Fast wie Kommissar Rex

Sie schnüffeln, sie sichern, sie spüren auf: die Diensthunde des Polizeicorps der Stadt Zürich. Das Migros-Magazin ging mit ihnen auf Patrouille.

Wachtmeister Michael Toggweiler (40) deutet seinem Patrouillenkollegen, das Fahrzeug vor ihnen anzuhalten. 02:50 Uhr: «Dä fahrt komisch, isch da ächt Alkohol im Spiel?» Betrunken ist zwar keiner der drei Männer aus Mazedonien. Es stellt sich aber rasch heraus, dass sie über 20 000 Euro Bargeld dabeihaben. Die Polizisten entschliessen sich daher, das Fahrzeug und die Insassen etwas genauer unter die Lupe zu nehmen.

Ohne die Hilfe eines Hundes kommt die Polizei in solchen Fällen nicht weit. Die Vierbeiner hören doppelt so gut und riechen bis zu einer Million Mal besser als der Mensch. Seit über 100 Jahren sind die Diensthunde nicht mehr aus dem Polizeicorps der Stadt Zürich wegzudenken. Sie sichern Gelände oder Gebäude, verfolgen Täter, spüren verschollene Personen auf und suchen nach Gegenständen, Betäubungsmitteln und Sprengstoff.

Im Nachtdienst:Wachtmeister Michael Toggweiler mit Esko in der Zürcher Innenstadt. (Alle Fotos: Daniel Winkler)

03:05 Uhr: Esko, der Deutsche Schäferhund von Michael Toggweiler, wird aus dem Käfig des Patrouillenwagens gelassen. Doch bevor der Hund sich auf die Suche nach Haschisch, Kokain und Heroin machen darf, zieht ihm der Polizist ein Paar «Finken» über. Dies nicht zum Schutz des Tiers, sondern zu dem des Autos. Die Besitzer des Wagens sollen die Polizei nicht für allfällige Schäden haftbar machen können.

Der berühmteste Polizeihund ist wohl «Kommissar Rex» — die wenigsten wissen, dass er mit vollem Namen Reginald von Rafenhorst heisst. Polizeihunde tragen stets den Namen der Zuchtstätte, im Fall von Esko «vom Paradiesertor». Sein Vorname beginnt mit dem fünften Buchstaben des Alphabets, weil er dem fünften Wurf dieser Zuchtstätte entstammt.

03:20 Uhr: Während rund einer Viertelstunde durchsucht Esko das mazedonische Auto. Steckt seine Schnauze in jede Ritze des Wagens, durchschnüffelt das Gepäck und fahndet selbst unter der Motorhaube nach Betäubungsmitteln. Aber vergeblich: Das Fahrzeug ist sauber, und nach Prüfung von Personalien dürfen die Männer weiterfahren.

Esko in Aktion: Der Hund fahndet nach Betäubungsmitteln.

03.45 Uhr: Obwohl Esko vom Paradiesertor diesmal keine Drogen gefunden hat, bekommt er trotzdem eine Belohnung. Einerseits um ihn für den Einsatz zu loben, andererseits um seine Motivation für die nächste Aufgabe hochzuhalten. Es gibt allerdings kein Leckerli für den Hund. Er darf sich dafür in einer Attrappe verbeissen und damit spielen — das genügt ihm.

Es darf keine Routine aufkommen

Es war ein langer Arbeitstag für das Tier. Begonnen hat er kurz nach sechs Uhr abends, gleichzeitig mit dem Dienst seines «Chefs» Michael Toggweiler. Zusätzlich zu den Einsätzen auf der Strasse findet jeden Donnerstagabend eine Übung des Diensthunde-Kompetenzzentrums statt. Der Ort wechselt regelmässig, da keine Routine aufkommen soll — weder für die Hunde noch für die Polizisten. Zusätzlich findet alle 14 Tage ein ganztägiges Hundetraining auf dem Gelände des Diensthunde-Kompetenzzentrums statt.

