Der Mensch als …
Transformationsprozesse zur konversationsgesteuerten Mensch-Maschine-Interaktion aus gesellschatlichem Blickwinkel.
Das viel diskutierte Video „Die Zerstörung der CDU“ des Youtubers Rezo beinhaltet eine einstündige Abrechnung mit der Politik der aktuellen Bundesregierung.[1] Politische Inhalte gab es auf Youtube auch früher, allerdings eher als Nischenphänomen. Dem Influenzer ist es gelungen, aktuelle politische Themen wie den Klimawandel und die Drohnenkriege der USA in das Format eines unterhaltsamen und lockeren Videos zu packen und damit ein Millionenpublikum erreichen. Die politische Botschaft an eine vor allem junge Wählerschicht kurz vor der Europawahl steht in enger Verbindung mit der Nutzung digitaler Medien. Dies ist kein Einzelfall, wie der Erfolg des Projekts „Fridays for Future“[2] oder die Urheberrechts- Demonstrationen[3] zeigen. Für die Generation, die ganz selbstverständlich mit dem Internet aufgewachsen ist, hat sich der Informationsaustausch über die letzten Jahre immer weiter in den digitalen Bereich verschoben. Damit verbunden sind auch Veränderungen der Ausdrucksformen und der Sprache.
Welchen Einfluss hat der Wandel des sprachlichen Ausdrucks auf die Vermittlung von Informationen in einer digitalisierten Gesellschaft und wie verändert er sich im Zuge der Weiterentwicklung digitaler Medien?
Um diese Fragen zu beantworten, gehen wir einige Schritte zurück
und betrachten die Entwicklung zur konversationsfähigen Mensch-
Maschine-Interaktion in ihren Anfängen. Denn prägend für jede Form zwischenmenschlicher Kommunikation über die Jahrtausende ist der Mensch als …

Soziales Wesen
Einer der Gründe für den Aufstieg des Menschen an die Spitze der Nahrungskette ist seine Fähigkeit sozial zu interagieren. Es war stets die Einbindung in eine Gruppe, die es dem Individuum ermöglichte, unter schwierigen äußeren Bedingungen zu überleben. Soziale Zurückweisung oder Isolation bedeuten Stress und aktivieren Alarmsignale im menschlichen Gehirn. Umgekehrt führen gesellschaftliche Einbindung und Anerkennung zu einem ausgeprägten Belohnungseffekt. Jede zwischenmenschliche Kommunikation und daraus abgeleitet auch die Mensch-Maschine-Kommunikation basiert auf sozialen Bedürfnissen und folgt denselben Prinzipien[4]. Der Drang zur Verständigung, zur Absprache und zur Interaktion mit anderen Individuen wird zum Ausgangspunkt der Sprach-entwicklung und damit auch zur Sprachweiterentwicklung, die zu keinem Zeitpunkt zum Stillstand kommt.

In der Medientheorie, begründet nach Herbert Marshall, wird die Zeitspanne seit der Entwicklung des sprachfähigen Kehlkopfapparates vor etwa 1.75 Mio. Jahren bis zur kulturellen Evolution, also der Malerei und Schaffung früher Schriftzeichen, als erste orale Stammeskultur angesehen und folgender-maßen charakterisiert[5]:
- Informationsaustausch entsteht nur im Moment. Die Speicherung
der Information zur Ermöglichung einer genauen Wiedergabe ist ausgeschlossen. - Jedes Wissen ist sozial und lebt in Erinnerungen. Für die Zuhörer uninteressantes Wissen existiert nur einen Moment und wird vom Kollektiv schnell wieder vergessen.
- Die Gesellschaft besitzt das Wissen, nicht ein Individuum.
- Individuen müssen präsent sein, um Informationen austauschen zu können. Jede Kommunikation ist damit partizipativ und unmittelbar.
