Warum wir Feminismus immer noch brauchen

An Werbung auf Internetseiten und auch in kostenpflichtigen Printmedien hat man sich ja mittlerweile gewöhnt. Die jüngere Generation (zu der ich mich mit 27 durchaus noch zähle) wächst bereits mit einer Fülle an Informationen auf und lernt beispielsweise durch soziale Netzwerke, irrelevante Inhalte einfach auszublenden. Auch ich schenke Werbung eigentlich keine Beachtung, doch beim heutigen Durchblättern der ZEIT blieb mein Blick an einer Anzeige hängen: Eine junge Frau, geschätzt Anfang 20, steht in einem Laden und hält mit großen Augen und offenem Mund eine Handtasche in beiden Händen. Ein stilisiertes Bild der Freude beim Fund eines potentiellen neuen Lieblingsteils. So weit so gut. Viel mehr beschäftigte mich jedoch der Spruch zum Bild: „180€ Taschengeld von Paps ausgeben.“ (Anzeige einer App, über die man Geld verleihen kann)

Ich bestehe nicht auf geschlechterneutrale Ausdrucksweisen, muss mir kein weißes Dior Shirt für 550€ kaufen und merke dennoch immer wieder: ich bin Feministin. Ich merke es, wenn ich Werbung sehe, die Frauen auf Äußerlichkeiten reduziert und ihnen Passivität und Abhängigkeit zuweist. Wenn ich Filme sehe, in denen selbst starke weibliche Protagonistinnen am Ende von Prince Charming gerettet werden müssen. Wenn ich höre, dass man einer Lehrerin sagt, dass Schüler in der Pubertät sich doch mehr für ihren Hintern als ihren Unterricht interessieren würden. Wenn eine Naturwissenschaftlerin mir erzählt, dass sie von vielen männlichen Kollegen nicht ernst genommen wird. Die Liste ist lang.

Die Bezeichnung Feminismus wird heutzutage als Label für so viele unterschiedliche Ideologien verwendet, dass man eigentlich gar nicht mehr im Singular davon sprechen kann. Ob die Schlammschlachten, die mittlerweile im Rahmen der Gender Studies von Verfechtern verschiedener Theorien geführt werden (beispielhaft sei hier die Debatte zwischen Alice Schwarzer, Judith Butler und Sabine Hark aus der ZEIT zitiert), der Sache als Ganzes betrachtet dienlich sind, sei mal dahingestellt. Fakt ist — und das merke ich in Gesprächen immer wieder — dass allein das Wort Feminismus in den Köpfen vieler Menschen klischeebeladene Assoziationen hervorruft. Manch einer stellt sich vielleicht eine gefühlskalte Managerin vor, die kinder- und kompromisslos Karriere machen will. Ein anderer denkt an junge Frauen mit Herrenhaarschnitt, die mit blanken Brüsten in Großstädten demonstrieren. Feminismus hat viele Gesichter. Das darf jedoch nicht dazu führen, dass die Ziele, für die man sich auf unterschiedliche Arten einsetzt, aus dem Fokus geraten oder die Bewegung als Ganzes ins Lächerliche gezogen wird.

Vielleicht wäre ein Bewusstsein für eben diese Ziele ein erster Schritt. Ein Bewusstsein dafür, wie sehr Sexismus und konservatives Rollendenken immer noch unseren Alltag durchdringen. Ein Bewusstsein dafür, dass der Spruch „Taschengeld von Paps“ eher zu einem 10-jährigen, uneigenständigen Kind passen würde, als zu einer jungen Frau Anfang 20. Wobei mir auch hier nicht einleuchten würde, warum nur der Vater das Taschengeld zahlen sollte. Aber gut, in diesem Beispiel handelt es sich dann sicherlich um einen alleinerziehen Vater. Das Bild, das hier vermittelt wird, ist das einer Paris Hilton-Version, von Beruf Tochter, die sich von „Paps“ ihre Luxusgüter (bei 180€ für eine Handtasche sind wir vermutlich nicht mehr im Niedrigpreissegment) bezahlen lässt. Das verstößt natürlich gegen keine Gesetze, aber es ist Wasser auf den Mühlen derer, die sich in ihrem konservativen Rollenbild bestätigt sehen wollen. Und selbst wenn die meisten Menschen solchen Werbeanzeigen nicht viel Beachtung schenken, so zeigt dieses Beispiel doch deutlich, warum wir Feminismus immer noch brauchen. In einer Welt, die Frauen als passive und abhängige Figuren darstellt, können sie nicht ernst genommen werden. Ein Bewusstsein dafür muss in unseren Köpfen ankommen. Endlich.

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