Candidate Experience — Teil 2: “Sehr geehrte Damen und Herren”
10 Gründe, warum Personaler ihren Namen immer in die Stellenanzeigen schreiben sollten
Teil 1 meiner Candidate Experience-Reihe ist hier zu finden:
“Nutzen Sie nur in den seltensten Fällen die “Sehr geehrte Damen und Herren”-Anrede!”… “Fragen Sie immer nach den Namen des Verantwortlichen!” … “Wenn Sie den Namen nicht nennen sind Sie schon durchgefallen!”— Wer kennt diese Tipps der zahlreichen Karriere-Seiten nicht?
Ich befinde mich derzeit (als Noch-Arbeitnehmer) auf Jobsuche und neben einigen Dingen wie Bullshit-Buzzwords (“schnell wachsend”, "dynamisches Team” etc.) oder unklaren Aufgabenbeschreibungen gibt es eine Sache, die mich besonders stört: Fehlende Ansprechpartner.
Ich möchte hier 10 Gründe geben, warum Personaler immer ihren Namen in die Stellenanzeige schreiben sollten — und warum ich mich nicht nach Ansprechpartnern erkunde.
1. Ihr seid nicht die einzigen, denen ich Bewerbungen schreibe!
Jeder kennt das leidige Lied: Man schreibt nicht eine Bewerbung, sondern oftmals hunderte. Bewerbungen schreiben ist extrem zeitaufwendig (für mich) — ich brauche rund 1 bis 2 Stunden für eine Bewerbung, und das obwohl ich mittlerweile einige Textbausteine aus früheren Bewerbungen nutze. Wenn ich jedes Mal nachfragen oder recherchieren müsste, wer denn der richtige Ansprechpartner ist, würde das noch mehr Zeit kosten — und jeder weiß, wie viel Spaß das Bewerbungsschreiben an sich schon macht.
2. Keinen Namen zu nennen finde ich unhöflich!
Es gibt Gründe, warum Unternehmen keine Ansprechpartner nennen. Etwa wenn der Verantwortliche im Ausland sitzt. Aber mal ganz im Ernst: Gibt es heute noch einen wirklich nachvollziehbaren Grund für die Nichtangabe? Nein, nicht wirklich, selbst in Großunternehmen. Und auch Privatsphäre-Bedenken lasse ich nicht gelten, denn das bringt der HR-Beruf eben mit sich.
Dann gibt es noch die Unternehmen, die wollen, dass man dort anruft und den Namen erfragt. Und genau hier wird es meiner Meinung nach unhöflich. Wie bereits bei Punkt 1 genannt — nicht jeder hat die Zeit, den Namen zu erfragen, insbesondere wenn man tagsüber noch arbeiten muss. Es gibt einfach keinen rationalen Grund für die Nichtangabe.
3. Bewerbungen schreiben kann man rund um die Uhr… Nachfragen nicht!
Ich schreibe als “Eule” Bewerbungen oft in der Nacht — nicht selten schreibe ich noch um 1, 2 Uhr und am Wochenende Bewerbungen. Und da Personaler ja nach Feierabend oder über Wochenende nicht im HR-Büro angekettet und eingesperrt werden ( :-) ), sind die Chancen, jemanden um diese Uhrzeit zu erreichen, nahezu 0.
4. Die wahren Ansprechpartner sind oft andere als angegeben
Selbst wo Namen angegeben wurden antworteten mir oft völlig andere Menschen als angegeben. Oft Trainees oder Nachwuchs-Personaler, häufig wurde die Bewerbung auch an die jeweilige Abteilung weitergeleitet. Aber in diesem Fall wäre mir, wenn ich am anderen Ende sitzen würde, ein unpersönliches “Sehr geehrte Damen und Herren” lieber als ein falscher Ansprechpartner. Oder warum gibt man nicht gleich den richtigen Ansprechpartner an?
5. Warum sich die Mühen machen wenn der Personaler seine Entscheidung schon nach wenigen Sekunden getroffen hat?
Personaler entscheiden schon nach wenigen Sekunden, welche Bewerbung im Papierkorb landet und welche nicht. Man sitzt also ein bis zwei Stunden, vielleicht sogar länger an der Bewerbung, benötigt noch zusätzliche Zeit, um den Namen in Erfahrung zu bringen, und am Ende landet die Bewerbung dann doch nur im (digitalen) Papierkorb.