- Durch den Mangel an Wörterbüchern oder maßgeblichen Quellen verändern sich Sprachen konstant weiter und existieren nur im Jetzt.
Meister der Sprache
Seit der oralen Stammeskultur ist Sprache von fundamentaler Bedeutung für die soziale menschliche Kommunikation. Obwohl andere Formen
der Verständigung, wie Mimik oder Gestik, gleichermaßen expressiv sein können, benutzen Menschen kulturübergreifend in erster Linie Sprache, um zu überzeugen, zu informieren und Beziehungen aufzubauen. Im Laufe langer Zeiträume haben sich Menschen zu Sprachexperten entwickelt, wie folgende Beispiele zeigen:
- Stimmliche Charaktereigenschaften: Unbewusst dient Sprache als Träger sozialer Informationen. Bedeutende Eigenschaften und Merkmale, wie z.B. Extrovertiertheit — Introvertiertheit oder Männlich-Weiblich unterscheiden wir schnell und mit hoher Zuverlässigkeit anhand der Stimme.
- Sprachfähigkeit: Selbst Menschen mit einem IQ unter 50 oder Gehirnen mit nur einem Drittel des Normalgewichts besitzen die Fähigkeit zu sprechen. Menschen sind bemerkenswert bereit und fähig mit nichtaktiven Sprechern oder Kindern zu interagieren.
- Sprachaufnahme: Bereits ein Tag alte Babys sind instinktiv in der Lage Sprache von anderen Geräuschen zu unterscheiden. Der kleinste unterscheidbare Sprachsound besteht dabei aus 40–50 Phonemen (kleinste bedeutungsunterscheidende Einheit des Lautsystems einer Sprache).[6]
- Spracherlernung: Die Sprachverarbeitung und Sprachproduktion beginnt bei Kindern mit ungefähr 18 Monaten. Sie lernen im Schnitt acht bis zehn Wörter am Tag. Für die Hirnentwicklung eines Kindes ist das sprachliche Umfeld, in dem es aufwächst, ein bedeutender Faktor. Sprache übt einen permanenten Einfluss auf Struktur und Funktion des gesamten Hirnsystems aus. [7]
Sklave der Sprache
» We are not only the masters, but the slaves of speech. « — Clifford Nass [8]
Diese evolutionäre Anpassung an die Sprache bedeutet allerdings im Umkehrschluss auch, dass unser Handeln unbeabsichtigt durch soziale Hinweise beeinflusst werden kann. Clifford Nass und Scott Brave zeigen in ihrem Buch „Wired for Speech“ auf, dass menschliche Gehirne dazu prädestiniert sind, Gesprochenes auf darin enthaltene soziale Hinweise zu analysieren und automatisch auf assoziierte, vermutete Eigenschaften zu reagieren, selbst wenn es sich um eine vom Computer generierte Stimme ohne Körper handelt. [9]
Gebildetes Wesen
Mit der Weiterentwicklung von Höhlenmalereien vor rund 30.000 Jahren zur ersten Keilschrift vor 6.000 Jahren begann das Zeitalter der gebildeten Kultur. Diese macht lediglich 4% der gesamten Menschheitsgeschichte aus. Sprache in Form des gedruckten Textes erhält eine neue Qualität, sie gibt den Menschen die Möglichkeit, geschriebene Inhalte zu besitzen und wird zu einem Machtfaktor. Menschen müssen nun nicht mehr direkt miteinander in Kontakt treten, um Wissen zu erlangen, sondern können aus Texten lernen und entfremden sich stärker voneinander. Die gebildete Kultur besitzt folgende weitere Kennzeichen:
- Der abgedruckte Text ist ein unabhängiges physisches Objekt. Ideen, können aufgezeichnet und damit gespeichert werden.
- Tragbare abgedruckte Texte ermöglichen einen privaten Konsum. Ein Gesprächspartner wird nicht zwingend benötigt.
