihrer Historie nicht ausgeschlossen werden kann, verläuft bis jetzt viel spannender und umstrittener als von den meisten erwartet. Es wird umso mehr an vorentscheidender Bedeutung und Signifikanz gewinnen als die demokratischen Erfolgsaussichten, unabhängig davon wer dort das parteiinterne Rennen schlussendlich machen wird, im November gegen einen bei vielen Wählern ob seiner verbalen Exzesse wahrscheinlich schwer vermittelbaren Donald Trump, wenn er denn auf der Siegerstrasse bleiben sollte, drastisch steigen dürften. Auf Grund seiner derzeitigen Einstellung gegenüber der Politik im Allgemeinen und den altbekannten Führungseliten im Besonderen ist der amerikanische Wähler dieses Jahr aber schwer einzuschätzen, d.h. ansonsten kaum für möglich gehaltene Überraschungen können dieses Mal nicht wirklich ausgeschlossen werden.
- Im Hinblick auf die im Frühjahr 2017 anstehenden Präsidentschaftswahlen in Frankreich scharren auch dort einige aus der Vergangenheit oder der Aktualität bekannte Persönlichkeiten, nicht unbedingt aus der allerersten Reihe, bereits mit den Hufen. Da aber das System von Vorwahlen, parteiintern oder parteiübergreifend, hier viel weniger eingespielt ist als in den USA, wird vorerst hauptsächlich über Fragen von Prozedur und Methode gestritten. Kommt hinzu, einerseits, dass man bei den Sozialisten, angesichts einer allgemein erwarteten, erneuten Kandidatur des derzeitigen Präsidenten, nicht recht weiss ob man diesen Weg beschreiten soll und, andererseits, dass sich weder François Hollande noch sein Vorgänger im Elysée-Palast, Nicolas Sarkozy, in Bezug auf ihre Kandidatur festgelegt haben. Beide werden es eh sehr schwer haben und beide werden einer Niederlage, falls sie sehr wahrscheinlich werden sollte, aus dem Weg zu gehen wissen.
Der Nachfolger
Gianni Infantino heisst der Mutige oder Ehrgeizige oder Unbedachte, der die Führung des Weltfussballverbandes übernehmen wollte und in der Zwischenzeit auch übernommen hat. Neu ist er nicht in den internationalen Chefetagen des Fussballs, aber als Generalsekretär des europäischen Verbandes, unter dem derzeit suspendierten Präsidenten Michel Platini, ist er in der Öffentlichkeit vor allem als Regisseur der Auslosungen der Spitzenwettbewerbe für Vereins- und Nationalmannschaften bekannt geworden. Seine Positionen zu Sachfragen, ausserhalb der rezenten Wahlkampagne, sind weniger bekannt, was auch der Bedeutung seiner vorherigen Position entspricht. Und Wahlkampfaussagen sollte man bekanntlich nicht überbewerten. Die nachfolgenden Bemerkungen sind demzufolge auch nicht wirklich personengebunden, sondern eher prinzipieller Natur:
- Man kann der Meinung sein, dass, nach den rezenten, nicht abgeschlossenen Turbulenzen, ein Präsident, der noch keine Vergangenheit mit oder in den internationalen Strukturen des Fussballs hat, der FIFA gut getan hätte. Die bestehenden Regeln und Seilschaften haben das wohl unmöglich gemacht, aber ein echter und vollkommener Neuanfang, eingeleitet durch Amtsträger denen Nähe zu in negative Schlagzeilen geratenen Persönlichkeiten nicht hätte vorgehalten werden können, ist jetzt nicht wirklich möglich. Aber dem neuen Präsidenten sollte dennoch eine ehrliche und faire Chance eingeräumt werden.
- Man kann auch der Meinung sein, dass es, unabhängig von den zur Wahl angetretenen Personen mit ihren respektiven Lebensläufen, angebracht gewesen wäre wenn die Leitung des Weltfussballverbandes jetzt in ausser-europäische Hände übergegangen wäre. Und sei es nur um der rasanten Entwicklung des Fussballs ausserhalb Europas und Südamerikas und besonders in der Dritten Welt gerecht zu werden. Die Konzentration der Machthebel des Sports im Allgemeinen vorwiegend in europäischen Händen gibt kein sehr glückliches Bild ab. Wobei man anerkennen muss, auf Grund von rezenten Beispielen, dass eine partielle Auslagerung der Machtpositionen weg von Europa keine Garantie für mehr Ethik und Transparenz, für weniger negative Schlagzeilen bedeutet. Es wäre aber eine Anerkennung der demographischen und sportlichen Realitäten gewesen.