6. Warum Arbeit investieren wenn der Personaler das schon nicht tut?
Als Arbeitssuchender mit (noch halbwegs) funktionierendem Hirn muss ich sagen, dass die große Mehrheit der Stellenanzeigen unglaublich schlecht ist. Das sehen laut einer YouGov-Studie von 2014 auch 35% der Bewerber so.
Viele Stellenanzeigen sind einfach 08/15, lieblos zusammengeklatschte Textbausteine voller austauschbarer Floskeln und Bullshit-Buzzwords. Viele Annoncen haben auch mangelhafte (oder auch zu viel) Aufgabenbeschreibungen oder unverschämt überzogene Profilanforderungen, Stichwort Eierlegende Wollmichsau. Aber das ist Thema eines weiteren Textes und soll an dieser Stelle nicht weiter erläutert werden.
Wenn also der Personaler schon die Stellenanzeige hinrotzt, warum sollte ich mir als Bewerber mehr Mühe machen? Wenn die Stellenanzeige schon 08/15 ist, warum sollte meine Bewerbung dann 09/16 sein?
7. Nachfragen kostet beiden Parteien unnötig Zeit!
Was ich schon in Punkt 1 und 2 angedeutet habe, möchte ich hier auch mal aus anderer Perspektive beleuchten: Jede telefonische Nachfrage kostet sowohl dem Bewerber, als auch dem Personalverantwortlichen unnötig Zeit — insbesondere da letzterer ja ebenfalls im Bewerbungsprozess (wenn auch auf der anderen Seite des Tisches) steckt und vielleicht schon Bewerbungen anderer durchguckt. Wie schon gesagt: Es gibt keinen rationalen Grund für die Nichtangabe, denn das Nachfragen verschwendet für beide Parteien nur unnötig Zeit und Energie.
8. Ich hasse Telefonieren!
Okay, hier wird es persönlich: Ich bin kein Fan von Telefonaten. Ich kriege schon Herzrasen, wenn ich zu Telefoninterviews eingeladen werden. Ich schreibe lieber E-Mails— Hier kann ich jedes Wort genauestens abwägen. Und schnelle E-Mail-Antworten sind selbst heute noch nicht immer gang und gebe (Aber mal unter uns: Manchmal lasse ich mir auch Zeit mit der Antwort).
9. Persönliche Nachfragen tragen absolut NICHTS zum positiven persönlichen Gesamteindruck bei — weder beim Bewerber, noch beim Personaler.
Okay, diesen Punkt kann ich nicht zweifelsfrei belegen, da ich die Erfahrung noch nicht gemacht habe (deshalb auch dieser Blogpost ;-) ), aber ich behaupte, dass ein Anruf beim Unternehmen absolut nix zum positiven Eindruck beiträgt — weder beim Bewerber noch beim Personalverantwortlichen. Vielleicht kann mich ja hier jemand vom Gegenteil überzeugen.
10. Schon mal was von Candidate Experience gehört?
Bei “Candidate Experience” geht es die Erfahrungen, die ein Bewerber vom ersten Kontakt bis zur Einstellung mit dem Unternehmen während seiner Bewerbungsphase sammelt. Sich erst die Mühen machen müssen, die ein Personaler oftmals leider nie selber machen würde zeugt nicht von einer positiven Candidate Experience. In einer Studie der Unternehmensberatung meta HR über die Candidate Experience kam heraus, dass 80 Prozent der Bewerber sich einen persönlichen Ansprechpartner mit Namen und Kontaktdaten wünschen. Warum also, liebe Personaler, verzichtet ihr trotzdem auf die Nennung?
Da man in diesen Zeiten leider nicht mehr ohne Warnung oder Anmerkung auskommen kann, weil Menschen von fast allem getriggert werden:
Liebe Mitbewerber: Ich sage jetzt nicht, dass ihr nicht mehr anrufen braucht. Wenn ihr das macht, super!
Ich sage jetzt auch nicht, dass man nur noch das “Sehr geehrte Damen und Herren” benutzen sollte. Wenn Ansprechpartner genannt sind sollte man die auch nutzen. Und ein bisschen Eigenrecherche auf dem Karriereportal sollte jeder machen. Von mir auch eine kurze Google-Suche. Aber nicht mehr.
TL;DR: Die Namen sollten immer in der Stellenanzeige stehen. Wenn schon nicht in der Anzeige, dann wenigstens im Karriere-oder Team-Portal des Unternehmens.
