Azubi sucht Wohnung

Alternative Wohnkonzepte für internationale Azubis im Pflegebereich

Robert Leonard Mayer
Nov 6 · 9 min read

„Pflegenotstand“ als Begriff ist keineswegs ein junges politisches Schlagwort. Seit den Sechzigerjahren entstehen Debatten über die mangelnde Versorgung alter und kranker Menschen in Deutschland. Die jüngsten Zahlen der Bertelsmann-Stiftung versprechen wenig Aussicht auf Besserung: Bereits jetzt sind in jeder Einrichtung im Schnitt 4,3 Stellen unbesetzt — die Arbeit der unbesetzten Stellen fällt jedoch nicht einfach weg und muss von den übrigen Mitarbeitern zusätzlich erledigt werden. Um diesen akuten Mangel auszugleichen, müssten schnellstmöglich tausende Pflegekräfte rekrutiert werden. Hinzu kommt die zunehmende Alterung der Bevölkerung, welche das Problem in den nächsten Jahrzehnten auf das Doppelte wachsen lässt.

Bis 2050 soll die Zahl der pflegebedürftigen Personen von 2,5 auf 4,7 Millionen steigen. Dagegen sind bereits heute 61% der Stellen für Pflegekräfte nicht besetzt.

Der aktuelle Plan vieler sozialer Einrichtungen ist, aus Gründen des Erhalts des Pflegestandards, der Bindung zum Standort und der Zeit der Integration, eine langfristige Reduktion der internationalen Mitarbeiter und eine Steigerung der internationalen Auszubildenden. Ziel des internationalen Azubis ist in erster Linie ein legaler Weg nach Deutschland und damit eine bessere Zukunft für sich und seine Familie.

Bis zur Ankunft in Deutschland steht der Azubi und die soziale Einrichtung vor allem vor bürokratischen Hürden (vgl. Azubi Journey), beim Eintreffen der Azubis in Deutschland hängt jedoch die Schlüsselfragen für eine gelungene Integration eng mit dem Prozess der Wohnungsfindung zusammen, welcher sich beim aktuellen Problem des Wohnungsmangels, vor allem in Großstätten als äußerst schwierig erweist.

„Der Wohnungsmarkt in Deutschland ist leergefegt! Wir müssen uns nach neuen Wegen der Wohnungsfindung umschauen.“

Wie könnte sich demnach ein Service gestalten, welcher die Wohnungsfindung, das Image der internationalen Azubis sowie die interne Organisation sozialer Einrichtungen verbessert?

Zusammen mit Studierenden der Hochschule für Gestaltung Schwäbisch Gmünd entsteht ein Wohnungsfindungsprozess aus drei alternativen Wohnkonzepten:

Konzept 1: Wohnen für Hilfe

Wohnen für Hilfe bietet Auszubildenden kostengünstigen Wohnraum. Dafür helfen sie dem Wohnpartner im Haushalt. Die Hilfe, die zwischen Wohnraumgeber-/in und Auszubildenden vereinbart wird, kann alle Bereiche des täglichen Lebens betreffen. So helfen sie beispielsweise im Haushalt oder Garten, begleiten diese bei Arztbesuchen oder gehen gemeinsam spazieren.

Das Referenzprojekt „Wohnen für Hilfe“, welches von diversen Studierendenwerken für Studenten angeboten wird, zeigt, dass Wohngemeinschaften zwischen ältere Menschen und Studenten gelingen können. Wie erfolgreich bereits die Wohnungsvermittlungen zwischen Studenten und beispielsweise Senioren sind, zeigt der Evaluationsbericht der Universität Köln, die das Projekt seit 2009 wissenschaftlich begleitet. Ein Auszug aus dem Bericht zeigt, dass im Jahr 2017 81 Wohnpartnerschaften geschlossen wurden. Seit Beginn von Wohnen für Hilfe im Jahr 2009 konnten insgesamt 583 Wohnpartnerschaften geschlossen werden.

Userstory:
Der 71-jährige Hans Schuhmann ist alleinstehend. Oft fühlt er sich im Alltag in seiner großen Wohnung alleine, die über viel Platz verfügt.

