Younow: Live aus dem Kinderzimmer

Die Plattform Younow ist bei Kindern und Jugendlichen sehr beliebt, bei unvorsichtiger Nutzung aber brandgefährlich. Eltern müssen ihrem Nachwuchs helfen, sich zu schützen.

Vor allem Mädchen geben bei Younow zu viel von sich Preis (Illustration: Supertotto/2Agenten)

Komplimente hat jeder gern: «Du bist so hübsch, deine Augen sind wunderschön.» Sätze wie diese sind für viele Menschen der Anreiz, die neue Internetplattform Younow (bewusst nicht verlinkt, d. Red.) zu nutzen. So holen sie sich Selbstvertrauen und peppen ihr Ansehen unter Freunden auf.

Vor allem junge Menschen zeigen bei Younow.com live im Internet, wie sie im Bett liegen, am Schreibtisch sitzen oder das Znüni essen. Und erklären dabei ihr Leben. Sie erzählen von der Schule, von Hobbys oder vom Streit mit ihrem Schatz. Mit jeder Sendeminute kommen weitere Zuschauer hinzu, manchmal sind es über 800. Sie müssen sich weder registrieren, noch ihr Alter angeben.

Wers tut, bleibt trotzdem anonym und kann die Sender der Kids abonnieren oder ihr «Fan» werden. Je mehr Fans, desto besser. Schliesslich nimmt die Attraktivität durch eine bessere Platzierung am Bildschirm zu, was noch mehr Zuschauer und Fans anzieht. Ausserdem können sich Jugendliche direkt miteinander vergleichen.

Die Anzahl Fans als neue Währung auf dem Pausenplatz

In ihren Sendungen beantworten vor allem Mädchen, aber auch Buben Fragen, die Zuschauer auf ihrer Tastatur eintippen. «Wie alt bist du?», «Wo wohnst du?», «Wie heisst du richtig?» oder «Machst du eine Lehre?» Auf den ersten Blick ist das harmlos — doch das täuscht.

Schliesslich weiss niemand, wer sich hinter den Pseudonymen verbirgt oder was diese mit den persönlichen Informationen vorhaben. Bereits wenige Angaben genügen, um mit Google und Facebook die genaue Wohnadresse der Kamerakinder herauszufinden, sie persönlich zu kontaktieren oder schlimmstenfalls gar zu besuchen.

Nebst Komplimenten und Fragen zur eigenen Person erhalten Kinder und Jugendliche nicht selten auch direkte Aufforderungen: «Küss deine Freundin!» oder «Zeig mir den BH!». Denn wie praktisch auf jeder Plattform, die hauptsächlich von jungen Menschen genutzt wird, tummeln sich auch bei Younow Pädophile, die Unschuldige gefährden und missbrauchen.

Dialog mit Kindern enorm wichtig

Ausprobieren, sich präsentieren, Grenzen ausloten: Für Teenager ist Younow reizvoll. Das ist nachvollziehbar und verständlich. Aber Eltern sind für deren Schutz verantwortlich und müssen ihnen mögliche Gefahren aufzeigen.

Dialogbereitschaft und ernsthaftes Interesse sind dafür der bessere Weg als ein Verbot. Denn Younow ist unter einer Prämisse ungefährlich: Wer es nutzt, muss die anonymen Kontakte genau gleich behandeln wie fremde Menschen im echten Leben — und keine persönlichen Informationen verraten oder nackte Haut zeigen.


Richtig verhalten im Web

1. Vorsicht vor Fremden im Netz: Das Internet ermöglicht Menschen anonymes Auftreten. Und zwar nicht nur in Chats, sondern auch auf Facebook oder Snapchat. Es steckt nicht immer die Person dahinter, für die sie sich ausgibt.

2. Kontaktanfragen ablehnen: Egal ob in sozialen Netzwerken oder Chat-Apps auf dem Handy: Auch wenn sie noch so reizvoll scheinen, sollten Kontakt- und Freundschaftsanfragen von Fremden konsequent abgelehnt werden.

3. Aufpassen beim Posten: Nie unvorteilhafte Fotos oder Videos nach durchzechten Partynächten oder vergleichbaren Ereignissen veröffentlichen. Spätestens bei der nächsten Stellensuche wirkt sich das negativ aus.

4. Treffen sind gefährlich: Wer mit einer Internetbekanntschaft abmachen will, sollte das nur in Begleitung der Eltern oder von guten Freundinnen oder Freunden tun. Unbedingt vorher telefonieren und einen öffentlichen Treffpunkt wählen.

5. Webcam abdecken: Die in Laptops eingebauten Webcams können theoretisch gehackt und von extern eingeschaltet werden. Sie abzukleben ist deshalb empfehlenswert. Ebenfalls sollte sie nur eingeschaltet werden, wenn Freunde zuschauen.

6. Nackte Haut: Wer Nacktfotos von sich verschickt oder sich so vor der Webcam zeigt, schenkt dem Empfänger oder der Empfängerin grosses Vertrauen. Weil sich das ausnutzen lässt, lieber auf sogenanntes Sexting verzichten.

7. Belästigungen melden: Bei Belästigungen in Chats oder ähnlichen Plattformen genügt es nicht, den Kontakt sofort abzubrechen. Es ist ausserdem wichtig, mit dem Eltern darüber zu sprechen und rechtliche Schritte in Betracht zu ziehen.


Erstpublikation am 9. März 2015 im Migros-Magazin