Verabredet? Ja und?!


Über den Umgang mit Verabredungen damals und heute


Wer erinnert sich noch an die Zeiten ohne Smartphone? Wie haben wir damals Verabredungen ausgemacht? Für diejenigen, die es schon vergessen haben oder die junge Generation, die es gar nicht anders kennt, folgt hier ein kleines Beispiel:

Als ich zur Schule ging, haben wir uns tatsächlich noch auf dem Schulhof verabredet. Zunächst einmal setzte das voraus, dass man Freunde hatte. Ich rede hier nicht von 783 Facebookfreunden, sondern den “wahren” Freunden, denen man im richtigen Leben auch reale Zeit für Begegnungen eingeräumt hat. Der Verständigungsprozess für gemeinsame freizeitliche Aktivitäten beinhaltete dabei folgende Fragen:

  • Haben wir Lust gemeinsam etwas zu machen?
  • Haben wir Zeit für gemeinsame Aktivitäten?
  • Welcher Art soll die Aktivität sein?
  • Wer trifft sich dazu…
  • …wann und…
  • …wo?

In der Regel war damit alles geklärt. Man konnte sich darauf verlassen, dass zur angesagten Zeit auch alle Beteiligten an Ort und Stelle waren. Absagen war vergleichbar kompliziert, musste man dazu damals noch ein Festnetztelefon bedienen, welches voraussetzte, dass auch jemand vor Ort war, um die Absage entgegenzunehmen. Dies hatte eine hohe Verbindlichkeit zur Folge und man musste sich schon bei der Eingangsfrage, der Lust auf gemeinsame Aktivitäten, relativ klar sein und diese mit einem Ja oder Nein beantworten können.

Zusammenfassend komme ich also aus einer Generation, die bereits auf dem Schulhof gelernt hat, was Verbindlichkeit bedeutet. Wir waren mit Angeboten auch noch nicht so reizüberflutet, dass wir permanent dem Gefühl ausgesetzt gewesen wären, etwas zu verpassen. Dies ist heute anders: Wir sind ständig einem riesigen Angebot an Möglichkeiten in all unseren Lebensbereichen ausgesetzt. Unser kleiner Freundeskreis hat sich dramatisch erweitert. Theoretisch könnten wir zu jeder Zeit etwas mit unseren 783 Facebookfreunden unternehmen. Wie läuft verabreden also heute ab?

Aus persönlicher Erfahrung der letzten Zeit, kann ich auch hier zwei Beispiele anbringen:

Zunächst wird die Frage gestellt, ob Lust besteht etwas gemeinsam zu unternehmen. Natürlich nicht persönlich, sondern in Form einer Kurznachricht innerhalb unserer zahllosen Eingänge (Whatsapp, Facebookmessenger, iMessage, SMS, E-Mail…). Zu 99,99 % lautet die Antwort selbstverständlich Ja. Weil jeder weiß, festgelegt habe ich mich noch nicht und bis es soweit ist, kann ich ja immer noch gut absagen. Im nächsten Schritt wird dann die Frage nach der Art der gemeinsamen Aktivität gestellt. Hier werden dann in einem langen Prozess die Möglichkeiten schriftlich ausdifferenziert. Smartphones haben tatsächlich auch eine Telefon-App, jedoch wissen die meisten nicht mehr, in welchen Unterordner sie diese verschoben haben, weshalb sie aus Gründen der Zeitersparnis nun auch nicht zum Einsatz kommt. Vielleicht hat dies aber auch mit Verbindlichkeit zu tun?! Ein am Telefon ausgemachter Termin ist vielleicht eine bindendere Option unter vielen und würde vielleicht sogar als einengend empfunden.

