Warum ich eine Social Media Diät mache

Rohpost
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Feb 25, 2018 · 5 min read

By Mara Ziemann

Ich sitze auf dem Sofa und möchte meinen Film starten. Mein Blick wandert zum Küchenschrank und der Ruf nach Schokolade wird immer lauter in mir. Doch den Weg zum Schrank kann ich mir sparen, denn meiner Schwäche bewusst, habe ich im Supermarkt die Süßwarenabteilung ausgelassen. Ganz nach dem Motto: Was ich nicht habe, kann ich auch nicht essen. Ich schätze, dass ich mit dieser Strategie nicht die Einzige bin.

Das Offline-Leben genießen. By Jake Melara on Unsplash

Was mir vor kurzem aber zum ersten Mal begegnet ist: Eine meiner Freundinnen hat dieselbe Strategie auch auf ihren WLAN-Zugang angewendet. Nach ihrem Umzug in eine neue Wohnung hat sie bewusst darauf verzichtet sich einen Internet-Anschluss anzuschaffen, damit sie gezwungen ist weniger Filme zu schauen und weniger privat im Internet zu surfen. Aber so wie ich in Zeiten der Schwäche manchmal doch noch abends zum Späti laufe und mir die ersehnte Schokolade kaufe, so schummelt auch sie manchmal. Nach einem gemeinsamen Essen bei mir zuhause lädt sie sich dann noch zwei Folgen von The Crown runter.

Brauchen wir mehr Selbstkontrolle?

Mich hat das zuerst verwundert. Sollte man sich nicht selbst unter Kontrolle haben, anstatt zu solchen Mitteln greifen müssen? Mir schien es übertrieben. Und auch so unpraktisch. Doch dann fing ich an, genauer darüber nachzudenken. Sollte ich nicht auch mehr auf meinen Internetkonsum achten? War ich einfach nur zu faul um zu erkennen, dass ich etwas dagegen tun musste?

Wie oft lag ich schon im Bett, schaute eine Serie und war dabei schon längst müde. Eigentlich war mein Plan, nur die eine Folge zu Ende zu schauen. Aber dann kam der Cliffhanger und die nächste Folge wurde am Bildschirmrand eingespielt. Zumindest die ersten 5 Minuten konnte ich mir ja noch anschauen, oder? Und schon waren es wieder nur sechs Stunden Schlaf in dieser Nacht. Immerhin war ich beruhigt, dass Daredevil noch am Leben war. Auch YouTube gehört zu meinen Guilty Pleasures. Oft schaue ich ein bis zwei Videos beim Frühstück. Praktisch: Unter “Empfehlungen” wird alles, was mir gefallen könnte, direkt angezeigt.

Das Heimkino ist immer zum Greifen nah. Photo by Georgia Vagim on Unsplash

Scheinbar gehöre also auch ich dazu. Nämlich zu den Konsumenten von Internet-Junkfood. Doch was kann ich dagegen tun? Meine Freundin steht mit ihrem fehlenden Internetanschluss gar nicht so alleine da. Digital Detox verbreitet sich vor allem in den USA gerade als neuer Trend. Es geht darum, einfach mal zwei Wochen komplett auf Smartphones, Computer und Internet zu verzichten. Veranstaltet wird das gerne in Kombination mit einem Yoga-Retreat oder Naturwanderungen. Yoga und Waldspaziergänge sind an sich natürlich super. Allerdings erinnert mich das Ganze auch an eine Crash-Diät, die bekanntlich nur selten einen wirklich langfristigen Effekt haben. Für mich wäre so ein Retreat vielleicht ein interessantes Experiment, ein befreiender Urlaub. Aber für den Alltag brauche ich etwas anderes.

Kontrolle zurückgewinnen

Mir scheint: In unserem Alltag bestimmt uns besonders das, was wir besitzen. Eine andere Freundin hatte Jahre lang aus Prinzip kein Smartphone bessen. Sie hatte selbst dann noch keins, als sich sogar meine Mutter eines angeschaffte. Damals hat sie sich immer über die Menschen beschwert, die in der U-Bahn wie Zombies an ihren Handys kleben. Sie betonte dann immer, dass sie danach “Null Bedürfnis” hätte. Dann kam das nächste Weihnachten und damit ein neu geschenktes Smartphone. Heute kenne ich kaum einen Menschen, der sich so viel auf YouTube bewegt wie sie. Sie hat sogar eine eigene WhatsApp-Gruppe für Katzenfotos gegründet.

