Jesus Christus als Vorzeichen meines Lebens
Glaubenszeugnis zum Guter-Hirte-Sonntag 2014
Liebe Schwestern,
liebe Brüder,
im heutigen Evangelium haben wir davon gehört, dass Jesus sich als die Tür bezeichnet, die zu den Schafen führt. Der Evangelist Johannes sagt zu uns über Jesus: „Ich bin die Tür; wer durch mich hineingeht, wird gerettet werden…“.
Bei der Betrachtung dieser Stelle hat mich vor allem der schlichte Vergleich Jesu angesprochen. Wie oft gehen wir am Tag durch Türen? Wir nehmen sie meistens gar nicht mehr wahr. In der Regel wissen wir auch, was uns erwartet, wenn wir durch eine Tür hindurch gehen. Wir betreten unser Zuhause, unseren Arbeitsplatz, vielleicht auch die Schule oder Universität. Türen sind für uns alltäglich.
Und nun Jesus selbst als Tür! Mit dem Angebot: „wer durch mich hineingeht, wird gerettet werden“!
Ein wunderschöner Vergleich! In meinem persönlichen Glauben versuche ich genau dies zu verwirklichen. Ich versuche meinen Alltag durch Christus zu begehen. Was so einfach klingt, ist tatsächlich mit einem hohen Anspruch verbunden und nicht immer leicht.
Manchmal stehen wir vor vielen Türen und wissen gar nicht, welche nun die richtige ist.
Auch im übertragenen Sinne, werden uns heute viele verschiedene Türen angeboten, die auf unterschiedliche Wege führen. Es gibt unzählige Möglichkeiten, seine eigene Berufung zu leben. Der Arbeitsmarkt wird immer ausdifferenzierter und gerade jungen Menschen fällt es immer schwerer, ihre Berufung zu entdecken.
Ebenso ist es in der Freizeit. Wir entspannen beim Power-Workout, beim Yoga, beim Fußball, beim Wandern, im Kino, am Strand, in den Bergen. Unsere heutige Gesellschaft hat Vieles zu bieten.
Ich selbst beschäftige mich gerne mit der Frage, wie man das Leben gut im Einklang von Beruf und Freizeit leben kann. Ich glaube vielen Menschen geht es heute so, dass sie sich mit der Vielfalt der Angebote überfordert fühlen. Seelische Erkrankungen wie Depressionen oder Burn-Out haben in den letzten Jahren stark zugenommen. Vor diesem Hintergrund boomt die Wellnessindustrie und der Einklang von Arbeit und Leben wird heutzutage unter dem schönen Stichwort der „Work-Life-Balance“ propagiert und den Menschen in Kursen neu beigebracht.
Dabei müssen uns diese Dinge meiner Meinung nach gar nicht neu beigebracht werden. Wenn wir Christus einmal nicht als Tür sehen, sondern als Tor, das größer ist als alle Türen und vor allen Türen steht, dann ist er das Vorzeichen, an dem wir unser Leben ausrichten können.
Genau dies ist für mich einer der Hauptgründe, warum ich mich auf den Weg gemacht habe, Priester werden zu wollen. Ich möchte Christus zum Vorzeichen meines Lebens machen. Dies ist noch nicht das Besondere am Priestertum, da jeder Getaufte Christus als Kleid angezogen hat und somit das Leben unter sein Vorzeichen gestellt wurde. Jedoch fasziniert es mich aus diesem Vorzeichen, man kann auch sagen aus diesem Vorbild heraus, den Menschen zu dienen und die Tür bzw. für mich eher das Tor aufzuzeigen, welches den Weg zum Leben hin öffnet.
Auf meinem Berufungsweg hat mich mein früherer Heimatpfarrer dabei sehr geprägt. Ich weiß gar nicht, ob ich mich jemals intensiv mit ihm über Jesus unterhalten habe. Es wird mit Sicherheit vorgekommen sein. Jedoch hat mich sein vorbildhaftes Leben viel mehr geprägt und fasziniert, als es mir selbst heute wahrscheinlich bewusst ist. Kurz vor seinem Tod vor zwei Jahren habe ich ihn nochmal besucht und nach diesem letzten Gespräch ist mir aufgegangen, dass er es verstanden hat, Jesus als das Tor zu begreifen, durch das wir gehen dürfen. Er hatte Jesus als das eine Vorzeichen seines Lebens begriffen und darüber hat er mich und viele andere sehr angesprochen.
Anfänglich habe ich davon gesprochen, dass es nicht immer leicht ist, durch diese Tür zu gehen, die Christus uns anbietet, ja dass es sogar mit Anspruch verbunden ist. Diesen Anspruch verbinde ich vor allem damit, Christus kennenzulernen. Ich möchte mit ihm in Beziehung treten und er bietet uns dafür unzählige Möglichkeiten an.
Im Priesterseminar stellen wir Seminaristen uns oft die Frage, wie Jesus selbst in den gegebenen Situationen gehandelt hätte. Keine leichte Frage. Natürlich gibt uns die Heilige Schrift eine gewissen Orientierung, aber wir diskutieren auch oft kontrovers, da nicht jede Schriftstelle von jedem gleich ausgelegt wird.
Ich denke aber, um Christus zu begegnen, ist die Auseinandersetzung mit ihm durch die Worte des Evangeliums unausweichlich.
Christus begegnet uns aber nicht nur im Wort und den Sakramenten, sondern — für mich sehr entscheidend — in unseren Nächsten. Als ich im Februar im Rahmen der Ausbildung in Israel war und dort vor allem in Jerusalem, habe ich versucht Jesus an mehr oder weniger historischen Stätten auf die Spur zu kommen. Schon am zweiten Tag war ich sehr enttäuscht. Jesus war für mich nicht greifbar, wo ich ihn eigentlich suchen wollte. In der Grabeskirche, wo seiner Kreuzigung, Grablegung und Auferstehung besonders gedacht wird, war er für mich nicht mehr präsent. Das Grab war leer.
Ich war sehr bewegt, als ich dann christliche Ordensschwestern traf, die sich über die Grenzen von Religionen hinweg engagieren. Eine Ordensschwester leitet mitten in Jerusalem ein jüdisches Krankenhaus, wo besonders auf die Speisegewohnheiten der Juden sehr viel wert gelegt wird. Dort lassen sich auch Muslime gerne behandeln, weil sie sicher sein können, dass dort kein Schweinefleisch serviert wird. Natürlich sind auch Christen unter den Patienten. Die Geschichten, die mir diese Ordensschwester aus ihrer Arbeit heraus berichtet hat, die im friedlichen aber manchmal auch skeptischen Miteinander der Religionen stattfinden, haben mich zutiefst berührt. An diesem Ort wurde Christus für mich wieder greifbar.
Wie wir sehen, gibt es einige Wege, Christus zu begegnen: In den Sakramenten, im Wort, im Nächsten und mit Sicherheit auch auf vielfältige andere Arten. Nur müssen wir dazu sein Angebot annehmen. Lassen Sie uns gemeinsam durch die Tür gehen, die er uns anbietet. Ich würde gerne, so Gott dies zulässt, als Wegweiser auf ihn und seinen Sohn Jesus Christus hin fungieren. Darin sehe ich u.a. meine persönliche Berufung.
Amen.