Nachdem diese Eingangsfragen nun geklärt sind, kommen wir zu dem, was auf Grund der Verbindlichkeit nun zu einem Problem wird: Zeit und Ort. Hier erlebe ich folgendes: Eine Antwort ist: “Lass darüber nochmal schreiben.”, eine weitere: “Ja, wann kannst Du denn? … Da kann ich nicht, ich melde mich aber nochmal.” Dieses nochmal melden, muss dann mit Rückfragen eingefordert werden, worauf häufig die Frage kommt: “Wann kannst Du nochmal?”. Der Vorteil von Kurznachrichten im Gegensatz zum Telefon bzw. der Telefon-App wäre, dass man im Verlauf diese Frage bereits beantwortet findet und nur nach oben scrollen müsste. Nach einem Telefonat könnte man dies tatsächlich vergessen haben. Wer jetzt denkt, man nährt sich einer Lösung an, kommt wahrscheinlich aus meiner Elterngeneration und hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben. Jetzt wird das Thema nämlich für ein paar Tagen, im besten Fall Stunden verschleppt. Dabei schließt sich bereits das ins Auge gefasste Zeitfenster sowie die damit verbundene Möglichkeit, etwas gemeinsam zu unternehmen. Oft ist das Ende vom Lied dann die Absage mit zwei Hinweisen: “Mir ist kurzfristig was anderes dazwischen gekommen.” Das heißt so viel wie: “Ich habe parallel mehrere Optionen ins Auge gefasst und mittlerweile habe ich durch das Hin- und Herschreiben von Kurznachrichten jemand oder etwas Spannenderes gefunden als dich!”. Der zweite Hinweis: “Aber dann kannst Du ja was mit anderen Leuten machen! Wünsch dir viel Spaß!”. Dies impliziert meiner Meinung nach: “Du wirst dir ja sicher auch einen Strauß von möglichen Verabredungen für den gegebenen Zeitraum offen gehalten haben aus dem Du nun auswählen kannst.”.

Das zweite Beispiel befasst sich mit der Art der Verabredung. Es kommt auch vor, dass man sich verabredet, Ort und Zeit feststehen und eine hohe Verbindlichkeit herrscht. Nun freut man sich seit einigen Tagen auf einen Filmabend mit einem Kumpel und auf einmal trudelt wieder eine dieser Kurznachrichten ein. Er bringt nun seine Freundin mit, aber natürlich nur, wenn das ok ist. Man hat sich schon auf einen Männerabend gefreut, aber ist ok. Auf einmal öffnet sich eine dieser Gruppen in einer Kurznachrichten-App deiner Wahl und der Kumpel, seine Freundin, sowie weitere Personen wurden hinzugefügt. Aus einem gemütlichen Abend zu zweit wird nun eine Großveranstaltung mit mehreren Leuten, von denen man die Hälfte nicht kennt und zum verabredeten Zeitpunkt findet man sich dann in einer Großraumdiscothek wieder mit Menschen, die man vorher nie gesehen hat, obwohl man eigentlich ja nur mit seinem Kumpel einen Film gucken wollte. Auch das ein Phänomen dieser Zeit.

Vielleicht ist es dem werten Leser bereits bewusst geworden: Der Autor scheint, trotz des Versuchs der nüchternen Beschreibung, wütend oder (für die jüngere Generation) angepisst zu sein. Die Frage, die ich mir stelle: Bin ich dies zu recht? Eine andere Frage schießt mir in den Kopf: Bin ich spießig? Altbacken? Das Relikt einer vergangenen Generation? Dabei bin ich laut Definition doch ein sogenannter “Digital Native”. Nun ja, diese Fragen lassen sich hier nur schwer beantworten, daher mein Wünsche:

  • Werdet euch doch bitte gut klar über die Eingangsfrage: Habe ich Lust etwas mit der Person zu machen, die mich gerade anschreibt?
  • Stellt euch dann bitte folgende Frage: Hat das für mich eine solche Priorität, dass ich bereit bin für diese Person und die gemeinsame Zeit etwas anderes zu verpassen? (Verpassen tun wir ja ständig etwas, egal wofür oder wogegen wir uns entscheiden!)
  • Wenn beide Fragen mit Ja beantwortet werden, macht etwas aus und dies verbindlich und haltet euch nach Möglichkeit daran.
  • Sollte die zweite Frage mit Nein beantwortet werden, dann sagt direkt ab und zieht den ganzen Prozess nicht unnötig in die Länge.
  • Auch bei der Art der gemeinsamen Aktivität: Bleibt verbindlich. Steht zu den getroffenen Entscheidungen und werft nicht wieder alles über den Haufen aus Angst, etwas verpassen zu können (ich verweise hier nochmal auf mein zweites Beispiel).

Zum Schluss möchte ich noch eines betonen: Es gibt natürlich in allen Generationen Menschen, die es sowohl beherrschen zuverlässig und verbindlich zu sein als auch diejenigen, die es nicht sind. Persönlich freue ich mich über diejenigen, für die Verbindlichkeit und der damit ausgedrückte Respekt vor der Zeit der Anderen noch etwas zählt. Was man gegen die neue Unzuverlässigkeit tun kann, erklären in einem Arikel die Autoren von imgriff.com:

Dort findet man auch das folgende Youtubevideo, welches ich auch sehr passend finde:


Der Autor ist gerade einmal 32 Jahre alt, gehört zu den Digital Natives und ist stets verwundert, über das Verhalten von großen Teilen der Gerneration Y in Bezug auf den Umgang mit Verbindlichkeit.