Mit Katzen sollte man lieber im echten Leben Zeit verbringen. Photo by Mikhail Vasilyev on Unsplash

Ich finde es bemerkenswert, wie jemand, der wirklich gar kein Bedürfnis und keinen Verwendungszweck für ein Smartphone gesehen hat, nur durch den Besitz eines solchen Geräts vollständig umgekehrt wurde. Wie stark müssen die Mechanismen sein, die einen Menschen etliche Stunden täglich an das Smartphone binden, obwohl er zuvor nie ein Bedürfnis danach hatte?

Man könnte sagen: Wer sich schlecht ernährt oder zu viele Serien im Internet schaut, hat zu wenig Selbstbeherrschung. Aber ich sehe das anders. Es hat auch etwas mit unserem Menschsein zu tun. Wir sind alle empfänglich für Dinge, die uns ein gutes Gefühl geben. Bei manchen ist es Schokolade, bei anderen sind es 200 Likes unter einem Bild auf Instagram.

Geschmacksverstärker, Zucker und Likes wirken nur so gut, weil sie dafür gemacht wurden uns dieses schnelle, kleine Glück zu geben, nach dem wir alle suchen.

Das zeigen übrigens auch Studien zu unserem Internetkonsum. 2017 haben wir Deutschen durchschnittlich 2 Stunden und 19 Minuten pro Tag privat im Internet verbracht. Davon haben wir 45 min in Medien und über 1 Stunde in soziale Netzwerke investiert. Haben wir alle keine Selbstbeherrschung?

Soziale Medien machen uns süchtig

So wie die Lebensmittelindustrie Glutamat und Hefeextrakt als Mittel einsetzen, um die Konsumenten an ihre Produkte zu binden, so haben auch die Medien und sozialen Netzwerke entsprechende Methoden entwickelt. Sich über diese Funktionen bewusst zu werden, ist der erste Schritt, um die Kontrolle wieder zurück zu gewinnen. Nur so erhalten wir als Nutzer die Kraft, nicht alles mitzumachen, was uns angeboten wird.

Es ist Zeit, dass wir uns frei machen. Photo by Luca Upper on Unsplash

Wie bei meiner Ernährung möchte ich auch einen gesunden Konsum von sozialen Medien entwickeln, den ich langfristig beibehalten kann. Ich habe nun beschlossen, mit den kleinen Dingen anzufangen. Ich lasse zum Beispiel mein Handy öfters beim Einkaufen zu Hause. Außerdem schalte ich es grundsätzlich auf stumm und schaue erst gar nicht drauf, wenn ich mit Freunden unterwegs bin. Außerdem hilft es mir, regelmäßige Hobbys zu haben. Wenn ich zum Beispiel abends beim Spanischkurs oder beim Sport bin, kommt mir mein Handy gar nicht in den Sinn. Verpasst habe ich deshalb noch nichts.

Wirklich etwas bewegen können wir aber nur als Gesellschaft. Seit sich mehr Menschen mit ihrerer Ernährung beschäftigen, gibt es in vielen Cafés laktosefreie Milch und Supermärkte mit Bio-Produkten. Wenn wir uns über unsere Intoleranz für ungenießbare Online-Kommunikation bewusster werden, können wir auch eine bessere Kultur im Internet erreichen.

Wir brauchen gesunde Alternativen. Soziale Netzwerke, die frei von Zusatzstoffen sind und mit dem Menschen im Einklang stehen. Und wenn es diese Alternativen noch nicht gibt, dann bauen wir sie eben selbst. Das haben wir uns zumindest gedacht und deshalb die App Rohpost ins Leben gerufen. Rohpost bindet nicht Menschen an eine Plattform. Rohpost verbindet Menschen miteinander. Wir wollen, dass die Plattform in den Hintergrund rückt und Platz für das echte Leben macht. Wir wollen, dass sich Menschen wieder füreinander interessieren und ihre ehrlichen Gedanken und Emotionen teilen — nicht Likes und Follower sammeln.

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