- Schlussendlich ist es allgemeine Meinung, dass das mit grosser Mehrheit verabschiedete FIFA-Reformpaket auf dem Papier so manch guten Ansatz enthält. Was in der Praxis daraus entsteht, wird von den handelnden Personen abhängen. Worin allerdings der Fortschritt bestehen soll, wenn man einem vom Kongress gewählten Präsidenten Machtbefugnisse entzieht um sie einem nicht gewählten Generalsekretär zu übertragen, ist mir schleierhaft. Als ob gewählte Sportfunktionäre vom Prinzip her für ethische oder sportpolitische Entgleisungen anfälliger wären als solche die von ersteren vorgeschlagen und /oder ernannt werden. Darin kann man schon ein überraschendes Verständnis von demokratischen Prozeduren und Wahlvorgängen sehen.
Losgelöst von den aktuellen Vorgängen in der FIFA kann man mit Genugtuung feststellen, dass Gruppierungen, vor allem von Vereinsanhängern in England und in Deutschland, damit begonnen haben, sich gegen Teilaspekte der Geldtreiberei und Geldgier im Fussball zu wehren. Und das mit Erfolg. Als ob durch Fernseh- und Sponsorverträge nicht genug Geld in die Kassen fliessen würde, werden Verantwortliche einiger Vereine, hauptsächlich von Spitzenvereinen die eh mit Geld gesegnet sind, nicht müde die Eintrittspreise in für viele nicht mehr erschwingliche Sphären zu treiben. Das hat besonders in den englischen Stadien schon deutlich zu einer veränderten Fankultur geführt, weg von der Unter- und Mittelschicht zu den wohl bemittelten Zuschauerkategorien, die in der Lage sind, neben dem Eintrittsgeld zu den eigentlichen Fussballbegegnungen, auch vom zusätzlichen, fussballunabhängigen Angebot in den Stadien Gebrauch zu machen. Aus einem ehemals volksnahen Sport ist Fussball so dabei, zu einem Elite-nahen Freiheitsangebot zu werden. Eine Entwicklung, die nicht kurz- oder mittelfristig abgeschlossen sein wird, wo es aber guttut, festzustellen, dass angefangen worden ist, sich dagegen zu wehren.
Und aus Luxemburg steht Folgendes an

Das Projekt einer neuen Tram in Luxemburg-Stadt beschäftigt die politischen Verantwortlichen auf nationalem und lokalem Plan seit vielen Jahren in unterschiedlicher Form. Auch wenn das Vorhaben umstritten bleibt, so ist es wohl nicht mehr aufzuhalten. Die Arbeiten daran werden immer konkreter, Zufahrtsverbindungen wie die Schaffung einer neuen, kurzen “Bergbahn”, zwischen traditionellem Zug und neuer Tram gelegen, sind weit fortgeschritten, jetzt steht das Pensum um die Schienentrasse an. Und wenn Luxemburg nicht schon jetzt die Stadt der Baustellen und Kräne wäre, sie würde nunmehr endgültig diesen Beinamen verdienen. Mit der Entscheidung zur Einführung einer Tram auf einer etwa 16 km langen Strecke durch den Stadtkern und die Zentren bis zum Flughafen war die Belastung durch eine jahrelange Baustelle unumgänglich geworden. Die Bürgermeisterin der Stadt Luxemburg wird nicht müde, hervorzuheben und zu unterstreichen, dass Baustellen das Zeichen für eine aktive, eine dynamische Stadt sind, für eine Stadt die lebt und sich weiterentwickelt. Und sie hat damit Recht. Neue Infrastrukturen gibt es nicht ohne (vorübergehende) Nachteile, ohne Belastung in der Entstehungsphase. Niemand kann dem widersprechen und jeder wird es wohl auch akzeptieren. Das Problem, und es ist kein kleines, liegt in Luxemburg-Stadt darin, dass zu viele Baustellen auf einem relativ kleinen Raum zur gleichen Zeit über die Bühne gehen, kleine, grössere und ganz grosse; als ob jahre- oder jahrzehntelang Investitionen und Renovationen in den unterschiedlichsten Infrastrukturbereichen lahm gelegt hätten. Möglicherweise war dem auch so. Und für diejenigen, die es miterleben, kommt erschwerend hinzu, dass Bauarbeiten und Baustellen in Luxemburg sich u.a. dadurch auszeichnen, dass sie üblicherweise nicht schnell vom Fleck kommen (um es mal zurückhaltend auszudrücken). Darunter leiden vor allem die Lebensqualität der Anrainer dieser multiplen, belasteten Parzellen und die Geschäftsleute die in deren Nachbarschaft ihrer Erwerbstätigkeit nachgehen. Das alles ist weder neu noch einmalig in Luxemburg; für die derzeitige Dichte an Kränen und Baustellen, deren Dauer nicht kurz bemessen ist, gibt es aber, ausserhalb Zeiten eines historischen Wiederaufbaus, kaum vergleichbare Beispiele. Aber da muss jeder hindurch, und wenn die Modelle und Pläne nicht täuschen, werden die Lebensqualität und die kommerziellen Tätigkeiten, die heute leidtragenden Bereiche, nach Fertigstellung der wichtigsten Baustellen verbessert und gestärkt hervorgehen. Bis dahin wird aber (viel) Geduld von Nöten sein.