„Ich hatte freien Platz und wollte meiner Wohnung mehr Leben einhauchen.“ — Hans Schumann, Senior

In derselben Wohnung lebt seine Wohnpartnerin Elma, die eine Ausbildung zur Pflegerin in Deutschland absolviert. Etwas über 20 Quadratmeter ist ihr Zimmer groß. Für ihr Zimmer zahlt Elma einen geringen Betrag. Stattdessen hilft sie im Alltag — eine Stunde im Monat pro Quadratmeter Wohnfläche.

„Ich habe meine Privatsphäre, auch Besuche von Freunden sind kein Problem. Gleichzeitig ist immer jemand da, mit dem ich mal reden kann.“ — Elma Dnan, Internationale Auszubildende

Zusammengebracht hat die beiden das Projekt Wohnen für Hilfe. Bei einem gemeinsamen Treffen lernten sich Hans und Elma kennen. An erster Stelle muss das Zwischenmenschliche stimmen. Bei Hans und Elma hat die Chemie auf Anhieb gestimmt. Zusätzlich wird geklärt in welchem Rahmen Hilfe gesucht und angeboten wird.

Konzept2: Wohnen in Omas Stube

Beim Umzug ins Pflegeheim stehen Beteiligte oftmals vor der emotionalen sowie finanziellen Frage, was mit der eigenen Wohnung passiert. Vielen fällt es schwer auf Anhieb die Wohnung oder das Haus aufzugeben — sind aber beinahe dazu gezwungen, um die Pflegekosten finanzieren zu können. Wohnen in Omas Stube unterstützt im Entscheidungsprozess, in dem der leerstehende Wohnraum von Auszubildenden bezogen werden kann. Der bereits möblierte Wohnraum wird erhalten und die Pflegekosten können gesenkt werden.

Userstory:
Die 82-jährige Elsa Zimmer lebt seit dem Auszug ihrer Kinder und ihres verstorbenen Mannes alleine in ihrer großen Wohnung. Aufgrund ihrer täglichen Altersbeschwerden und angehenden Demenz fällt ihr der Alltag zunehmend schwerer und sie ist auf tägliche Hilfe angewiesen. Der Umzug in ein Pflegeheim ist die beste Lösung. Doch kommt die Frage auf was mit der eigenen Wohnung passiert.

„Mit meiner Wohnung verbinde ich so viele schöne Erinnerungen — ein Erinnerungsstück, welches ich nicht einfach aufgeben möchte.“

Amar und Ekrem, die beide eine Ausbildung zum Pfleger in Deutschland absolvieren, freuen sich über eine bereits möblierte Wohnung. Bei all den Kosten ist es oftmals schwer eine neue Wohnung einzurichten und Geld für Möbel aufzubringen. Gemeinsam ziehen sie in die Wohnung von Elsa. Sie ist froh darüber, so ihre Wohnung erhalten zu können.

„Ich kann es mir nicht leisten eigene Möbel zu kaufen, da ich ein Teil meines Verdienstes an meine Familie schicken möchte.“

Konzept3: Optimierung der Wohnraumfindung

Damit eine erfolgreiche Wohnungssuche gelingen kann, ist es wichtig neben dem Aufzeigen von alternativen Wohnkonzepten den herkömmlichen Wohnungsfindungsprozess zu optimieren sowie die neuen Konzepte in diesen einzugliedern. In vier Schritten gelangt der Auszubildende mit Hilfe der Einrichtungsleitung zu einer finanzierbaren und konfliktfreien Wohnung. Die am Prozess beteiligten Personen sind der Auszubildende, die Einrichtungsleitung und der Wohnungsgeber.

Schritt1: Wohnungsdefinition
Bei der Wohnungsdefinition muss vor allem der Auszubildende miteinbezogen werden. Fragen nach Wohnungswünschen der Auszubildenden oder welche Wohnkonzepte diese sich überhaupt vorstellen können, werden hier geklärt. Daraus ergibt sich ein individuell abgestimmtes Wohnungsprofil. Des Weiteren können neue Wohnkonzepte mit Hilfe eines Interviewleitfadens abgetastet werden. Während dem Vorbereitungsjahr in ihrem jeweiligen Heimatland erstellen die zukünftigen Auszubildenden mit Hilfe der Zieglerschen eine Art Bewerbungsprofil. Auszubildende haben so die Chance sich im Vorfeld mögliche Wohnungsgeber vorzustellen, damit diese einen ersten Eindruck gewinnen können. Die persönliche Geschichte, Hobbys sowie Interessen sollen hierbei im Vordergrund stehen.

