Ist Stillstand schlecht?

Rohpost
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Aug 7, 2018 · 4 min read

Die Menschheit steht unter Strom und kommt nicht los

Es ist ein sommerlicher Abend in einem ICE zwischen Frankfurt und Berlin. Die Sonne steht tief am Himmel und bringt die Bäume am Rande der Gleise zum Leuchten. Sie rauschen an den Fenstern vorbei und verschwimmen dabei zu einer wabernden Masse. Der Zug wiegt seicht hin und her. Gelegentlich wird das Surren der Räder durch ein leises Klacken begleitet.

Photo by Shane Aldendorff on Unsplash

Die Fahrgäste haben es sich gemütlich gemacht. In seliger Ruhe schauen die meisten auf ihr Smartphone. Ihr Finger wischt dabei auf und ab, ihre Augen blinzeln mit einer Mischung aus Neugierde und Müdigkeit. Oft heißt es, dass die Menschen süchtig nach ihren Smartphones sind. Doch wie sie sich an diesem Abend in ihren Geräten verlieren hat fast auch etwas Behagliches an sich.

Plötzlich bremst der Zug sanft und kommt schließlich mitten auf der Strecke zum Stehen. Das Surren ist einer spannungsvollen Stille gewichen. Dann erklingt ein Ton und eine Frauenstimme verkündet, dass sich die Weiterfahrt um wenige Minuten verzögern wird. Die Menschen heben empört den Kopf und grummeln verärgert. Dann wenden sie sich wieder ihren Geräten zu. Gefällt den Menschen ihre digitale Welt besser als die Welt um sie herum? Sprechen sie lieber mit den Menschen in ihren Netzwerken und Chats als mit denen, die neben ihnen sitzen?

Der Mensch braucht den Kontakt

Das Bedürfnis der Menschen nach sozialem Kontakt ist nichts Neues. Es ist die Grundlage, auf der die Menschheit als komplexes System aufgebaut ist. Denn der Austausch zwischen Menschen ist eine notwendige Essenz, die ihr Fortbestehen und ihre Fortentwicklung ermöglicht. Ideen werden im Austausch zwischen Menschen geboren. Und Kinder bekanntlich auch. Es ist also eine Logik der Natur, dass sich viele Menschen nach sozialem Kontakt sehnen.

Sozialer Kontakt ist elementar für den Menschen, Foto: Caroline Hernandez auf Unsplash

Was die Menschen an ihre Bildschirme zieht, ist die Gesellschaft um sie herum, die sich immer schneller verschiebt und verdreht wie eine geheimnisvolle Maschine. Es ist vor allem das Arbeitsleben, das sich zwischen Projekten und Geschäftsreisen aufzulösen beginnt und den Einzelnen immer mehr auf sich alleine stellt. Aber auch andere Lebensbereiche werden brüchig und trennen das Individuum aus ihrer Umwelt heraus. Die digitalen Geräte sind das notwendige Instrument, das es den Menschen ermöglicht, mit Freunden und Familie verbunden zu sein. Warum mit den Menschen im Zug sprechen, wenn man das Gefühl hat, dass man sie ohnehin nicht mehr wiedersehen wird? Bleibende Beziehungen fehlen auch so schon allzu oft.

Photo by rawpixel on Unsplash

Dass Menschen ein solches Gerät bei sich tragen, ist vor diesem Hintergrund also verständlich. Es ist eine clevere Erfindung; und ein Abbild unserer Kultur. Die Geräte geben dem Einzelnen die Freiheit sein Leben zu entfalten und die Möglichkeiten der wandelbaren Welt zu entdecken. Nachdenklich stimmt nur, wie tief viele in die leuchtenden Bildpunkte ihrer Smartphones starren und wie sehr sie sich in den digitalen Netzwerken und Unterhaltungen verlieren. Die Freiheit, die durch die digitalen Geräte entsteht, geben viele unvermittelt wieder auf.

Der Rhythmus hält die Menschen gefangen

Was dabei tatsächlich fehlt, ist das Maß. Die moderne Welt ist ein hektisches, laut flimmerndes Umfeld, das den Menschen ständig unter Strom hält. Offenbar haben viele dabei eine Angst vor der Ruhe und vor dem Stillstand entwickelt. Sie sind wie ein Trommler, der unentwegt auf seine Trommeln und Becken schlägt. Würde man ihm seine Schlagstöcke entreißen, dann würden seine Hände zittern und die Ruhe in den Ohren schmerzen. Viele Menschen haben sich so sehr an die ständige Beschallung gewöhnt, dass es für sie Stress bedeuten würde, den Lärm abzustellen.

Wir sind die Komponisten unseres eigenen Lebens, Foto von Oskar Wimmerman auf Unsplash

Aber wie kann man den einzelnen Trommelschlag genießen und dem Klang der Schallwellen lauschen, wenn sie pausenlos aufeinander folgen? In der schnellen, digitalen Welt ist es kaum möglich, irgendeine Botschaft wirklich zu wertschätzen oder irgendeinen Gedanken ganz zu durchdringen. Leider sind die wirklich schönen Töne auch rar geworden. Viele versuchen mit dem schnellen Rhythmus Schritt zu halten und vernachlässigen dabei die Qualität. Gut Ding will auch in der heutigen Zeit noch Weile haben.

Slow Media: Digitale Entschleunigung

Rohpost hilft bei der Entschleunigung.

Rohpost ist ein alternatives soziales Netzwerk, das bewusst einen anderen Takt vorgibt. Nutzer bleiben hier im Kontakt, indem sie einen kurzen Newsletter an ihre Freunde schreiben. Allerdings kann jeder nur einen dieser Newsletter pro Tag verschicken. Das bedeutet nicht nur weniger Nachrichten, die jeder einzelne bewältigen muss. Es hilft auch dem Autor zu reflektieren und sich auf die wichtigen Dinge zu besinnen. Die gewonnene Zeit können die Nutzer im echten Leben verbringen, mit den Menschen um sie herum.

Als der ICE nach einer halben Stunde noch immer auf dem Gleis wartet, haben einige der Fahrgäste ihr Handy inzwischen weg gelegt. Eine Frau hat sich in ein Buch vertieft und macht sich gelegentlich Notizen am Rand der Seite. Ein anderer hängt seinen Gedanken nach, während er in die sommerliche Landschaft schaut. Manchmal brauchen Menschen ihre Umwelt, um sie aus dem Takt zu reißen und für einen Moment der Stille zu sorgen. Auf dieser Zugfahrt war der Stillstand mit Sicherheit für viele Passagiere ein Gewinn.

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