- Texte, Schriften und Wörter werden zum Besitz Einzelner. Plagiate
und Wissensverweigerung, z.B wenn Schriften nur einer bestimmten
Kaste zugänglich sind, werden möglich. - Der gedruckte Text vermittelt ein Gefühl der Abgeschlossenheit und Wertigkeit. Einmal gedruckt kann er nicht mehr so einfach verändert werden [10]
Vernetzter „Cyborg“
Mit der Verbreitung des World Wide Webs beginnt eine neue Entwicklung angelehnt an die frühe orale Kultur. Der Philosoph Walter J. Ong definiert diesen Schritt als „Secondary Orality“.[11] Informationen befinden sich im flüssigen Zustand und entwickeln sich konstant weiter. Dies geschieht jedoch im Unterschied zur ersten oralen Stammeskultur mit nahezu endloser Reichweite und beinhaltet die Speicherung aller ausgetauschten Informationen. Die Charakteristika dieser Kommunikation sind:
- Unmittelbarkeit: Es gibt keine Verzögerung mehr zwischen Expression und Empfang von Informationen. Physische Distanzen sind bedeutungslos.(Abb.26)
- Gruppenbezogenheit: Die Zahl der Personen, welche dasselbe zeitgleich hören, sehen und konsumieren können, ist unbegrenzt (Abb.27).
- Konversationsfähigkeit: Dies wird ermöglicht durch Interaktivität
und geringere Formalität (z.B. in sozialen Medien). - Kollaborationsfähigkeit: Antworten werden zum Teil der Nachricht(z.B. Kommentarfelder oder Likebuttons).
- Intertextualität: Entstehende Produkte unserer Kultur reflektieren und beeinflussen einander (z.B. Memes[12])(Abb.28).[13]



Die Möglichkeiten dieser Transformation zeigen sich in Systemen wie Wikipedia. Technologie wird benutzt, um Menschen in einer einzigartigen kollaborativen Leistung zu verbinden. Wissen kann nicht mehr einfach so von Einzelnen besessen oder einem Teil der Gesellschaft vorenthalten werden, da es sich stetig wandelt und jedem mit Internetverbindung verfügbar ist. Damit verbunden sind aber auch die Gefahren der „Secondary Orality“. Wurden beispielsweise Nachrichten in der gebildeten Kultur noch von Reportern geprüft, präzisiert und aufbereitet, sind wir heute einer Informationsflut ausgesetzt, in der ein einzelner Text eventuell nur wenig Wertigkeit besitzt und uns in die Irre führen kann.
Gestalter werden in Zukunft an der Aufgabe mitarbeiten, den Menschen Werkzeuge an die Hand zu geben, die es ihnen ermöglichen im „digitalen Dschungel“ einen sicheren Weg zu finden, ihre Fähigkeiten voll aus-
zuschöpfen und das unvermeidbare Gefahrenpotenzial bestmöglich zu
reduzieren. Funktionelle User Assistance Systemen (UAS) können eine solche Aufgabe erfüllen; Voraussetzung ist in jedem Fall, dass sie am Menschen orientiert gestaltet werden.
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Diese Story ist Teil der Publikation meiner Masterthesis “2029 — Am Menschen orientierte Gestaltung konversationsfähiger Assistenzsysteme”. Die Erkenntnisse der drei “Blickwinkel-Artikel”(Der Mensch als…, Advanced User Assistance System und Natural conversational User Interface) sind:
- Die technologische Entwicklung zur konversationsgesteuerten Mensch-Maschine-Interaktion findet seine Entsprechung auf gesellschaftlicher Ebene im Konzept der Secondary Orality (nach Walter J. Ong).
- Sprachassistenten besitzen das Potenzial, sich in den kommenden Jahren zu digitalen Begleitern zu entwickeln die konversationsfähig und adaptiv in übergreifenden Internet of Things (IoT)-Plattformen agieren.