18:30 Uhr: Heute treffen sich vier Polizisten, zwei Instruktoren und fünf Hunde bei der Wasserversorgung Zürich. Die Behörde hat Feierabend, das Gebäude ist dementsprechend verwaist und wird für die Übung zweitgenutzt. Der Instruktor zeigt das Programm auf: «Heute suchen wir in verschiedenen Räumen nach Verbrechern und üben das Aufstöbern von versteckten Gegenständen auf offenem Gelände.»

«Los»: Toggweiler gibt Esko das Kommando für Verfolgungsjagd.

Polizeihunde werden von klein auf trainiert. Im Alter von zehn bis zwölf Wochen werden sie beim Züchter abgeholt und wohnen fortan bei ihrem Polizeihundeführer oder ihrer Polizeihundeführerin zu Hause und werden von ihm oder ihr trainiert — auch privat. Anders als bei anderen Polizeicorps gehören die Hunde beim Diensthunde-Kompetenzzentrum der Stadtpolizei Zürich nicht dem Staat, sondern den Polizisten privat.

19:00 Uhr: Jetzt wird die Suche nach tatverdächtigen Personen in einem verwinkelten Gebäude trainiert. Das Training ist anstrengend, nach 20 Minuten sind alle Beteiligten erledigt und durchgeschwitzt — das gilt insbesondere für die Diensthundeführer, die die Einsätze leiten und zugleich auf jedes Zeichen ihrer Hunde reagieren müssen.

Eine der erfahrensten Hundeführerinnen von Zürich ist Cornelia Wyrsch (46), die in ihren 25 Dienstjahren bereits drei Diensthunde grossgezogen hat. Ihr derzeitiger Diensthund, Kyros du Boidamont, ist heute sechsjährig und damit im besten Alter. «Bis ein Hund vollständig ausgebildet ist, dauert es etwa drei Jahre», weiss Cornelia Wyrsch.

Nicht jedes Tier schliesst jedoch seine Ausbildung ab. Ist der Welpe acht Monate alt, findet ein ärztlicher Untersuch statt; 16 Wochen später wird ein Wesenstest durchgeführt. Erst jetzt entscheidet sich, ob das Tier sich als Diensthund eignet oder ob die Ausbildung abgebrochen werden muss. «Das passiert aber äusserst selten», so Wyrsch. Nur weniger als jeder zehnte Hund fällt durch. Erst nach 24 Monaten gilts ernst, und die Hunde leisten ihren ersten Einsatztest, nach 30 Monaten den zweiten.

Zielperson gefunden: Zur Belohnung darf Esko in die Manschette beissen.

21:00 Uhr: Bevor Esko vom Paradiesertor sich mit seinem Hundeführer in den Nachtdienst verabschiedet, muss er sich als Suchhund beweisen. Seine Aufgabe ist es, in einem verwinkelten, mehr als vier Fussballplätze grossen Gelände nach Gegenständen zu suchen. «Man kann Hunden nicht eine Pistole zeigen, und dann suchen sie eine Pistole», erklärt Michael Toggweiler. Es funktioniert so: Hunde suchen nach Gegenständen, die nicht ins abzusuchende Gebiet passen. Zum Beispiel eine in der Wiese liegende Pistole oder ein im Baum verstecktes Seil.

Ewig halten die Hunde die körperliche Anstrengung, die der Polizeidienst mit sich bringt, nicht durch. Immerhin acht Jahre arbeitet ein Diensthund dennoch, wenn er bis dahin gesund bleibt. Das «Rentenalter» ist jedoch flexibel: Die Tiere werden so lange eingesetzt, wie sie körperlich dazu in der Lage sind.

