Mitgefühl durch Kunst: Krieg und posttraumatische Belastungsstörung in Literatur und Film

Wenn der Krieg nach Hause kommt — die Autorin Karin Salvalaggio schreibt über die seelischen Narben, die der Krieg bei den Soldaten hinterlässt, und was dabei helfen kann, das Unbegreifliche zu verstehen.

von Karin Salvalaggio
aus dem Amerikanischen von Daniele Raffaele Gambone

Bild: Warner Bros.

Das Erleben von außergewöhnlichen Momenten aus der Sicht fiktionaler Charaktere trägt zweifelsohne dazu bei, unser Verständnis für die Welt auszuweiten. Manchmal ist ein guter Roman sehr viel besser darin, uns die Augen und die Herzen für konkrete Probleme zu öffnen als jede Berichterstattung. Die erschütternde Darstellung, die T.C. Boyles América von den täglichen Nöten illegaler mexikanischer Einwanderer liefert, ändert vielleicht nichts an unserer Einstellung zur Immigration, aber sie zerreißt uns das Herz. Drachenläufer von Khaled Hosseini schwankt zwischen einer Lektion in afghanischer Geschichte und einer Abhandlung über die menschlichen Abgründe; gleichzeitig bringt uns das Buch von Angesicht zu Angesicht in Kontakt mit Menschen, die Jahrzehnte des Konflikts überstanden haben. Und Pat Barkers ebenso brillanter wie unglaublich gut recherchierter Roman Niemandsland macht uns mit den Schrecken des Stellungskriegs und den dauerhaften psychologischen Schäden vertraut, die britische Soldaten nach dem Ersten Weltkrieg erlitten.

Er macht uns mit den Schrecken des Krieges und den dauerhaften psychologischen Schäden vertraut

Barkers Roman setzt sich auf fiktionale Weise, aber unter Verwendung von Originalquellen, mit dem Klinikaufenthalt des Dichters Siegfried Sassoon auseinander. Dieser hatte in The Times einen leidenschaftlichen Appell gegen den Krieg veröffentlicht und war daraufhin wegen „Granatenschocks” eingewiesen worden.

Der Psychologe W. H. R. Rivers, ein Pionierforscher in Sachen posttraumatischer Belastungsstörungen vor und nach dem Ersten Weltkrieg, übernimmt Sassoons Behandlung. Seine Patienten am Craiglockhart War Hospital leiden an einer Vielzahl von Krankheiten. Ein Militärchirurg erträgt den Anblick von Blut nicht. Ein anderer Patient ekelt sich vor Nahrungsmitteln, seitdem er nach einer Explosion mit dem Kopf im Magen einer verwesenden Leiche gelandet ist. Und Billy Prior, eine der wenigen komplett erfundenen Figuren, ist verstummt. Auf Rivers’ Fragen kann er anfangs nur schriftlich antworten.

Rivers selbst steckt unterdessen in einem moralischen Dilemma. Wenn er seine Patienten erfolgreich heilt, kehren sie in ihre schreckensreichen Schützengräben zurück, wo die Lebenserwartung eines Soldaten bei weniger als sechs Wochen liegt.

Bild: Warner Bros.

100 Jahre später leiden Soldaten rund um den Globus noch immer an posttraumatischen Belastungsstörungen

American Sniper, das Filmporträt des US-amerikanischen Scharfschützen Chris Kyle, brach in den Vereinigten Staaten zahlreiche Kassenrekorde. Bradley Cooper spielt darin unter der Regie von Clint Eastwood die Hauptrolle. Auf Kyles Konto gehen über 160 bestätigte Abschüsse. Die Verehrung für ihn war so groß, dass man ihm den Beinamen „The Legend“ verlieh. Wir werden niemals erfahren, wie viele amerikanische Soldaten er bei seinen fünf Auslandseinsätzen wirklich gerettet hat, aber das Wissen, dass er auf den Dächern über die Truppen wachte, während sie in feindseliger Umgebung Haus um Haus durchsuchten, gab ihnen die nötige Zuversicht, ihre Aufgaben zu erledigen. Es ist eine grausame Ironie des Schicksals, dass ein Kriegsveteran, der an einer posttraumatischen Belastungsstörung litt, den zurückgekehrten Kyle noch vor der Produktion des Films ermordete.