- Das Voice-User-Interface wird das Graphical-User-Interface nicht ersetzen. Das Mensch-Maschine-Interface wird stattdessen um neue Kommunikationswege erweitert und dadurch natürlicher, konversationsfähiger und multimodaler.
- Aufgabe des Gestalters ist die Entwicklung übergreifender, konversationsfähiger und am Menschen orientierter Assistenzsysteme.

Das Gestaltungsergebnis der Publikation ist die Design Fiction “Willkommen bei den Andersons” → Hier gehts zum Projekt
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Literaturquellen
[1] Rezo. Die Zerstörung der CDU. Online im internet: https://www.youtube.com/watch?v=4Y1lZQsyuSQ [Stand: 24.06.2019].
[2] Neubauer Louisa. Klima-Aktivisten bilden Menschenkette um den Bundestag. Online im internet:
https://www.welt.de/politik/deutschland/article196061839/Fridays-for-Future-Klima-Aktivisten-bilden-Menschenkette-um-den-Bundestag.html [Stand: 24.06.2019].
[3] Meusner Micki. Der umstrittene Artikel 13 sorgt in Wahrheit für mehr Gerechtigkeit. Online im internet:https://www.welt.de/debatte/kommentare/article189986987/Artikel-13-Das-Urheberrecht-sorgt-fuer-mehr-Gerechtigkeit.html [Stand: 24.06.2019].[4] Swaab Dick. Unser Kreatives Gehirn Wie Wir Leben, Lernen Und Arbeiten. Droemer, 2017
[5] Mercator Gerhard. Sprachbetrachtung und Medienrevolutionen. Online im internet:https://home.unileipzig.de/burr/Historisch/Medien/Medienrevolutionen/2002_2003/Vorlesung/Medien_Kulturen_oral.pdf [Stand: 24.06.2019].
[6] Nass Clifford und Scott Brave. Wired for Speech: How Voice Activates and Advances the Human-Computer Relationship. MIT Press, 2007, pos.118–121.
[7] Swaab Dick. Unser Kreatives Gehirn Wie Wir Leben, Lernen Und Arbeiten. Droemer, 2017, s.88–92.
[8] Nass Clifford und Scott Brave. Wired for Speech: How Voice Activates and Advances the Human-Computer Relationship. MIT Press, 2007.
[9] Nass Clifford und Scott Brave. Wired for Speech: How Voice Activates and Advances the Human-Computer Relationship. MIT Press, 2007, pos.2428.
[10] Hall Erika. Conversational design. New York: A Book Apart, 2018,s.12–15.
[11] Ong Walter. Orality and Literacy, the Technologizing of the Word. London and New York: Methuen,1982,
[12] Shifman, Limor. Memes in Digital Culture. The MIT Press, 2014.
[13] Hall Erika. Conversational design. New York: A Book Apart, 2018,s.16–18.
Bildquellen
[Abb. 1] Homunkulus. Online im Internet: http://www.critical-stages.org/17/the-bodys-brain-neurology-in-theatrical-practice [Stand: 01.07.2019].
[Abb. 2] Hall Erika. Conversational design. New York: A Book Apart, 2018, s.11
[Abb. 3] Urlaubspost. Online im Internet: http://www.oh-so-famous.de/general/gallery/die-ersten-instagram-posts-unserer-fussball-stars [Stand: 01.07.2019].
[Abb. 4] Wikipedia. Online im Internet: https://thenextweb.com/in/2011/11/03/wikipedia-opens-india-office-to-promote-regional-participation/ [Stand: 01.07.2019].
[Abb. 5] Meme. Online im Internet: https://www.google.com/search?q=one+does+not+simply+meme&rlz=1C5CHFA_enDE812DE812&source=lnms&tbm=isch&sa=X&ved=0ahUKEwittN2-jvniAhXEZ1AKHeGgBQAQ_AUIECgB&biw=3127&bih=1193 [Stand: 01.07.2019]
