I’m burning up a sun just to say goodbye.

Wir stecken fest, doch kann nicht sagen, wie lange schon und ob das an mir liegt oder am Schnee auf den Alpen. Wenn du dir Wissen als eine Landkarte vorstellst, ein furchtbar kolonialistischer Gedanke, sagt Svenja, dann sind meine Gedanken der blasse Melagnefleck irgendwo am linken unteren Ende der Karte. Neben der Stelle mit dem x. Und deinem Namen.

Irgendwo zwischen Wäscheklammern, Gletscherspalten und verschiedenfarbigen Blau- und Grautönen liegt etwas, an das ich eine sehr lange Zeit nicht mehr gedacht habe (ich weiß nicht, was es ist). In dem Moment, als mir bewusst wird, dass wir feststecken, kämpft es sich zurück an die Oberfläche meiner Gedanken und zerplatzt mit einem warmen Klatscher an den Innenwänden meiner Schädeldecke.

Ich atme hörbar aus.

(…)

Neben uns im Aufzug steht Jonathan. Er heißt so, weil Svenja sich am Wort Wäschesammelwagen stört, am Ä, den As und den Es, du weißt schon. “Es stiehlt mir die Zeit,” ist es irgendwann aus ihr heraus gebrochen, und weil Svenja zu den Menschen gehört, die Yorkshire Pudding mögen und Menschen mit Vollpension nicht ausstehen können, tauschte sie ihre gestohlene Zeit gegen den Namen eines Gastes aus Zimmer 207.

Bekommt man Ketchup leicht wieder aus Bettwäsche heraus? Ich weiß es nicht, aber der Name Jonathan blieb kleben wie ein Fleck Tomatensoße und wenn ich ehrlich bin, dann mag ich ihn — aber ich weiß auch, dass du das nicht tun würdest. Nicht hier. Nicht … na ja … so.

(…)

“Ich kündige. Gleich mörgen früh. Ich versprech’s.”

Es ist siebzehn Uhr nachmittags und alle sind beim Tee. Während ich auf meinem Handy bereits die sechste SMS an den Anrufbeantworter von der Rezeption sende, hört Svenja nicht damit auf, mit der flachen Hand im Rhytmus meiner Kopfschmerzen gegen die Fahrstuhltür zu hämmern.

Ich schließe die Augen, falte die Hände über der Stirn zusammen und warte darauf, dass der Schneesturm in meinem Kopf aufhört zu tosen. Wenn wir Glück haben, kommt in den nächsten paar Minuten eine von den anderen Zimmermädchen vorbei. Wenn nicht, wäre mir das auch egal.

Svenja stöhnt und sinkt neben mir zurück auf die Erde. Vielleicht ist es besser, wenn wir uns mit den Laken aus dem Bauch von Jonathan ein kleines Zelt bauen, denke ich. Jeder bekommt zwei Quadratmeter, und die Handtücher legen wir als Teppich auf dem Fahrstuhlboden aus. Wenn das Tragseil reißt, wird der Wind unser Stoffzelt in der Luft erfassen und sanft nach unten tragen, bevor wir im Keller des Gebäudes in winzig kleine Glasscherben zerspringen werden — zu klein, um sie zu zählen oder uns noch richtig auseinander zu halten. Beim Gedanken daran muss ich lachen, auch, weil mir gar nichts anderes übrig bleibt.

(…)

Heute Nacht habe ich mir Schlaf eine Beule geholt, und das Pochen hat mich bis zum Morgen nicht richtig schlafen lassen. Erst als sich um Sieben die ersten Menschen in ihren dicken Skianzügen über den Flur an meiner Zimmertür vorbei geschoben haben, bin ich aus dem Bett gekrochen und habe im Badezimmerspiegel die kleine Burg auf meiner Stirn bewundert. Ordentlich rot hat sie ausgesehen und vielleicht sogar ein kleines bisschen Lila. Und obwohl ich es nicht wollte, habe ich mir vorgestellt, wie du ihr in Gedanken einen Kuss gibst. Einen kleinen nur, den aber bestimmt. Ähnlich einer Frage, ähnlich einem Befehl.

“Lass das,” hätte ich gesagt. Und in Gedanken: Geh jetzt bitte.

Auf dem Balkon war es kalt. Mitte Februar. Während ich in Pyjama und Wollsocken den Neuschnee von den Holzplanken gefegt habe, suchte ich auf meiner Zunge nach den richtigen Worten.

Mir fehlten die Stadt, meine Menschen und du.

(…)

Ohne dir davon zu erzählen bin ich losgefahren. Das ist jetzt acht Wochen her. Weg vom Wasser, weg von den Nächten, weg von dir. Vom Supermarkt bis zur Autobahn waren es nur ein paar hundert Meter zu Fuß. Vielleicht auch mehr, das weiß ich nicht, zu viel Nebel, zu viel verloren gegangene Erinnerung. Drei verpasste Anrufe später fing dann die Sache mit dem Schneeregen an und meine Schuhe wurden nass.

Wenn ich ehrlich mit dir bin, gehört diese Nacht nicht gerade zu meinen besten Entscheidungen, aber ich will nicht ehrlich mit dir sein.

Letzten Sommer habe ich noch im Eiscafé am Reiher gearbeitet. Dann kamst du, hast dich erst dazu gesetzt, und zwei Abende später neben mich gelegt. Am Anfang war es gut jemanden zu haben, der im gleichen Rhythmus atmet wie man selbst, aber irgendwann habe ich angefangen mich vor mir selbst zu fürchten und im Rückblick kann ich nicht mehr sagen, was zuerst da war: die Tränen, das Schweigen, oder dieser Durst nach Wind und kalter Luft.

(…)

Als dann am Straßenrand plötzlich dieser Wagen anhielt, habe ich meinen Traum vom Abenteuerurlaub auf einem Polarschiff einfach aufgegeben und bin eingestiegen. Erst fünf, sechs Trinkpäckchen später hat mich der grüne Kombi an einer Tankstelle irgendwo in den Bergen wieder ausgespuckt. Dem älteren Herr im gestreiften Jackett habe ich für die Weiterfahrt noch eine Tafel Rittersport und eins meiner Postkarten-Lesezeichen geschenkt. Die aus Sardinien, du weißt schon, die mit den Tauben. Jogginghose, Turnschuhe und Unterwäsche für vier Tage hatte ich dabei. Den Rest habe ich mir von meinem ersten Lohn unten im Tal gekauft.

(…)

Zurück vom Balkon habe ich den Besen an den Schrank gelehnt, mich auf die Bettkante gesetzt und vorsichtig den Geschmack von Zahnpaste beiseite geschoben, um nach einem leisen Fluch zu suchen. Doch alles, was ich fand waren Mohnkörner, Zahnschmelz und ein fernes Rauschen. Ehe ich mich innerlich zur Ordnung rufen konnte, war das Rauschen wieder fort und ich auf dem Weg zurück unter die Bettdecke.

Im Raum verblieben: Januar, Februar, März, April.

(…)

Auf der Suche nach einem Platz für eine Geschichte zwischen Schweigen, Glück und grauen Tagen sitze ich mit dem Rücken an die Wand gelehnt da — und klammere mich an die wenigen Buchstaben, die mir noch geblieben sind, so stark wie an die Reckstange im Sportunterricht der achten, neunten Klasse.

Meinen Pass bewahre ich in der Schublade neben meinem Bett auf.

(…)

Hinter den Fahrstuhlwänden hört man die Lawine ins Tal rollen.

(…)

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