Die meisten werden vor ihrem zehnten Geburtstag pensioniert und kassieren danach eine Rente von zehn Franken am Tag. Noch im Dienst, verdient ein Hund täglich 16.45 Franken. In Tat und Wahrheit ist das natürlich kein Lohn für den Hund, sondern es sind steuerfreie Spesen für den Polizisten, der davon zum Beispiel Futter kauft, die Wohnung hundetauglich einrichtet oder ein grösseres Auto kauft, um den Hund immer dabeihaben zu können.

Repräsentative Aufgaben sind Teil des Jobs

21:50 Uhr: Das Training endet vorzeitig, da die Polizisten am nächsten Tag repräsentative Aufgaben erfüllen müssen und die Fähigkeiten ihrer Hunde an einer Jubiläumsveranstaltung der Stadt Zürich zeigen. «Das gehört auch zu unseren Aufgaben im Dienst der Öffentlichkeit», sagt Michael Toggweiler.

Normalerweise dauert die Übung bis kurz nach Mitternacht. Einhalten muss die Dienstplanung lediglich eine Ruhezeit von neun Stunden, nicht eingerechnet sind der Nachhauseweg und die Auslaufrunde mit ihren Hunden, die die Polizisten abends oft noch drehen. Auch vollständig ausgebildete Hunde brauchen noch regelmässiges Training. Cornelia Wyrsch erklärt, warum: «Für unsere Hunde ist die Polizeiarbeit nicht nur ein Vergnügen, sondern körperliche Höchstleistung. Es ist wichtig, sie dabei zu fördern, zu motivieren und zu belohnen.»

Nach 24 Monaten leisten die Tiere ihren ersten Einsatztest, der zweite folgt mit 30 Monaten.

Hunde lernen über Rituale: Vor jedem Einsatz, bei dem Kyros nach Betäubungsmitteln suchen muss, zieht sie ihm ein Halsband an, auf dem «Drogenfander» steht. Anschliessend zeigt sie ihm ein gerolltes Handtuch, bei dem sie vorgibt, es zu verstecken. Der Hund macht sich auf die Suche danach und zeigt an, wenn er Drogen findet. Aber ob erfolgreich oder nicht: Als Belohnung für seine Anstrengung darf er herzhaft ins Handtuch beissen. Ganz wie im Fernsehen läuft es also nicht. «Anders als Kommissar Rex können richtige Polizeihunde nicht logisch denken», sagt Cornelia Wyrsch.

23:10 Uhr: Auf dem Nachteinsatz passiert wenig. Es ist und bleibt eine ruhige Nacht in der Stadt Zürich, wohl weil das Wetter durchzogen ist. «Regen ist der beste Polizist», weiss Michael Toggweiler. Bei einer Einbruchsmeldung im Enge-Quartier steht Esko kurz davor einzugreifen. Doch es stellt sich als Fehlalarm heraus, der mutmasslich von einem anderen Tier ausgelöst worden ist: einer Schnecke.

Der Deutsche Schäfer ist der «Migros-Hund»

Der Grossteil der Diensthunde ist männlich. Weibchen gibts auch, aber nur wenige, und diese müssen kastriert werden. «Sonst machen sie mir den ganzen Laden verrückt, und die Rüden können sich nicht mehr auf die Arbeit konzentrieren», sagt René Fechner, stellvertretender Leiter des Diensthunde-Kompetenzzentrums und Vorgesetzter von Toggweiler und Wyrsch.

Insgesamt werden sechs verschiedene Rassen eingesetzt, der Deutsche Schäfer gilt als ideal für Polizisten, die zum ersten Mal einen Hund ausbilden. «Wir nennen ihn Migros-Hund», lacht Fechner. Deutsche Schäfer seien lieb, treu, unkompliziert — und einfach gut, «wie die Migros halt. Und das sage ich nicht nur, weil Sie vom Migros-Magazin sind.»

Der deutsche Schäfer ist der «Migros-Hund».

Erstpublikation am 2. Oktober 2018 im Migros-Magazin