Geheime Leidenschaften:

Von dem, was vorbei ist

Autoren berichten über ihre „Geheimen Leidenschaften“: ungewöhnliche Hobbies, die sie pflegen, besondere Interessen, die sie verfolgen, Dinge, die sie abseits des Schreibens bewegen.
Den Anfang macht der Historiker Jörg Friedrich, der eine so beeindruckende Sammlung von Schallplatten besitzt, dass diese sogar in einer eigenen Wohnung wohnt. Hier schreibt er über seine Leidenschaft und hat uns eingeladen, ein paar fotografische Eindrücke zu sammeln.

von Jörg Friedrich


„Wozu kaufst du diesen Schrott?“, fragte meine Mutter, das ist nun 58 Jahre her. 56 Jahre lang hat sie die Frage wiederholt. Der Schrott hatte den längeren Atem. Er besteht aus Schallplatten, die zum Gebirge geworden sind — zerbrechliche aus Schellack, unzerbrechliche aus Vinyl, digitale Silberlinge. Wöchentlich wächst es. Maßvolle Menschen meinen, es handle sich um Sammelwut. Ich bin in den Bergen geboren, und diese bergen ein Geheimnis. Wie sind sie dahin gekommen? Was war dort vorher? Sie verkörpern den urzeitlichen Zusammenstoß tektonischer Platten, ein unvorstellbarer Krach. Jetzt schweigen sie. Ein 1949 eingeschulter Knabe, nun ins Ruhrgebiet gewechselt, sieht sich von Trümmerhaufen umringt, sie schweigen auch. Die Eltern sprechen von heute und morgen, die Ruinen von gestern.

Die Schallplatte bewahrt ein Geräusch, das vorüber ist. An und für sich schweigt sie, aber man kann das Verklungene aus ihr hervorholen. Etwas Ähnliches wollen Historiker auch. Sie machen Totes lebendig, reden über das, was nicht mehr ist, wenn auch, bedauerlicherweise, mehr über sich selbst.

Die Stücke, die ich sammle, enthalten klassische Musik. Sie ist schön. Das Vergangene in der erkalteten Trümmerlandschaft von Essen-Ruhr war grauenhaft. Kinder können das nicht wissen, aber vielleicht spüren, die Mauern hatten ja Leute begraben. In den Tonrillen meiner Schätze liegen auch Begrabene, aber keine Toten, sondern Unsterbliche. Die Meister der Komposition und der Töne. Bach und Mozart beschrifteten Notenpapier. Zu Musik wird das erst im Klang, den Kehlen und Hände hervorbringen. Der Klang aber stirbt in der Sekunde seines Entstehens, erklingen und verklingen sind eins. Seit dem späten 19. Jahrhundert aber konnten Tongebilde aufgezeichnet und zur mechanischen Wiederholung geführt werden. Das ist eine Illusion, was wiederklingt ist nur ein fernes Echo.

Die Ferne hört man am deutlichsten aus Schellackplatten, die meine Mutter darum für Schrott hielt, weil sie so rauschen, technisch betrachtet also defekt sind. Die Sphinx ist auch defekt, ihr fehlt die Nase, die Fresken des Fra Angelico sind arg verblaßt, man sieht fast nichts mehr. Alles wird defekt, was durch den Zahn der Zeit muß. Die Spuren sind in den Schellacks hörbar, darum mochte ich sie von Anbeginn. Die Wiederauferstehung der Klänge arbeitet sich durch eine harte Krume, das Schleifgeräusch von Nadel und Granulat. Es will die Auferstandenen zudecken, der Klang kämpft gegen das Geräusch, das Ohr muss ihm helfen und ihn herausziehen aus der toten Materie. Im Prinzip ist er genauso tot, eine aus der materiellen Begegnung von Rillenkrümmung und Abtaststift hervorgerufene Schwingung, die, elektronisch verstärkt, eine Lautsprechermembran bewegt. Lauter leblose Dinge. Sie schaffen die Illusion der Lebendigkeit, nur wird mir keiner einreden, dass die Callas in Vinylrillen verchiffriert eine akustische Täuschung ist. Es handelt sich um eine Verabredung zwischen Apparatur und Ohr, dass hier das Leben simuliert wird. Die Unsterblichkeit ist eine gelungene Simulation.

