Das Genie beherrscht das Chaos

Eine Aussage, die immer wieder Albert Einstein, manchmal auch anderen zugeschrieben wird, und das von Menschen strapaziert wird, die damit die Unordnung in ihrem Umfeld entschuldigen wollen. Das ist natürlich Humbug. Es mag sein, dass das Genie (ein Albert Einstein zum Beispiel) auch im Chaos Grosses zu leisten imstande ist. In einem aufgeräumten Umfeld, einem Ort höchster Konzentration auf das zu bearbeitende Thema, leisten diese Menschen ungleich mehr.Ein aufgeräumter Arbeitsplatz, d.h. ein leerer Schreibtisch (der reale und auch der virtuelle am Bildschirm) ermöglicht ablenkungsfreies Arbeiten.

Es gibt einen Versuch, der das leicht nachvollziehbar macht. Probieren Sie es selbst aus. Sie stellen eine geöffnete Schachtel voll Pralinen neben ihren Computer. Nach einem Tag (oder früher) wird diese Schachtel leer sein — oder ziemlich geleert. Stellen Sie am nächsten Tag wieder so eine Schachtel voll Pralinen auf, dieses mal aber geschlossen. Sie werden sehen, Sie essen weniger davon. Wenn Sie diese Schachtel auf den Nebentisch stellen (dritter Versuchstag), so dass Sie sie nur erreichen, wenn Sie aufstehen, dann werden noch mehr über bleiben.

Sie können das gleiche Experiment mit einer Wasserkaraffe wiederholen. Steht die Wasserkaraffe vor Ihnen am Schreibtisch trinken Sie mehr als wenn Sie aufstehen müssen. Sie trinken mehr davon, wenn diese Wasserkaraffe durchsichtig ist, als wenn sie undurchsichtig ist. Wenn Sie das Wasser sehen, wenn es leicht erreichbar ist, dann denken Sie daran, dass Sie trinken wollen/sollen und tun es auch. Zumindest eher, als wenn Sie zur Wasserstelle gehen müssen, um ihr Glas aufzufüllen.

Genauso verhält es sich mit Informationen, mit Hinweisen auf andere Tätigkeitkeiten, die noch zu erledigen sind. Das sind die vielen Zettel und Akten, die auf dem Schreibtisch liegen, das Chaos. Es lenkt ab, es verweist auf »offene Fäden«, auf Dinge, die noch zu bedenken sind, mitunter sogar dringend zu erledigen. All das lenkt von der aktuellen Aufgabe ab, unauffällig, ohne dass wir es bewusst wahrnehmen. In obiger Studie meinten die Teilnehmer sogar, sie hätten mehr von der Schokolade gegessen, wenn sie aufstehen mussten, obwohl das Gegenteil der Fall war. Und natürlich aßen sie mehr, wenn die Schokolade sichtbar war als wenn sie nicht sichtbar war.
Diese Studie zeigt, dass Chaos im Allgemeinen mehr vom Thema ablenkt als es nutzt. Darauf stützt sich die These, dass wir mehr leisten, wenn wir weniger abgelenkt werden. Ein guter Grund seinen Schreibtisch aufzuräumen. Das heißt genaugenommen, ihn abzuräumen. Die Gegenstände, vor allem die Notizen und Zeitschriften, die Akten, etc. sollen an definierten Orten zwischengelagert werden. Definiert sollen diese Orte sein, damit man die Dinge wieder findet, wenn man sie braucht, wenn sie an der Reihe sind bearbeitet zu werden. Der leere Schreibtisch ist der Ort an dem Genies und Nicht-Genies aufblühen, weil ein aufgeräumtes Umfeld die Konzentration auf das Thema erleichtert.

Das ist auch gleichzeitig ein Hinweis auf den einzigen Vorteil, den das Chaos unter Umständen liefert. Die permanente potentielle Inspiration, die Möglichkeit scheinbar Unzusammenhängendes zu verknüpfen. In diesem Chaos zu surfen, ist demnach auch eine Fähigkeit jener, die Design-Thinking anwenden. Wobei dieses Chaos nicht unbedingt in der dinglichen Welt vorherrscht, sondern oft bloß in den Gedanken. Designer (Kreative 😉) brauchen — ganz gegen dem Klischee — kein chaotisches Umfeld. Ganz im Gegenteil: Auch für Design-Thinker ist ein geordnetes, ein aufgeräumtes und damit ein konzentriertes Arbeiten förderndes Umfeld besser. So können diese Verknüpfungen, die sich aus der (geistigen) Ablenkung ergeben, besser und leichter verarbeitet werden. Man bringt das Gedachte besser auf den Punkt, wenn man nicht auch noch durch das Chaos in der dinglichen Welt irritiert wird.

Wie ist Ihre Erfahrung damit, trinken Sie mehr, wenn Ihr Glas vor Ihnen steht, essen Sie mehr von den Chips, wenn die Schüssel nahe ist? Schreiben Sie mir Ihre Erfahrungen dazu, ich beantworte jeden Beitrag persönlich.


Originally published at Rudolf Greger.