Terry Gross vom National Public Radio interviewte den Hauptdarsteller Bradley Cooper für das Programm Fresh Air. Cooper, der auch zum Produzententeam gehörte, war maßgeblich daran beteiligt, Chris Kyles Geschichte auf die Leinwand zu bringen. Bradley Cooper gab zu, dass er, wie ein Großteil der Bevölkerung, am Anfang ziemlich ahnungslos war, wenn es um die „schizophrenen Aspekte der Rückkehr aus dem Krieg“ und den Tribut ging, der von den Angehörigen gefordert wird. Mit dem Film wollte er den „Mangel an Fürsorge und Aufmerksamkeit für Veteranen”, die an posttraumatischen Belastungsstörungen leiden, „ins Scheinwerferlicht rücken”. Jetzt befürchtet er, dass ein Teil dieses Lichts schon wieder erloschen ist, da der Film im Zentrum eines erbitterten Streits zwischen dem linken und dem rechten politischen Lager steht. Zahlreiche Linke finden, dass der Film die Rolle der USA im Irakkrieg kritischer hätte behandeln sollen.

Bild: Warner Bros.

Die Statistiken sind allesamt alarmierend

Obwohl unter dem posttraumatischen Belastungsyndrom heute auch Krankheitsbilder zusammengefasst werden, die sich bereits im Laufe der Geschichte an Soldaten gezeigt haben — darunter der sogenannte „Granatenschock“, das „Soldatenherz“ oder die „Kampfesmüdigkeit“ –, wurde die Krankheit erst im Laufe der 1980er Jahre in das Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders aufgenommen. Damit ebnete man den Weg für rückwirkende Ansprüche durch dringend behandlungsbedürftige Vietnam-Veteranen. Schätzungen zufolge leiden ungefähr 830.000 Vietnam-Veteranen und 20 Prozent der Irak- und Afghanistan-Veteranen an posttraumatischen Belastungsstörungen und/oder Depressionen. Die Zahl der Leistungsanträge an das Kriegsveteranenministerium der Vereinigten Staaten erreichte 2013 mit 600.000 einen Höhepunkt. Die Wartezeit in den Krankenhäusern liegt bei ungefähr drei Monaten. Und hat der Patient einmal einen Therapieplatz, lässt sich die Krankheit angesichts ihrer unzähligen Varianten sehr schwer behandeln.

Im Durchschnitt beträgt die Selbstmordrate unter US-amerikanischen Kriegsveteranen 22 pro Tag. Das entspricht einem Selbstmord alle 65 Minuten.

Die Statistiken sind allesamt alarmierend, und doch ist es überraschend einfach, sich ihrer Aussagekraft zu entziehen. Wir kriegen die Personen und Familien nicht zu Gesicht, deren Leben in Stücke gerissen wurden. Was wir zu sehen bekommen, sind nackte Zahlen. An diesem Punkt machen Autoren wie Pat Barker und Filmemacher wie Bradley Cooper oder Clint Eastwood einen echten Unterschied. Sie beleuchten die Probleme, ohne uns mit Statistiken zu erschlagen, und machen die Kriegsrückkehrer so lebendig, dass wir ihren Geschichten folgen und uns für ihre Zukunft engagieren. Es kann schon sein, dass uns solche Erfahrungen anschließend schwer auf dem Herzen liegen. Aber das ist nur der geringe Preis, den wir für unser Mitgefühl zahlen. In einer Welt, die von Wortfetzen, Polit-PR und Rücksichtslosigkeit dominiert wird, ist das eine lebenswichtige zwischenmenschliche Regung, die uns als zivilisierte Gesellschaft ausmacht.

Dieser Artikel erschien zuerst am 14. Mai 2015 auf www.criminalelement.com


→ mehr über die Autorin

Karin Salvalaggio wurde in den USA geboren wuchs in Alaska, Florida, Kalifornien und im Iran auf. Seit 20 Jahren lebt und schreibt sie in London. Ihr aktueller Roman „Brennender Fluss” erscheint am 11. September bei Marion von Schröder.

Weblinks „Brennender Fluss” auf den Seiten der Ullstein Buchverlage Die offizielle Website von Karin Salvalaggio Karin Salvalaggio auf Facebook und Twitter


Originally published at www.resonanzboden.com.

One clap, two clap, three clap, forty?

By clapping more or less, you can signal to us which stories really stand out.