Die Vinylplatte hat mich von meinem 15. bis zu meinem 50. Jahr begleitet, zuerst als der letzte Schrei, zuletzt als der letzte Dreck, momentan wird sie auf‘s Neue angehimmelt. Schellack ist wie schwarzes Porzellan, er wiegt und ist die Wiege des verewigten Klangs. Beim Abspielen erzählt er zugleich, wie er gemacht wurde. Man sieht mit bloßem Auge das grobe Rillenprofil und die zittrige Auslenkung der Nadel. Sie gräbt und hebt, das Vergangene ist schwer und will seine Ruhe. Nach acht Minuten hat es genug vom Spiel. Über die Vinylplatte hingegen gleitet der Diamant, der Kontakt mit der Mikrorille ist nur ein Hauch, er tut ihr gut, das Erstorbene fühlt sich angenehm berührt, will ans Licht, hört gar nicht auf zu reden, 30 Minuten pro Seite. Der Trägerstoff ist leichtes Plastik, hält sich mit Lärm zurück, das Frühere ist wie nebenan und mischt sich elegant ins Jetzt, Tod wo ist dein Stachel?

Die digitale Revolution ab 1989 war mir von vornherein unsympathisch, ich habe mich gegen sie gesträubt, solange es ging. Der Ton kommt nirgendwo her, aus dem Nirwana, kein Knistern, kein Rauschen, ein Gespenst zum Anfassen, die Distanz von Aufnahme und Wiedergabe ist weg. Nichts wird lebendig, weil es schon immer leblos war, gerastert in 16 bis 24 Bit. Ich sammle Compact Discs dennoch, wegen der Handlichkeit des Formats und weil die Gespenster tonal so perfekt geklont sind, das will ich anerkennen. Die analogen Träger taten so als ob, und ich und sie, wir haben zusammen mit Herz und Hand den verlorenen Klang enterdet. Dem digitalen Sound fehlt das Geheimnis der Wiederkehr, er leugnet das Früher und will dem Jetzt gleichen wie ein Ei dem andern.

Doch hat die Vergänglichkeit die Silberlinge eingeholt, die letzten Tonträger schwinden. Der Ton kommt ohne Träger aus, haust unkörperlich in der Datenbank und besucht einen als Download. Ohne mich! Gewiss ist es ein Zivilisationsgewinn, wenn in Bälde alles klingende Erbe der Zeiten auf einen Klick zugänglich sein wird. Der Sammler hinter seinen Bergen fragt sich: „Wozu hast du all diesen Schrott gebunkert?“

Angenommen einmal, dazu entfiele heute jeder sachliche Grund. Sammeln war Suchen nach dem, was den Künftigen plumps in den Schoß fällt. Die Sammlungen aber versiegen. Übrig geblieben wäre mir nur eine Lebenszeit auf der Suche. Wenn Matthäus 7.8 besagt: „Wer suchet, der findet“, so lautet die Umkehr, dass nur etwas finden kann, der ein Suchender ist. Das andere ist dann Versorgung.

Fotos: Benjamin Vieth


→ mehr über den Autor

Jörg Friedrich, geboren 1944, erzielte mit seinem Buch über den Bombenkrieg gegen Deutschlands Städte einen Welterfolg: „Der Brand“ liegt in zwölf Sprachen vor. Auch der Folgeband „Brandstätten“ wurde zum Bestseller. Friedrichs umfangreiches Werk enthält Standardtitel zur NS-Zeit, die ihm internationale Auszeichnungen eintrugen. Sein letztes Buch über den Ersten Weltkrieg, „14/18“, erschien 2014 im Propyläen Verlag. Foto: Hans Scherhaufer

→ „14/18“ auf den Seiten der Ullstein Buchverlage

Originally published at www.resonanzboden.com.

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