Schritt2: Wohnungssuche
Mithilfe des bereits oben genannten Wohnungsprofils kann die Einrichtungsleitung nach Wohnraum und neuen potenziellen Wohnungsgeber suchen. Innerhalb der Suche müssen neben den herkömmlichen Wegen neue Möglichkeiten, passende Wohnungen zu finden, aufgezeigt und eingeschlagen werden. Ziel ist es in erster Linie über alternative Wohnkonzepte aufmerksam zu machen und aufzuklären sowie das Vertrauen neuer Wohnungsgeber zu gewinnen.Zusätzlich gelten Fragen wie beispielsweise der Prozess auf andere soziale Träger ausgeweitet werden kann, die Zieglersche Teil von aktuellen Wohnungsportale werden kann oder wie diese sich gegenüber Wohnungsportale auf dem Wohnungsmarkt durchsetzen können, zu beantworten. Die nachfolgende Grafik zeigt Wege der Kommunikation sowie potentielle Wohnungsgeber auf. Die jeweilige Relevanz für die entsprechende Zielgruppe ist farblich hierarchisiert.

Schritt3: Wohnungsberatung
Bei der persönlichen Beratung von Wohnungsgebern können alternative Wohnkonzepte abgestimmt und individuell angepasst werden. Damit eine Wohnpartnerschaft gelingen kann, ist vor allem der persönliche Austausch und das gegenseitige Kennenlernen von großer Bedeutung. Im Rahmen von “Wohnen auf Probe“ haben sowohl der Wohnungsgeber als auch der Auszubildende die Chance, das mögliche Zusammenleben abzutasten. Bei beidseitiger Zustimmung wird gemeinsam mit den Zieglerschen ein auf die Wohngemeinschaft angepasster und individueller Mietvertrag aufgesetzt. Zusätzlich können weitere Fragen und Bedürfnisse geklärt und ein Regelplan aufgestellt werden.

Schritt4: Wohnungsunterstützung
Der Wohnungsfindungsprozess soll als ganzheitlicher Service verstanden werden. Von Beginn an stehen die Zieglerschen beiden Parteien zur Seite. Sollten Komplikationen, Fragen oder Konflikte innerhalb der Wohnpartnerschaft sowie zwischen Vermieter und dem Auszubildenden auftreten, stehen die Zieglerschen jederzeit zur Verfügung. Sie übernehmen Verantwortung und versuchen als beratende Instanz gemeinsam Lösungen zu finden.

Wie wird die Idee Lebendig?

Die unterschiedlichen Alternativen der Wohnraumfindung sind ein wichtiges Kernelement, wenn es darum geht internationalen Auszubildenden Wohnraum zur Verfügung zu stellen. Entscheidend ist jedoch vor allem, dass die Idee und die Strategie Anwendung finden.

Zu diesem Zweck sollen die Alternativen in einem geschützten und kleinen Rahmen getestet werden. Ein so genanntes Pilotprojekt soll in einzelnen Einrichtungen der Zieglerschen gestartet werden. Ziel ist es die Konzepte zu testen und zu optimieren. Wichtig ist ebenfalls die Verbreitung der Informationen zur Wohnraumfindung innerhalb der Zieglerschen.

In der nächsten Ausbaustufe soll das Pilotprojekt schließlich innerhalb der Zieglerschen flächendeckend getestet und zur gängigen Anwendung werden. Das in Phase eins erlangte Wissen soll nun mit anderen sozialen Trägern geteilt werden um einen Grundstein für potentielle Kooperationen zu legen.
Dies soll näher an eine mögliche Vision führen, in der es eine Zusammenarbeit der unterschiedlichen sozialen Träger geben kann. Wünschenswert wäre, dass die Wohnungsfindung in diesem Schritt aus der federführenden Hand der Zieglerschen gegeben wird und beispielsweise von dem (link: text: Verband für Digitalisierung in der Sozialwirtschaft target: blank) geleitet wird. Eine wichtige Erweiterung besteht darin, dass der Service keineswegs den internationalen Auszubildenden vorbehalten sein sollte. Gewünscht ist eine Ausweitung auf alle Auszubildende. Somit kommt die Initiative allen Beteiligten zu Gute.

Interne Kommunikation
Der Fokus des Semesterprojektes liegt darin, den Zieglerschen die besten Möglichkeiten an die Hand zu geben, um ein solches Pilotprojekt zu initiieren. Hierfür ist ein wichtiger erster Schritt die Kommunikation innerhalb der Zieglerschen zu gewährleisten. Das Kommunikationsmaterial besteht hierbei aus einem kurzen Erklärvideo, das die Problemstellung sowie die Maßnahmen einfach und schnell verdeutlicht.

Dieses wird unterstützt von einer Website, auf der die wichtigsten Punkte nochmals aufgezeigt werden. Inhalt ist somit das Video selbst, die Erklärung der alternativen Konzepte und der detaillierte Prozess der klassischen Wohnraumfindung. Dieser zeigt die aktuellen Schritte, explizite Problemfelder sowie Lösungsansätze auf. Im Anschluss kann sich der Betrachter direkt mit dem leitenden Koordinator in Verbindung setzen und somit Teil des Prozesses selbst werden.

Externe Kommunikation
Stehen die Zieglerschen gemeinsam hinter der Idee wird der Schritt nach Außen getan. Es werden Partner, vor allem potentielle Wohnungsgeber, gesucht. Hierzu wurde je ein Flyer zu den alternativen Konzepten entwickelt. Diese stellen die Maßnahmen mit dem höchsten Nutzen pro Aufwand Verhältnis dar. Sie können den potenziellen Wohnungsgebern in persönlichen Gesprächen präsentiert werden. Die Thematik wird erklärt und der Betrachter wird über die alternativen Konzepte aufgeklärt. Der Flyer selbst beinhaltet hierbei persönliche Inhalte, wie Zitate und Erfahrungsberichte von Azubis und Wohnungsgebern, die selbst bereits in einer der ungewöhnlichen Wohnsituationen waren oder sind.

Das Herzstück ist ein so genanntes Inlay, ein eingelegtes Papier, das die internationalen Azubis vorstellt. Es zeigt die aktuellen Auszubildenden, die eine Wohnung suchen. Ein kurzes Portrait informiert über sie und erhöht die Vertrautheit und Zuneigung der potentiellen Wohnungsgeber. Dies ist ausgesprochen wichtig, da Deutsche in der Wohnungssuche oftmals bevorzugt werden. Das Inlay ist als Template verfügbar und kann somit jedes Jahr und je nach Standort mit aktuellen Daten gefüllt werden.

Fazit

Die beschriebenen Lösungsansätze sind ein erster Schritt, um internationalen Auszubildenden mehr Wohnraum zur Verfügung stellen zu können, dazu müssen aber:

  • Die Relevanz der Wohnraumfindung in sozialen Einrichtungen verstärkt kommunizieren und Infomaterial verteilen werden
  • Potenzielle Wohnungsgeber gezielt auf die alternativen Wohnkonzepte angesprochen werden
  • Erfahrungen gesammelt und die Konzepte überarbeitet werden
  • Erste Verträge ausarbeiten und die Alternativen vereinzelt an Pilotprojekten getesten werden.

Dieser Artikel und dessen Konzepte entstanden in einer Kooperation aus Master-Studenten des Studiengangs „strategische Gestaltung“ der HfG schwäbisch Gmünd und des diakonischen Unternehmens „die Zieglerschen“. Im laufe des Projektes wurden qualitative Interviews mit sowohl internationalen Azubis (n=4), den Zieglerschen(n=2) als auch Wohnungsgebern(n=2) durchgeführt.

Robert Leonard Mayer

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I’m an interdisciplinary designer and UX researcher. My project deal with the interactions between people, technology and information.(robertleonardmayer.com)

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